Stefanie Heinzmann

Vier Jahre lang war es ruhig um Stefanie Heinzmann geworden, doch jetzt kommt sie mit einem riesigen Knall zurück. Ihr neues Album „All We Need Is Love“ steht in den Startlöchern und erscheint am 22. März. Wieder einmal zeigt die Schweizerin aus dem schönen Wallis, was sie kann. Zudem stehen ab Juni unzählige Konzerte an, bei denen sie ihre Fans für ein paar Stunden mit auf ihre Reise durch das Leben nimmt. Wie es zu dem sehr besonderen Song „Mother´s Heart“ kam, was dieser für sie bedeutet, welche Botschaft dahintersteckt und wie sie all die jetzt wiederkehrenden Herausforderungen erneut meistert, haben wir sie beim Interview gefragt. Doch wir wollten auch wissen, wie ihr kleiner Heimatort mit einer so weltoffenen Persönlichkeit umgeht, wieso sie nie wirklich die Schweiz verlassen würde und wie es zu ihrer optischen Veränderung kam.

AJOURE´: Hallo Stefanie, wie geht es dir?

Danke, ganz gut, am Montag hat die Promotour angefangen und es ist total spannend. Ich hatte das so das letzte Mal vor vier Jahren beim letzten Album und das ist eine sehr intensive Zeit. Da ist es immer einen Monat lang sehr stressig, aber ich habe das inzwischen echt gut in den Griff bekommen. Ich war früher immer sehr viel unterwegs, aber irgendwie wird man doch älter. Im Gegensatz zu damals bin ich jetzt relativ viel zuhause, aber die Promotour wird jetzt richtig spannend. Ich war zum Beispiel gestern in Wien, am Montag in München, heute in Berlin und heute Abend im Zug nach Hamburg. Morgen Abend fliege ich aber schon wieder nach Hause nach Wallis, wo ich aufgewachsen bin.

AJOURE´: Hattest du nie die Intension, das Land zu verlassen?

Ich habe tatsächlich schon darüber nachgedacht, weil ich so viel unterwegs bin, aber letztendlich bin ich ja überall unterwegs und es gibt nicht einen bestimmten Ort, an dem ich viel arbeite. Meine Band lebt in Köln, das wäre vielleicht das Naheliegendste, da ich dort die meisten Leute habe, aber ich bin einfach kein Stadt-Mensch und will immer wieder zurück nach Hause.

AJOURE´: Wie groß ist denn der Ort, in dem du wohnst?

500 Einwohner, da kennt dann jeder jeden :). Meine Familie ist ebenfalls dort, ich wohne in der Wohnung von meiner Oma und im Haus meiner Eltern. Meine beste Freundin wohnt sieben Minuten mit dem Auto entfernt von mir und zum Runterkommen ist es einfach wunderbar. Ich bin sehr viel unterwegs und wenn ich mir dann vorstelle, dass ich übers Wochenende in meine Wohnung nach Berlin komme und dann extra Reisen planen muss, um meine Familie zu besuchen, wäre dies kontraproduktiv für mich, denn ich bin viel zu familiär. Und je älter ich werde, desto mehr Zeit nehme ich mir für meine Familie. Früher bin ich eigentlich nur nach Hause gekommen, um zu schlafen und meinen Koffer auszupacken, aber heute liebe ich die Zeit mit meiner Familie.

Stefanie Heinzmann

AJOURE´: Fast auf den Tag genau vier Jahre ist es her, dass dein letztes Album erschien. Jetzt kommt am 22. März dein Neues raus. Bist du aufgeregt?

Ich bin tatsächlich aufgeregt – allerdings nicht schlimm oder negativ, sondern auf eine gute Art und Weise. In dem Album steckt so viel Herzblut und die vier Jahre waren für mich sehr intensiv. Ich habe Vieles geändert, gelernt und eine große Weiterentwicklung für mich gemacht. Es war eine sehr spannende Zeit und ich traue mich nicht, mich einfach darauf zu verlassen, dass es läuft, nur weil man das jetzt schon seit elf Jahren machen darf. Man weiß nicht wie es läuft und wie es ankommt, deswegen bin ich etwas aufgeregt, aber ich freue mich darauf. Das Jahr ist jetzt schon komplett durchgeplant, trotzdem weiß noch keiner so richtig, wie das Album klingt und wie es laufen wird.

AJOURE´: Was kam denn zuerst? Deine optische Änderung oder der Schritt zum neuen Album? Und was hat es mit der Typveränderung auf sich?

Eigentlich ist es gar keine richtige Typveränderung, ich habe lediglich meine Haare gefärbt. Das Lustige ist, dass mir meine Haare eigentlich überhaupt nicht wichtig sind. Ich hatte vorher rote Haare, die auch schön waren, aber mir bedeuten Haare einfach nicht sehr viel. Einer meiner besten Freunde ist mein Friseur und er meinte, lass uns deine Haare doch einfach mal „weiß“ machen. Ich dachte mir, nee, auf gar keinen Fall, was soll ich denn mit weißen Haaren? Aber dann merkte ich, dass mir das nicht mehr aus dem Kopf ging und dachte irgendwann, dass es vielleicht ganz witzig wäre. Dann bin zu ihm gefahren und sagte: „Komm, mach weiß. Ist doch egal!“ Das war tatsächlich die Entscheidung, da ist gar keine Trennung oder so dahinter. Ich glaube, dass sich mein Stil mit mir zusammen entwickelt hat. Wenn ich daran zurückdenke, wie ich mit 18 ausgesehen habe, wie ein kleiner Emo-Junge. Ich fand alles, was nur ansatzweise weiblich aussah, ganz schrecklich. Mit einem Kleid hättest du mich jagen können. Aber jetzt mit 29 Jahren finde ich, gibt es nichts Cooleres, als im Sommer ein Sommerkleid zu tragen. Man verändert sich einfach, seine Meinung und auch sein Stil. Das bringt einfach die Erfahrung, die man macht, mit sich. Und mit den Haaren war das eben genauso. Am liebsten würde ich mir ja eine Glatze schneiden lassen, aber vielleicht kommt das ja noch.

AJOURE´: Feiern die Menschen im Wallis deinen Style? Von deiner Optik her bist du ja eigentlich original Berlin.

Ehrlich? Ich bin schon ein ganz schöner Hipster, ne? 😉 Im Wallis ist das eher sehr gemischt. Gerade die walliser Jugendlichen reisen gerne und wollen auch die Welt sehen oder studieren woanders. Das Lustige am Walliser ist, dass er aber immer wieder zurückkommt. Natürlich ist Wallis nicht gerade hip, dafür aber besonders schön. Ich falle dort mit meinem Look jetzt nicht auf wie ein bunter Vogel, aber natürlich merkt man schon die Blicke. Mir ist es egal, was die Leute von mir denken und das ist, wenn man im Wallis lebt, nicht so leicht, weil jeder einen kennt. Ich gehe zum Beispiel in Jogginghose einkaufen, das macht dort fast niemand.

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AJOURE´: Die zwölf Songs auf deinem neuen Album sind eine Mischung aus Popsongs und Balladen. Wieviel eigene Erfahrungen und selbst Erlebtes steckt in den Lyrics?

In diesem Album sind es echt 100% und das ist wirklich toll. Ich habe vor drei Jahren angefangen zu schreiben und da ging zuerst gar nichts. Ich war so müde und entnervt, dass ich erstmal eine Auszeit genommen habe. Dann habe ich das Management und das Label gewechselt. Ich habe auch sehr viel hinterfragt, ob das wirklich der Job ist, den ich machen will, bis ich selbst gemerkt habe, ja, das will ich auf jeden Fall machen. Und all dieses Nachdenken und die Selbstzweifel stecken mit in diesem Album. All diese Kritik und Angst, die um uns herum herrscht, fängt eben bei einem selber an. Leute, die mich im Internet kritisieren, sind auch einfach nicht happy mit sich selbst. Es kostet viel Energie, an sich selbst zu arbeiten.

AJOURE´: Sind die Lyrics alle von dir selbst geschrieben oder hast du dir zuarbeiten lassen?

Beides. Ich mache immer Sessions mit verschiedenen Songwritern. Ich bin nicht der größte Lyrics-Schreiber, da ich auch wenig Geduld mit mir und meinen Gedanken habe. Ich stoße da an meine Grenzen und merke selbst, dass es mir viel leichter fällt, wenn ich mit jemandem darüber sprechen kann. Und so entstehen die Texte im Gespräch. Wir setzen uns dazu meistens zu dritt zusammen, einer macht Musik, einer macht Text und ich komme mit einem Thema und einem Vibe dazu, in welche Richtung es gehen soll. Daraus entsteht dann eine Art Diskussion. Ich kann meine Meinung zu einem Thema äußern und die anderen lassen ihre Meinungen auch mit einfließen. So entsteht der Text, der dann eine gewisse Dreidimensionalität bekommt, weil er eben nicht nur meine Sicht beinhaltet, sondern das Thema aufgebrochen wird, sodass jeder einen Zugang dazu findet.

AJOURE´: Der Song „Mother’s Heart“ hat eine besondere Bedeutung für dich. Warum?

Ich wollte einen Song über genau diese Selbstzweifel schreiben. Als ich mit 18 Jahren diese Phase hatte, in der ich wie ein Junge aussah, war ich so unsicher. Ich hatte so viel Angst davor, eine Frau zu werden und fand mich nicht weiblich genug. Später zweifelte ich an mir, ob ich auf dem richtigen Weg bin und alles richtig mache. Manchmal finde ich mich richtig scheiße und bin so gemein zu mir selbst. Und darüber wollte ich einen Song schreiben. Da habe ich mir überlegt, was eigentlich meine Mutter dazu sagen würde. Klar, für meine Eltern bin ich das, was die beiden geschaffen haben. Ich glaube, in den meisten Fällen sagen die Eltern, dass ihre Kinder das Beste sind, das sie gemacht haben und haben zu ihnen eine starke Verbindung. Und dieser Gedanke hat mich total milde gestimmt. Ich habe mir einfach überlegt, wenn ich eine Tochter hätte, dann würde ich ihr einfach nur sagen wollen, es ist doch scheißegal wie du aussiehst oder was du machst, mache einfach nur das, was dich glücklich macht. Klar ist es hart, sich nicht mit anderen zu vergleichen und auch ein ganzes Stück Arbeit an sich selbst. Aber wenn ich mich mit anderen Leuten vergleiche, dann vergleiche ich mich mit einem Menschen, der nicht gleich aufgewachsen ist, der nicht das Gleiche erlebt hat und der überhaupt nicht am gleichen Punkt im Leben ist, wie ich es bin. Das kann ja überhaupt nicht funktionieren.

Ich möchte mit diesem Album und gerade mit „Mother’s Heart“ einfach sagen, dass du genau da, wo du gerade bist, richtig bist. Alle Fehler und Erfahrungen, die du gemacht hast, waren genau richtig, denn die haben dich dorthin gebracht, wo du jetzt bist. Und von da aus wird dein Weg weitergehen. Denn das ist dein Weg und der gehört keinem anderem. Und du musst auch nicht anders sein.

Das ist total schwer, das durchzuziehen, gerade im Teenager-Alter, aber es lohnt sich. Und gerade, wenn man da stoisch dranbleibt und sich auch immer selbst zuredet, kann sich das manifestieren. Wenn man versucht, sich einmal am Tag im Spiegel anzulächeln und sich zu selbst zu sagen, dass alles gut ist und man alles hinbekommt, dann fühlt sich das gut an. Man sollte sich auch mit guten Leuten umgeben und gute Dinge tun. Das können auch nur Kleinigkeiten sein, aber das tut einfach gut.

Das ist einfach alles Energie, die auch zurückkommt. Wenn ich lerne, mich selbst zu lieben und wertzuschätzen, dann ist es auch viel leichter, die Menschen um mich herum wertzuschätzen und auch den Planeten, auf dem wir leben.

AJOURE´: Welches ist denn dein persönlicher Lieblingstrack auf dem Album?

Das ist wirklich schwer zu beantworten, denn ich habe zu jedem Song meine Story. Aber wenn ich mich entscheiden müsste, dann ist es „All We Need Is love“. Ich liebe die Energie und die Art und Weise, wie kräftig er ist. Außerdem liebe ich den Text, da er die verschiedenen Facetten der Liebe so schön beschreibt. Er spiegelt das krasse Gefühl der Liebe so gut wider, wie es jeder auf die ein oder andere Art schon gespürt hat. Es kann so wehtun und man kann sich so verrennen, aber auch so davon zehren und sich motivieren lassen. Zum Beispiel für eine Passion, ein Hobby, einen Menschen oder auch die eigenen Kinder – Liebe ist einfach so ein starkes Gefühl, welches uns antreibt.

Es war eines der ersten Lieder, das wir für das neue Album geschrieben haben und das war für mich so eine Art Startschuss, der mir die volle Energie gegeben hat. Auf das Live-Performen dieses Songs freue ich mich ganz besonders, da dieser so eine „Ja, man!“-Energie hat.

AJOURE´: Vier deiner fünf Alben erschienen im März, also immer passend zu deinem Geburtstag. Hat das eine besondere Bedeutung?

Das ist tatsächlich kein Datum, das ich mir ausgesucht habe, obwohl das ein toller Zufall ist. Es gibt in der Musikbranche zwei Zeitfenster für Musiker, um Alben zu veröffentlichen. Das ist einmal der Herbst und einmal der Frühling. Denn im Sommer ist immer ein Loch, da ist dann in der Regel Sommerpause. Im Winter sind alle im Urlaub und wollen Weihnachten feiern. Im Herbst will man nicht rauskommen, weil da vor allem die Großen ihre Alben veröffentlichen, die das Weihnachtsgeschäft mitnehmen wollen. Da verkaufst du vielleicht mehr, aber du gehst zwischen den internationalen Acts total unter. Deshalb bleibt dann nur der Frühling. Von der Taktung her wird dann zuerst im Januar die Singleauskopplung veröffentlicht, um so langsam zu starten und sechs Wochen nach der Single kommt dann das Album.

Stefanie Heinzmann Interview

AJOURE´: Im Herbst startest du deine „All We Need Is Love“-Tour mit über 20 Auftritten in Deutschland, der Schweiz und Luxemburg. Wie bereitest du dich auf so ein Pensum vor?

Das weiß ich noch gar nicht. Ich habe im Oktober frei und da habe ich mir eigentlich vorgenommen, auf den Kilimanjaro zu steigen. Den Sommer durch muss ich natürlich schauen, dass meine Stimme stark bleibt, aber das wird durch die Festivals, die anstehen, sowieso passieren. Und dann muss ich noch mein Immunsystem ein wenig aufpeppen, damit ich auf der Tour nicht krank werde. Das wird schon anstrengend und ich habe auch Respekt davor, denn das ist meine bislang längste Tour. Ich bin gespannt, aber ich freue mich darauf, die tollen Songs zu spielen. Ich glaube, dass ich einfach ein bisschen gut zu mir sein muss und werde viel schlafen. Zwischendurch werde ich etwas Sport treiben oder einfach spazieren gehen, um das ganze System am Laufen zu halten.

AJOURE´: Was ist für dich das Schönste, wenn du auf der Bühne stehst?

Das Schönste ist für mich, diese Zeit zusammen zu verbringen. Ich liebe es einfach zu singen, schon alleine der Fakt, dass ich singen darf, macht mir schon richtig viel Spaß. Und dass Leute sich dazu entscheiden, ein Ticket zu kaufen und auf das Konzert kommen, um mit mir den Abend zu verbringen, ist für mich schon so ein Privileg und ein Kompliment. Da habe ich einfach Bock darauf, mit ihnen zu feiern. Aber auch zu hören, wie die Leute deine Lieder mitsingen, ist echt abgefahren. Der Job ist echt toll und hat so viele Facetten.

AJOURE´: Jetzt bist du ja schon ein paar Jahre im Geschäft und bist fast schon ein alter Hase. Gelingt es dir heute trotzdem noch, etwas zum ersten Mal zu erleben?

Das ist ganz spannend, denn ich führe Tagebuch und jedes Mal, wenn ich etwas zum ersten Mal erlebe, schreibe ich oben in die Ecke eine 1. Denn man vergisst das so schnell und macht das auch so unbewusst. Lass mich mal in meinen Kalender schauen. Also zum Beispiel hatte ich dieses Jahr das erste Mal zehn Millionen Streams von „Build A House“. Und ich war in diesem Jahr das erste Mal bei der BMG, was für mich sehr spannend war, da ich ja nach zehn Jahren das Label gewechselt habe. Und wir hatten einen Videodreh mit Special-Make-up, wofür ein Abdruck von meinem Kopf gemacht wurde. Das war auch ein total abgefahrenes Erlebnis, das ich zum ersten Mal erlebt habe. Und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben gesagt: „Huch, meine Nase rutscht.“ (lacht)

AJOURE´: Was steht bei dir außer der Tour in der nächsten Zeit noch an?

Ich bin jetzt den ganzen Monat auf Promotour, am Geburtstag geht’s dann nach Hause in die Berge und dann starten wir ziemlich direkt danach in die Festivaltour, worauf ich mich super freue. Ich spiele in Deutschland auf mehreren Jazz-Festivals und bei Stadtfesten und in der Schweiz bin ich auf dem Gampel-Festival, das ist quasi bei mir zuhause. Das ist natürlich etwas Besonderes, weil ich dort vor rund 30.000 Zuschauern spiele und ich auch viele kenne, die dort hinkommen. Nach der Festivaltour werde ich hoffentlich zum Kilimanjaro reisen und danach geht die Tour los. Und dann ist auch schon wieder Weihnachten. Das Jahr ist also voll durchgeplant, aber ich halte das alles in meinem Kalender fest.

AJOURE´:Dann wünsche ich dir für dieses Jahr noch viele Einsen in der Ecke des Tagebuchs und viel Erfolg für deine Konzerte!
 

Stefanie Heinzmann Interview

 

Fotos: Benedikt Schnermann; Sven Germann; BMG