Niemals hätte Anna Ternheim sich vor vielen Jahren vorstellen können, mit Musik so erfolgreich zu werden. Im Gegenteil. Sie spielte zwar schon im Alter von 9 Jahren Gitarre, doch bevor es zu einer künstlerischen Karriere kam, studierte sie Politikwissenschaft, Französisch, arbeitete in Restaurants und Küchen sowie in Büros, ehe sie feststellte, dass administrative Arbeit ihr nicht liegt und sie in den kreativen Bereich möchte. Sie verbrachte also sechs Monate an der School Of Architecture und malte, was das Zeug hält. Doch nebenher spielte sie immer in Bands – und am Ende kam es, wie es kommen musste. Vor über 15 Jahren begann ihre Karriere und auch hierzulande haben es Annas Lieder schon wochenlang in die Charts geschafft. Mit ihrem neuen Album möchte sie jetzt allerdings auch in Deutschland richtig durchstarten. Wie sich das neue Album anhört, was die Besonderheiten sind und wie sie ihre Texte auf Papier bekommt, erfährst du jetzt.

Du feierst dieses Jahr 15-jähriges Jubiläum und bringst dein siebtes Studioalbum heraus. Was fühlst du, wenn du die letzten eineinhalb Jahrzehnte revuepassieren lässt?

Ich fühle vor allem, dass mir alles immer mehr Spaß macht. Ich war bereits mit meinem ersten Album damals sehr erfolgreich. Das alles passierte so unglaublich schnell, denn ich habe eigentlich nie gedacht, dass ich eine Sängerin oder Musikerin werden und damit meinen Lebensunterhalt verdienen könnte. Im Gegenteil, ich komme aus einer Familie, die mit diesem Thema nichts zu tun hatte und es hat sehr lange gedauert, bis ich realisierte, dass ich dieses Business tatsächlich erfolgreich tun kann. Die ersten Jahre und Alben waren hart für mich, denn ich hatte sehr große Selbstzweifel mit dem, was ich da so getan habe. Am Ende waren diese jedoch unbegründet, denn ich durfte 15 Jahre lang so viele Dinge musikalisch versuchen und konnte mit so vielen verschiedenen Menschen zusammenarbeiten, zog von Schweden nach New York und habe diese Zeit sehr genossen. Natürlich ist auch einiges passiert, was nicht so super war, doch der Weg, den ich ging, hat die Person aus mir gemacht, die ich heute bin. Ich bin in einer Zeit angekommen, in der ich mir sehr frei fühle und wo mir alles sehr viel mehr Spaß bereitet, denn ich muss mich nicht mit den Problemen herumschlagen, die ich zu Beginn meiner Karriere hatte.

Anna Ternheim

Was war des Beste innerhalb dieser 15 Jahre?

New York wahrscheinlich. Diese Stadt ist meine größte Liebesaffäre (lacht)!

Der Titel deines neuen Albums lautet „A Space For Lost Time“? Welche tiefere Bedeutung verbirgt sich hinter diesem Titel?

Das ist eine gute Frage, denn ich weiß es selbst nicht so wirklich. Der Titel fiel mir einfach so ein, als das Album fertig aufgenommen war. Es kam mir spontan in den Sinn und ich finde, dass der Titel auf eine gute Art und Weise alle diese Songs verbindet. Vielleicht wünschte ich, dass es einen Raum für verlorene Zeit geben würde (A Space For Lost Time). Vielleicht wünschte ich mir, dass du Dinge wiedergutmachen kannst, von denen du heute der Meinung bist, sie anders zu tun oder zu lösen. Vielleicht wäre ich auch gerne nochmal jung, um alle Chancen zu ergreifen, die einem so gegeben werden. Es gibt natürlich keinen Weg, Dinge ungeschehen zu machen, denn die einzige Zeit, die wir haben, ist das Jetzt. In der Musik kann ich allerdings alles tun – es ist dieser imaginäre Raum, wo alles möglich ist.

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Das Album erschien am 20. September. Voraussichtlich wird es ebenso ein Erfolg wie auch deine vorherigen Alben und deine Fans haben händeringend darauf gewartet. Was gibt es zu „A Space For Lost Time“ zu sagen?

Es ist ein sehr direktes Album. Fans, die meine letzten Alben mochten, werden das neue lieben – das kann ich an dieser Stelle versprechen. Es ist so, dass umso öfter man „A Space For Lost Time“ hört, desto besser wird es. Es ist ein sehr zugängliches Album im Vergleich zum vorherigen. Es ist etwas einladender und einfacher und ich wollte diesmal ein geringfügig poppigeres Album machen. Es könnte den Eindruck erwecken, dass es einen etwas anderen Charakter hat, weil ich mit einem anderen Songwriter an fünf der Tracks gearbeitet habe. Meine Fans werden eine Platte bekommen, die sie lange Zeit mit sich führen können.

Welches ist dein Lieblingslied auf dem neuen Album?

„You belong with me“! Es ist schwer zu sagen, weshalb das so ist. Ich meine, ich schreibe einen Song und denke: Hey, der ist großartig! Dann vergeht etwas Zeit und auf einmal findest du ihn gar nicht mehr so großartig. Dann kommt der Moment, an dem du den Song aufnimmst und auf einmal poppt er wieder in deinen Erinnerungen auf und dir fällt wieder ein, weshalb du ihn damals so toll gefunden hast. Ich glaube, dass dieser Song etwas hat, von dem man nicht genug bekommen und den man immer und immer wieder hören kann.

Ich mag „Walk Your Own Way“ auch sehr. Es ist ein etwas kniffligerer Song, der mit der Zeit besser und besser wird. Aber ich finde es wirklich schwierig, mich für einen Lieblingssong zu entscheiden, denn wenn das Album einmal fertig ist, höre ich mir die Lieder nicht mehr an, denn ich verbringe so viel Zeit mit dem Anhören der Tracks während sie geschrieben und produziert werden und das kostet in der Regel sehr viel Zeit. Für das neue Album startete ich vor über eineinhalb Jahren und die meiste Zeit ging für das Schreiben der Lyrics drauf. Im März haben wir dann mit den Aufnahmen begonnen und im Juni war ein Großteil davon fertig.

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Mit deinen Songs erlaubst du deinen Zuhörern einen tiefen Einblick in die Gedanken deiner psychologischen Selbsterkenntnis (introspektive Gedanken). Ist diese Ehrlichkeit der Schlüssel zu deinem Erfolg und das, was deine Songs so einzigartig macht?

Ich weiß es ehrlichgesagt nicht. Ich möchte durch meine Musik eine Verbindung zu meinen Hörern herstellen. Der einzige Weg, der für mich hier in Frage kommt, ist durch das Schreiben über meine Erfahrungen. Alle meine Songs sind sehr persönlich. Ich schreibe nur über Dinge, von denen ich weiß, wie man über sie schreibt und zu denen ich selbst eine Verbindung habe. Ich habe nicht alles Geschriebene selbst erlebt. Manchmal handelt es sich auch um Geschichten meiner Freunde oder von Menschen, die mir nahe sind. Ich denke, die meisten meiner Songs handeln von Liebe, Beziehungen und Freundschaften. Es ist nie so, dass ich eine festgefahrene Idee von einem Song habe. Im Gegenteil, es ist eher so, dass ich anfange zu schreiben und die Zeilen kommen dann nach und nach aus mir heraus. Ein Jahr später schaue ich dann auf meine Zeilen zurück und denke mir: Okay, das ist es also, was in meinen Gedanken und in meinem Leben vor sich geht!

Du schreibst deine Songs selbst und du bist dafür bekannt, tiefgründige und hervorragende Texte zu verfassen. Wie dürfen wir uns die Entstehung eines solchen Textes vorstellen? Kannst du immer schreiben oder benötigst du eine bestimmte emotionale Verfassung, um die Songs, die oftmals einen Hang zur Melancholie haben, zu schreiben?

Ich mache es einfach so, wie es herauskommt. Ich denke, dass dies der einzige Weg ist, wie ich das persönlich vollbringen kann. Es gibt andere Künstler, die toll in Sachen Rap oder Dance-Music sind, doch das könnte ich nicht. Ich kann meine Art von Musik und sie klingt immer nach mir. Selbst wenn ich auf meine vorigen Alben zurückblicke, muss ich sagen, dass alle unterschiedlich klingen, aber dennoch diese gewisse Stimmung gemeinsam haben. Zumindest sagen mir das die Leute.

Was das Schreiben selbst angeht, ist es nicht so, dass ich draußen umherlaufen und darauf warten kann, inspiriert zu werden, denn das passiert viel zu selten. Du musst dir die Zeit nehmen und lernen, was dich inspiriert. Für mich ist es wichtig an einem Ort zu sein, der mich inspiriert. Ich muss mich gut fühlen, um diese Eingebungen zu haben, deshalb ist es auch wichtig für mich, mich selbst gut zu fühlen und das fängt bereits bei ausreichend Schlaf an. Ich kenne andere Künstler, die nicht auf sich achten und am Ende in tiefe Depressionen fallen. Das ist natürlich die extremste Variante, doch in diesem Zustand kann man dann keine Lieder mehr schreiben. Wenn ich mich in meiner Umgebung wohlfühle, nehme ich die Gitarre und fange an zu spielen. Es kommt nicht zwingend etwas Gutes dabei heraus, aber es kommt darauf an, sich darauf einzulassen. Manchmal hast du dann aber auch Glück und deine Inspiration punktet auf ganzer Linie.

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Gibt es einen signifikanten Unterschied bei „A Space For Lost Time“ im Vergleich zu deinen anderen Alben?

Es ist kein großer Schritt in eine völlig andere Richtung, denn ich denke, dass alle meine Alben irgendwie miteinander verbunden sind, aber das neue Album hat definitiv seine Besonderheiten. Das fängt bereits damit an, dass ich mit völlig neuen Leuten zusammengearbeitet habe und dadurch der Sound anders klingt. Hinzu kommt, dass sich die Lieder von den anderen abheben und Hörer einen leichteren Zugang zu ihnen bekommen können.

In deinem Heimatland Schweden landet jedes deiner Alben und jede Single für viele Wochen in den Charts. In Deutschland gelang dir dies 2011 und 2015 für mehrere Wochen. Sind Deutsche schwerer zu überzeugen oder worin liegt der Unterschied, dass es hier NOCH nicht ganz so gut läuft?

Ich glaube, dass es daran liegen könnte, dass ich hier einfach noch nicht so viel Zeit verbringen konnte. Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen, dass es für mich hier ziemlich gut lief im Vergleich zu der wenigen Zeit, die ich in Deutschland verbracht habe. In Schweden habe ich so viel gespielt und so viel Pressearbeit gemacht und Zeit investiert, dass es kein Vergleich zu anderen Ländern ist. Für das neue Album werde ich in Deutschland sehr viel mehr machen und darauf freue ich mich. Ich bin bei diesem Album etwas flexibler und freier und freue mich darauf, Deutschland davon zu überzeugen.

Zwischen Ende September und Ende November tourst du durch zehn deutsche Städte. Kannst du schon etwas zum Programm verraten? Spielst du hauptsächlich die Songs deines neuen Albums, oder wird es ein Mix aus deiner ganzen Karriere?

Es wird tatsächlich ein Mix werden, mit dem Focus auf dem neuen Album. Es wird alles sehr viel größer, verglichen mit meinem letzten Konzert in Deutschland. Ich freue mich sehr darauf und ich glaube, dass es „amaaaaazing“ werden wird.

 

Fotos: Cheryl Dunn; Chris Shonting