„Eine Enttäuschung ist das Ende einer Täuschung“. Sagt der Wortursprung. Ich bin manchmal absolut fasziniert davon, was ein Wort eigentlich aussagen soll. Und wenn man ein bisschen länger darüber nachdenkt, dann merkt man meist, dass der Ursprung sehr nah ist am täglichen Gebrauch. Ich bin verdammt enttäuscht. Und merke, dass ich mich selbst getäuscht habe.

Vor zwei Tagen war das. Ich habe eine Nachricht übermittelt bekommen, die mich für den ersten Moment dramatischerweise in ein schwarzes Loch fallen lies. Der Aufprall war besonders hart. Immer wieder hatte ich zu meinen Mitmenschen gesagt, ich bin so enttäuscht. Und erinnerte mich daran, dass ich vor Jahren den Wortursprung mal gelesen hatte.

Ich hatte mich selbst getäuscht. Ladys and Gentleman, hier steht sie, die arme kleine Kolumnistin, die einfach davon ausgegangen ist, dass sich die Welt manchmal auch um sie drehen würde. Wer mag sie denn mal kurz in den Arm nehmen? Danke, das ist lieb.

Und jetzt? Keine Ahnung. Wenn ich etwas erfahre, worüber ich alles andere als amused bin, dann setzt bei mir als allererste Emotion eine Art Schockstarre ein, heißt, ich sitze mit offenem Mund und aufgerissenen Augen da und versuche zu begreifen, was da gerade passiert. An dieser Stelle sei kurz erwähnt: Wusstest ihr, dass sich die Lebewesen einteilen lassen in diejenigen, die in Gefahrensituationen die Flucht ergreifen und in die anderen, die einfach stehen bleiben und nichts tun? Ich gehöre zur Gruppe Zwei.

Darauf folgt meist die Wut. Von ich kann es nicht begreifen zu ich will es nicht begreifen. Der Klassiker, denn bringen tut es gar nichts, außer Bauchschmerzen und schlaflose Nächte. Und dann, irgendwann, setzen Trauer und eben Enttäuschung ein. Emotionen, die den Verarbeitungsprozess endgültig einläuten. Man fängt an, eine Sache zu akzeptieren, man stellt sich nicht mehr dagegen, aber es tut trotzdem weiterhin weh.

Und da stehe ich jetzt. Bin enttäuscht wie schon lange nicht mehr und habe auch keinen Plan A oder B, weil ich nicht damit gerechnet hatte. Wie auch, ich hatte mich ja im Vorfeld galant getäuscht. Oder: Ich würde getäuscht. Wie auch immer.

Mit das Schwierigste im Leben ist – finde ich – wenn Menschen, die man manchmal gar nicht kennt, eine Entscheidung treffen, die dein eigenes Leben beeinflussen. Und du kannst nichts dagegen machen, als eine neue Richtung einzuschlagen. Und dich absolut machtlos währenddessen zu fühlen. Weil du etwas tun musst, was überhaupt nicht deinem Weg, deiner Vorstellung entspricht. Und ja, manchmal entwickeln sich solche Horrorszenarien in etwas Schönes, man sitzt dann ein paar Monate später entspannt da und räumt ein, dass es gut so war, wie es gelaufen ist.

Doch im Moment der Enttäuschung hilft das alles nichts. Da muss man durch, das ist wie bei jeder anderen Emotion, in die man hineingeworfen wird und keine Lust dazu hat. Das Schöne ist, dass man genau dann manchmal merkt, wie viel Kraft so ein Gefühl hat und man daraus schöpfen kann, aus eigenen Stücken einen eigenen Weg zu gehen. Denn nichts fühlt sich besser an, als eine Entscheidung für sich selbst zu treffen. Und dann hineinzuspringen, in ein Loch, das nicht schwarz ist und der Boden aus Zuckerwatte besteht.

 

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Foto: Anika Landsteiner privat