Der Dunning-Kruger-Effekt: Weshalb sich gerade Unwissende für besonders kompetent halten

Die britische Comedy-Legende John Cleese sagte einmal: „Ich glaube, das Problem mit dieser Art von Leuten ist, dass sie so dumm sind, dass sie keine Ahnung haben, wie dumm sie sind.“ („I think the problem with people like this is, that they are so stupid, that they have no idea how stupid they are.“)

Das Zitat verbreitete sich als Meme überall im Internet. Was viele jedoch nicht wissen dürften: Für das Phänomen, dass sich gerade besonders unwissende Menschen für besonders kompetent halten, gibt es einen wissenschaftlichen Namen: Man spricht vom Dunning-Kruger-Effekt.

Die Studie

Benannt ist der Dunning-Kruger-Effekt nach den US-amerikanischen Psychologen David Dunning und Justin Kruger. Die führten mit Studenten der Cornell University (New York) eine Studie durch. Die Studenten erhielten eine Reihe von Testaufgaben aus den Bereichen logisches Denken und Sprachfertigkeiten, die sie lösen sollten. Dabei ging es Dunning und Kruger jedoch nicht darum, wie die Probanden abschnitten, sondern wie sie ihre eigene Leistung einschätzten.

Das Ergebnis: Gerade die Studenten, die besonders schlecht abschnitten, glaubten, sie hätten die Aufgaben gut gelöst, während jene, die tatsächlich gute Ergebnisse erzielt hatten, an der eigenen Leistung zweifelten. Selbst als man den schlecht abschneidenden Studenten erlaubte, die Tests und Ergebnisse der anderen einsehen zu dürfen, waren sie weiter von ihrer Überlegenheit überzeugt.

In einem weiteren Test sollten Probanden ihr eigenes Wissen zu 150 wissenschaftlichen Themengebieten einschätzen, wovon 30 jedoch von Dunning und Kruger frei erfunden waren. Bei den echten Themen gaben 44 % der Probanden an, sich bei ihnen einigermaßen auszukennen. Bei den frei erfundenen waren es aber immer noch 25 % der Befragten.

Die vier Thesen

Im Endergebnis formulierten Dunning und Kruger vier Thesen, die im Wesentlichen den Dunning-Kruger-Effekt zusammenfassen:

  1. Inkompetente Menschen neigen dazu, ihr eigenes Wissen und Können bzw. Fähigkeiten zu überschätzen.
  2. Gleichzeitig unterschätzen sie die Kompetenz und Fähigkeiten anderer.
  3. Deshalb sind sie unfähig, die eigene Inkompetenz zu erkennen.
  4. Aus diesem Grund sehen sie keinen Grund, etwas an ihrer Inkompetenz zu ändern und bleiben auf ihrem Stand der Fähigkeiten stehen.
Jetzt lesen:  Revolverheld „MTV Unplugged in drei Akten”

2005 fasste David Dunning noch einmal zusammen: „Wenn man inkompetent ist, kann man nicht wissen, dass man inkompetent ist […]. Die Fähigkeiten, die Sie benötigen, um eine richtige Antwort zu geben, sind genau die Fähigkeiten, die Sie benötigen, um zu erkennen, was eine richtige Antwort ist.“

Auffallend, wenn auch wenig überraschend ist, dass der Dunning-Kruger-Effekt oft mit Narzissmus einhergeht. Denn gerade Menschen, die sich und ihr Können konstant überschätzen, halten die Steigerung der eigenen Fähigkeiten für unnötig. Das wiederum steigert die Uneinsichtigkeit nur, denn das hieße ja zugeben zu müssen, dass man falschlag.

Stattdessen führen Personen, die vom Dunning-Kruger-Effekt betroffen sind, ihr im Grunde unausweichliches Scheitern nicht auf eigene Inkompetenz zurück, sondern auf die Fehler anderer oder eine Missachtung ihrer eigenen Genialität. Wobei inkompetente Personen, solange sie sich unter ihresgleichen bewegen, sich gegenseitig ja noch bestätigen.

Für die Kompetenten ist das dann oftmals zum Verzweifeln. Wie heißt es so schön: Mit Idioten zu diskutieren, ist wie mit einer Taube Schach zu spielen. Denn sie wird alle Figuren umschmeißen und auf dem Brett rumstolzieren, als habe sie gewonnen.

Die nachfolgende Grafik verdeutlicht noch einmal den Dunning-Kruger-Effekt bei der Entwicklung des Selbstvertrauens über ein Thema zu sprechen in Abhängigkeit von Erfahrung und Wissen:
Dunning-Kruger-Effekt Grafik

Das Gegenstück: Das Impostor-Syndrom

Wenn es grundlose Selbstüberschätzung gibt, muss es natürlich auch die grundlose Selbstunterschätzung geben. Dieses sogenannte Impostor- oder Hochstapler-Syndrom bezeichnet also umgekehrt das Phänomen, dass jemand, der durchaus kompetent in dem ist, was er tut, nicht an die eigenen Fähigkeiten glaubt oder aber denkt, dass der Erfolg, den er aufgrund seiner Fähigkeiten hat, unverdient sei.

Immerhin wusste schon Sokrates: „Ich weiß nur, dass ich nichts weiß.“ Soll heißen: Wahre Weisheit liegt in der Erkenntnis, dass man im Grunde stets unwissend ist. Denn was heißt schon „Wissen“? Im Grunde ist das, was wir uns als Wissen aneignen, stets nur eine Annahme, dass sich aus etwas, was wir selbst oder andere untersucht haben, eine allgemeine Gesetzmäßigkeit ableiten lässt.

Jetzt lesen:  Schmeiß’ den Grill an! So wird's gesund und lecker

Dabei sind wir uns darüber im Klaren, dass auch in den Naturwissenschaften etwas nur so lange für wahr gilt, bis einer daherkommt, der das Gegenteil belegt. Wirklich unumstößliche Beweise für Gesetzmäßigkeiten existieren nur in der Mathematik. Nun geht das Impostor-Syndrom aber über das Bewusstsein, dass das angeeignete Wissen nie sicher und stets ausbaufähig ist, hinaus.

Was zunächst wie eine recht angenehme Eigenschaft, nämlich Bescheidenheit, klingt, kann durchaus negative Folgen haben. Das Impostor-Syndrom kann in Selbsthass und Depressionen münden, wenn jemand wirklich von Selbstzweifel zerfressen ist oder gewisse Errungenschaften als unverdient empfindet. Diese Art des Selbstzweifels findet sich gerade bei intelligenten und sensiblen Menschen. Schon Charles Bukowski hielt fest: „Das Problem dieser Welt ist, dass die intelligenten Menschen so voller Selbstzweifel und die Dummen so voller Selbstvertrauen sind.

Beispiele für den Dunning-Kruger-Effekt

Hand aufs Herz: Wer kommt dir als Erstes in den Sinn, wenn es um völlig unbegründete, maßlose Selbstüberschätzung und Narzissmus gepaart mit Dummheit geht? Wir tippen mal: Könnte es sich vielleicht um einen Geschäftsmann und Politiker handeln? Einen ehemaligen US-Präsidenten? Republikaner? Und bis zum jetzigen Zeitpunkt bleibt noch immer die Wahl zwischen Donald Trump und George W. Bush. Aber es ist natürlich vor allem Trump, der uns heute als Paradebeispiel für den Dunning-Kruger-Effekt einfällt.

Wobei der ja fast schon exemplarisch für eine ganze Gruppe von Personen steht, die glauben, dass sie nach dem Ansehen eines YouTube-Videos von „Dr.“ Leonard Coldwell glauben, besser über die aktuelle Pandemie Bescheid zu wissen als etwa Christian Drosten. Und ja, es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen Hinterfragen und gesundem Zweifel auf der einen und völliger Realitätsverleugnung auf der anderen Seite.

Noch ein Beispiel?
Dieses namens McArthur Wheeler führten Dunning und Kruger seinerzeit an: Bei McArthur Wheeler handelt es sich um einen US-amerikanischen Bankräuber, der in Pittsburg nacheinander zwei Banken ausraubte. Unmaskiert. Trotz offenkundiger Kameraüberwachung. Als er noch am selben Tag dank der Videoaufnahmen gefasst wurde, fragten ihn die ebenfalls verwunderten Polizeibeamten, warum er nicht zumindest versucht habe, sein Gesicht unkenntlich zu machen.

Jetzt lesen:  Mittagsschlaf und Power-Napping für die perfekte Work-Life-Balance

Die überraschte Antwort des völlig entgeisterten Wheeler: „Wieso? Ich habe doch extra Zitronensaft aufgetragen.“ Wheeler war der festen Überzeugung, dass, wenn Zitronensaft als unsichtbare Tinte funktioniere, er auch ihn unsichtbar machen würde.

Andere gängige Beispiele für den Dunning-Kruger-Effekt aus dem Alltag wären etwa:
  • Autofahrer, die der festen Überzeugung sind, besser zu fahren als der Durchschnitt, was rein statistisch nun einmal nur auf wenige tatsächlich zutrifft.
  • Zahlreiche Fußball-Fans sind der festen Überzeugung, sie wären taktisch versierter als der eigentliche Trainer. Und sie wüssten auch besser, wie man spiele, als die Personen, die tatsächlich auf dem Platz stehen.
  • Viele Menschen, die bei Lichte betrachtet über wenig politischen Sachverstand verfügen, glauben, sie wüssten genau, wie ihr Land zu regieren sei.

Dabei zeigt sich noch eine weitere Konstante bei Personen, auf die der Dunning-Kruger-Effekt zutrifft: Die Unfähigkeit zwischen Meinung und Tatsachen zu unterscheiden. Diese Personen nehmen an, dass ihre subjektive Einschätzung die eigentliche unumstößliche Wahrheit wäre.

Kritik am Dunning-Kruger-Effekt

2000 erhielten Kruger und Dunning den satirischen Ig-Nobelpreis. Wirkliche Kritik an der offenkundig populärwissenschaftlichen Studie der beiden US-Psychologen äußerten 2017 Philosoph Edward Nuhfer und Psychologe Steven Fleisher von der California State University. Sie hielten fest, „dass Fachleute geübt darin sind, sich der Grenzen ihres Wissens bewusst zu werden“.

Zugegeben, das ist jetzt eine ähnlich profane Erkenntnis wie der Dunning-Kruger-Effekt selbst. Daraus wiederum zu schlussfolgern, dass kein Zusammenhang zwischen Intelligenz, Bildung, Selbstreflexion und Selbsteinschätzung bestünde, könnte man, wenn man böse wäre, schon bald wieder selbst als Indiz für den Effekt sehen.

Letztlich bleibt der Hauptgrund, warum der Dunning-Kruger-Effekt in seriösen wissenschaftlichen Arbeiten so selten angeführt wird, weniger in der Fehlerhaftigkeit der von Kruger und Dunning gemachten Studie und der daraus gezogenen Schlüsse, als darin, dass gerade Menschen, auf die der Dunning-Kruger-Effekt nicht zutrifft, sich schon immer über dessen Existenz bewusst waren, auch wenn sie nicht wussten, dass er so heißt.

 

Foto: deagreez / stock.adobe.com; 忍者猫 – Eigenes Werk, CC0, commons.wikimedia.org