Ich sitze gerade über meiner Steuererklärung. Um ehrlich zu sein, sortiere ich nur alles und versuche, einen einzigen, riesigen Stapel zu ordnen, um ihm dann meiner Steuerberaterin und die Hände zu drücken. In genau dem Moment werde ich dann wegrennen – so wie jedes Jahr, wenn mir wiedermal bewusst wird, dass mein gedrucktes Leben ein Chaos ist.

Das Thema ist unsexy, I know. Aber einer muss es ja wohl mal ansprechen und ich bin auf der Suche nach Verbündeten, denen es ähnlich geht wie mir.
Dass keiner so wirklich Lust hat, seine Steuer zu erledigen, muss nicht großartig hinterfragt werden. Lediglich die Hoffnung auf ein schönes Sümmchen Rückzahlung ist in meinem Fall eine große Motivation. Aber wie ich hier so sitze in einem Chaos aus Rechnungen, Verträgen und Quittungen, muss ich mir leider eingestehen, dass ich nie Ordnung halte, sobald es um etwas geht, was ich gut und gerne verdrängen möchte. Und das bezieht sich eben nicht nur auf meine Unterlagen:

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Mein Arbeitsplatz ist eine Mischung aus Sorgfalt, perfekt linear platzierten Kugelschreibern und ansprechender Dekoration. In der Mitte thront mein Laptop. Warum? Weil ich meine Arbeit liebe und deswegen auch mein Arbeitsklima metaphorisch streichele. So, wie man das eben mit dem eigenen Baby tut.
Mein Kleiderschrank ist ebenfalls geordnet und nach speziellen Anlässen, Körperteilen und Wetterbedingungen sortiert. Dazu gibt es nichts hinzuzufügen.
Aber geht es um Bankunterlagen, Rechnungen oder unangenehme Termine, dann werde ich zum Messi. Das heißt im Klartext, dass alles, einfach alles auf einem großen Stapel seinen rechtmäßigen Platz findet und ich auf einmal unglaublich beschäftigt bin und zwar so beschäftigt, dass ich bestimmte Termine leider leider nicht wahrnehmen kann. Tragisch.

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Chaos auf ganzer Linie. Sehr nützlich ist es da auch beispielsweise, dass man Gefühle, für die man gerade schlichtweg keine Zeit und Muse hat, einfach mal in die hintersten Gehirnegionen verbannen kann. Dass dadurch ein absolutes Wirrwarr entsteht und Frauen wohl deshalb zu emotionalen Ausbrüchen leiden, reiht sich in mein Verständnis mit ein.

Verdrängung. Eine sehr menschliche und auf den ersten Blick durchaus angenehme Option. Das ist, wie wenn man eine Sonnenbrille in Herzchenform trägt und die Gläser so getönt sind, dass die graue Welt in den wärmsten Sepiatönen erstrahlt.

Wichtige Dokumente sind einfach nicht vorhanden, Telefonanrufe werden nicht gehört, Gefühle nicht gefühlt und ja, man kann sich auch in einer Seitenstraße verstecken, wenn man dem voyeuristischen Nachbarn nicht begegnen möchte. Alles ist möglich, bis der kleine Stapel aus Verdrängung gepaart mit Prokrastination zu einem Selbstläufer wird, zu einem monströsen Ungetüm, das ins Rollen gerät und dich einfach irgendwann überfährt. Und dann sitzt man – wie ich gerade – im eigens errichteten Chaos und löffelt sein eigens gekochtes Süppchen aus.

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Letzt habe ich in einer Serie gesehen, wie jemand seine Dokumente regelmäßig im Gefrierschrank verstaut. Ein großer, festgefrorener Klumpen Ignoranz. Ich muss sagen, das war mir irgendwie ungemein sympathisch.