Warum wir eine Schwäche für Verbotenes haben

Es gibt im Leben viele Dinge, die uns verboten werden. Deine Mutter hat zu dir gesagt: „Du darfst nicht mit dem Rauchen anfangen!“ Ab diesem Moment wolltest du unbedingt eine Zigarette probieren. Deine Lehrer haben euch auf der Klassenfahrt verboten, abends im Zimmer der Jungs zu sein. Trotzdem hast du dich mit ein paar Freundinnen rübergeschlichen. Und gestern hast du vielleicht einen Typen gesehen, vor dem dich deine Freunde gewarnt haben. Seitdem kannst du nur noch an ihn denken. Aber woran liegt es eigentlich, dass immer das am spannendsten ist, was uns eigentlich verboten wird?

Der Zauber der Reaktanz

Wenn wir uns zu verbotenen Dingen hingezogen fühlen, die wir nicht erreichen können, dann bezeichnet die Psychologie als „Reaktanz“. Oftmals wird das Wörtchen mit „Trotz“ gleichgesetzt, hat aber eine etwas andere Bedeutung. Reaktanz umschreibt den Drang, genau das zu bekommen, was du gerade nicht haben kannst. Es ist eine Motivation gemeint, mit der du Grenzen und Verbote umgehen willst, um deine eigene Freiheit zu erweitern.

Das Prinzip dahinter kennst du bereits seit frühster Kindheit. Jedes Mal, wenn dir etwas verboten oder weggenommen wurde, wolltest du es sicher umso mehr haben. Vorher konnte es noch so unwichtig für dich gewesen sein. Aber sobald du es nicht mehr frei benutzen konntest, wurde es spannend für dich.

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Der Sinn der Reaktanz

Die Verhaltensweise der Reaktanz geht auf die Menschen der Steinzeit zurück. Für sie war Reaktanz überlebenswichtig. Denn durch die Motivation der Grenzüberschreitung beziehungsweise der Erweiterung ihrer Freiheit fanden sie zum Beispiel den Willen, um sich mit einem deutlich größeren Gegner um Nahrung zu streiten oder sich aus einer lebensbedrohlichen Lage rauszukämpfen. Hätten unsere Vorfahren die Grenzen einfach akzeptiert, die sich in ihrem Alltag aufbauten, wären sie sicherlich einfach ausgestorben, ohne dass es dich oder andere Menschen heute geben würde.

Durch die Reaktanz bleiben Menschen aber neugierig und sind immer daran interessiert, Erfahrungen zu sammeln, die vielleicht gefährlich sind. Dazu hat sich die Natur einen cleveren Mechanismus überlegt. Jedes Mal, wenn du um etwas kämpfst, was „verboten“ oder „unerreichbar“ wirkt, dann werden große Mengen des Glückshormons Dopamin ausgeschüttet. Du fühlst dich glücklich und zufrieden. Auch wenn die eigentliche Erfahrung hinterher schlecht sein sollte, belohnt dich dein Gehirn dafür, dass du etwas ausprobiert hast, was du eigentlich nicht probieren solltest. Darum bist du immer wieder aufs Neue angefixt etwas zu machen, was für dich verboten ist.

Das Spiel mit dem Verbotenen

Der Reiz des Verbotenen wird bereits seit deiner frühesten Kindheit gegen dich verwendet. Wenn du als kleines Baby deinen Brei nicht essen wolltest, haben deine Mutter oder dein Vater so getan, als würden sie ihn selber essen. Dabei haben sie dir vorgegaukelt, dass es das leckerste Essen überhaupt wäre. Und schon wolltest du nichts anders als den Brei haben, der für dich noch vor wenigen Momenten so unappetitlich war. Deine Eltern haben deine Reaktanz einfach gegen dich eingesetzt. Du könntest auch sagen, dass sie umgekehrte Psychologie eingesetzt haben.

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Aber deine Eltern sind nicht die einzigen, die gekonnt mit dem Verbotenen spielen. Die Werbeindustrie hat das Aufstellen von Verboten schon lange für sich entdeckt. Denk zum Beispiel an Schokolade. Jedes Mal beim Einkaufen gehst du an der Schokolade vorbei, weil sie dich eigentlich nicht besonders interessiert. Aber dann steht plötzlich ein Schild daneben „Nur noch für kurze Zeit – jetzt zugreifen!“ Die Aussicht darauf, dass die Schokolade bald vergriffen sein könnte, macht sie plötzlich interessant. Du bekommst eher Lust drauf, dir eine Packung zu kaufen.

Auch beim Aufeinandertreffen der Geschlechter wird gerne die Verboten-Karte ausgespielt. Wenn du zum Beispiel beim Mädelsabend in einer Bar einen schnuckeligen Typen siehst, befindest du dich noch in der Schwebe. Wenn der Mann sich direkt beim ersten Kontakt Hals über Kopf in dich verliebt und dir alles schenken will, verlierst du vermutlich schnell das Interesse. Wenn er aber unnahbar und wenig interessiert rüberkommt, dann wird dein Jagdtrieb geweckt. Immerhin haben die Dinge mehr Reiz, wenn du sie nicht sofort bekommen kannst.

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Das Verbotene entdecken – aber richtig

Es spricht im Prinzip nicht dagegen, wenn du gelegentlich die Dinge ausprobierst, die dir nicht auf dem Silbertablett serviert werden. Damit du aber bei deinen Erkundungstouren nicht auf die Nase fällst, solltest du vorher überlegen, was passieren könnte, wenn du etwas Verbotenes kostest. Beim Beispiel mit der Schokolade ist es relativ einfach. Du futterst sie auf und hast ein paar Gramm mehr auf den Hüften. Davon wird die Welt nicht untergehen. Wenn du allerdings mit dem Mann deiner besten Freundin einen spannenden One-Night-Stand erleben willst, kann das seine Ehe zerstören, deine Freundschaft ruinieren und in vielen bösen Worten und Tränen enden.

Führe dir vor Augen, welche Vorteile und Nachteile das Spiel mit dem Feuer haben kann. Wenn die Nachteile zu groß sind, sollte das Verbotene verboten bleiben. Vielleicht stellst du aber fest, dass es für dich Vorteile haben kann und du auch mit den negativen Konsequenzen gut leben könntest. In dem Fall solltest du es wagen und das Verbotene probieren – dein Leben wird dadurch nur interessanter!

 

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