Fähnchen, Fingernägel und Fangekreische!

Fähnchen, Fingernägel und Fangekreische!

Fähnchen, Fingernägel und Fangekreische!

Die WM ist vorbei, das Hupen hat aufgehört und die Farben Schwarz-Rot-Gold scheinen nicht mehr omnipräsent. Ein Land im Siegestaumel, während mir allerdings vor allem eine Gruppe in den letzten Wochen negativ aufgefallen ist: Die weiblichen Fans.

Es ist kein neues Bild, wenn Männer schon in der Halbzeit eines WM-Spiels herumtorkeln und Motivationsgesänge anlallen, pardon, -stimmen. Da verwandelt sich die Public-Viewing-Area zu einem Ausflug ins Ballermann-Areal und wer das nicht mag, kann getrost zu Hause bleiben, denn an den guten Geschmack beim Durchschnittszuschauer zu appelieren, ist so sinnlos, wie einen Frutarier vom durchwachsenen Schweinebauch überzeugen zu wollen.

Aber. Mein persönliches Aber. Was, bitte, ist mit einer Vielzahl der Frauen in den letzten Tagen losgewesen?

Wo war euer letzter Hauch von Stil, wieso war euer Fremdschäm-Barometer gänzlich ausgeschaltet und warum habt ihr euch alle verkleidet, als würdet ihr in einen deplatzierten Faschings-Krieg ziehen, obwohl ihr nicht mal wisst, was Abseits ist?

Uff, mag sich manch eine(r) nun denken, da wirft sie aber mit subjektiven Einschätzungen und pauschalen Beobachtungen um sich. Mag sein, doch lasst euch gesagt sein, dass ich meine Meinung über die letzten vier Wochen geformt habe und eine erschreckende Beobachtung beim Finale am Sonntag erlebt habe. Hier ein kleiner Erlebnisbericht:

Sonntagabend in München, ein lauer Sommerabend, es liegt der Geruch von Grillfleisch in der Luft und rund 100 Menschen haben sich in einem Hinterhof direkt an der Leopoldstraße eingefunden, um den greifbaren WM-Titel gebührend zu feiern.

Schon immer muss ich über die Damen schmunzeln, die zu diesen Events nicht nur in Schwarz-Rot-Gold gekleidet sind, sondern sich auch die Flaggen ins Gesicht malen und sich mit Haarbändern, Spangen, Handtaschen und Accessoires jeglicher Art behängen. Verstehe ich nicht, soll mir aber Recht sein, mein sehr neutrales Outfit mag den Geschmack genau derer vielleicht genauso wenig getroffen haben.

Nur ist mittlerweile meine These, dass je mehr Glitzi-Glitzi im Gesicht ist, desto weniger geht es ihnen um das Spiel – den Fußball – an sich. Da wurde teilweise munter und volle 90 Minuten durch die Instagram-Timeline geklickt und ganz stolz die Leinwand abfotografiert – für was auch immer, #dabeiseinistalles?

Sobald dann sinnlose und ehrlich gesagt ziemliche überflüssige Schimpfgesänge auf die gegnerische Mannschaft angestimmt wurden, waren es gerade die Frauen, die munter mit einstimmten und ihr Repertoire an Zeigebewegungen (erst Zeigefinger, dann Mittelfinger) Richtung Leinwand ausführten – haben die meisten von ihnen doch leider so gar keine Ahnung gehabt, warum sie das überhaupt taten – und wandten sich wieder dem Chihuahua auf ihrem Schoß zu, wahlweise auch der Salatschüssel oder den in selbstverständlich landestypischen Farben bemalten Fingernägel.

Am Ende waren wir Sieger. Nach einer widerlichen Bierdusche und meinem verzweifelten Versuch, das Tor zumindest in einer der gefühlt tausend Wiederholen auch nur einmal zu sehen, wurde mir das auch klar. Als ein betrunkener Zuschauer rassistische Klänge gegen die am Boden zerstörte, argentinische Mannschaft grölte, setzte es bei mir aus. Und es war gerade eine Bekannte, die mir freundlicherweise erklärte, dass das eben so sei bei einer WM. Und ich, ich wusste nicht, ob ich sie belächeln sollte und ihr sanft das Köpfchen streicheln, oder schockiert eine Diskussion anstiften.

Und nun frage ich mich wirklich, warum so viele Frauen ihren Stil in den letzten vier Wochen mit dem Altpapier zur Tür gebracht haben und sich selbst in keifende Fußball-Kommentatorinnen verwandeln mussten?

Als Antwort auf meine Gedanken denke ich erneut an Sonntagabend zurück:

Hysterisches Gegacker seitens der Wallemähnen mit Fähnchen im Gesicht:
„Ja, was machen wir denn jetzt ohne die WM?“ Hihihihahahaohoho.

Hahaha. Ne, das nehme ich euch einfach nicht ab.

 

(Bildquelle: blackjackgarcia via cc by sa-2.0)

 

WEITERE ARTIKEL, DIE DICH INTERESSIEREN KÖNNTEN

Kolumne: Nein aus Selbstliebe

Kolumne: Nein aus Selbstliebe

Ein Gebäude, das auf einem morschen, unsoliden Boden erbaut wird, kann keineswegs einem Erdbeben oder auch nur ein

MEHR
Kolumne: Ich bin nicht deine Egospritze!

Kolumne: Ich bin nicht deine Egospritze!

Es ist Samstagvormittag, als sich mein Smartphone bemerkbar macht und eine Nachricht von dir anzeigt. Wieder einmal

MEHR
Kolumne: Rolex-Peter und Louis-Vuitton-Wendy

Kolumne: Rolex-Peter und Louis-Vuitton-Wendy

Zu Zeiten von Selbstoptimierung und unersättlichem Streben nach Perfektion gilt das Rasten oder Pausieren als fata

MEHR
Kolumne: Männer, was könnt ihr eigentlich noch?

Kolumne: Männer, was könnt ihr eigentlich noch?

Vielleicht mag es an meinen Wurzeln liegen, dass ich mir diese Frage immer wieder aufs Neue stelle! Als Tochter ein

MEHR

Kommentieren