„Hey, how are you?“ ist in den USA eine gängige Begrüßung, auf die man nicht einmal antworten muss, weil der Fragende meist ohne Pause weiterspricht. Zwischen einem oberflächlichen „Good, how are you?“ und einer ehrlichen Beantwortung der Frage liegt ein meilenweiter Unterschied. Aber den Sprung zur Wahrheit schafft fast keiner – vielleicht, weil dafür niemand Zeit hat?

Wenn ich verabredet bin und begrüßt werde, höre ich neuerdings viel weniger die klassische Begrüßung „Wie geht’s dir?“, sondern immer öfter ein „Na, geht’s dir gut?“ oder „Alles gut?“. Dabei merke ich dann immer, wie ich kurz schlucke und ein bisschen unsicher werde. Muss ich jetzt sagen, dass es mir gut geht, weil mir durch die Frage eigentlich schon die Antwort in den Mund gelegt wird? Leider allerdings nicht ins Herz oder in meinen Kopf, denn dort bleibt mein Gemütszustand eben so, wie er ist – und manchmal ist er eben nicht gut.

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Also habe ich mal was ausprobiert. Als ich neulich wieder gefragt wurde, ob es mir denn gut gehe und sich derjenige schon vor meiner Antwort innerlich abgewandt hatte, sagte ich „nein, mir geht es nicht so gut.“ Weil ja, ich finde, das ist legitim. Stellst du mir eine Frage, gebe ich dir eine Antwort. Und nur, weil man im schnellen Leben keine Zeit und Ohren für eine unbequeme Antwort zu haben scheint, heißt es nicht, dass ich da mitmache. Basta. Das Resultat? Mein Bekannter hielt überrascht und fast schon erschrocken inne, gluckste mich mit großen Augen an und fragte mich nach dem Warum und zwar so verwirrt, als würde sich vor ihm der schiefe Turm von Pisa von selbst aufrichten.

Ich rudere mal ein bisschen zurück: Wenn ich auf einer Party bin oder bei einem Empfang oder vielleicht auch einfach nur einem wildfremden Menschen vorgestellt werde, dann beantworte ich diese Begrüßungsfloskel natürlich höflich und mit einer standardisierten Antwort, die jeder verkraften kann. Sprich: Gut, danke. Man möchte ja niemanden überfordern und schon gar nicht sein Innerstes mit einer Person teilen, die man gar nicht kennt.

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Allerdings ist die Entwicklung hin zur fast schon rhetorischen Frage immer häufiger zu beobachten – und das nicht nur im Small-Talk-Geplänkel, sondern auch mit Freunden. Das heißt zwar nicht, dass nicht im Laufe des Gespräches ernstere Themen besprochen werden können, aber oberflächlich betrachtet geht niemand davon aus, eine ehrliche Antwort auf die allererste Frage zu bekommen. Warum? Dafür benötigt es Zeit. Es dauert, sich das Problem von jemandem anzuhören. Es dauert, sich dazu eine Meinung zu bilden oder gar das Händchen zu halten. Zeit ist heilig und kostbar und wir teilen sie nicht gerne, wenn wir sowieso nicht viel davon haben.

Dass das Leben immer schneller wird und jeder auf seiner eigenen Überholspur fährt, kennen wir alle und unterliegt einer normalen Entwicklung. Dabei schließt es nicht aus, dass man gemeinsam schnell unterwegs sein kann. Aber manch einer bleibt auf der Strecke und wenn es nur derjenige ist, der gefragt wird, wie es ihm geht und diese Frage kein Zeitfenster lässt für eine Antwort, die länger ist als eine Twittermeldung. Und je mehr wir auch im Alltag kurz  zwitschern, desto oberflächlicher wird jedes Miteinander und lässt keinen Raum für eine Antwort, deren Begründung ein paar Seiten lang ist. Mal unbequem gefragt: Wer möchte sich die Zeit nehmen, immer die Wahrheit zu erfahren und wem ist ein emotionales Gespräch nicht unangenehm?

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Liebe Freunde, ich persönlich würde mich trotz allem sehr darüber freuen, wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, anstelle der Frage, ob es mir gut gehe. Danke. Alles gut soweit.

(Fotocredit: weheartit.com)