Erika Lust: Feminismus im Pornogeschäft

Porno und Feminismus, das mag für dich im ersten Moment vielleicht gar nicht zusammengehen. Oder du gehörst zu den Mädels, die schon ab und zu Porno gucken, sich bisher aber doch irgendwie auch an den Massen-Clips gestört haben? Dann könnte die feministische Pornografie etwas für dich sein. Eine ganze Reihe Filmemacherinnen bringen den Sex für die Frau auf die Leinwand und eine der erfolgreichsten Produzentinnen ist die Schwedin Erika Lust.

Wer Frau Lust genau ist


„Lust“ ist ein Künstlername, eigentlich heißt die Dame Erika Hallqvist. Geboren ist sie in Stockholm und ins Pornogeschäft ist sie einfach so hineingerutscht. Erika Lust studierte ursprünglich Politikwissenschaften und Feminismus an der Universität von Lund. Begleitend zum Studium jobbte sie für die Filmbranche, erledigte Botengänge und bekam Assistentenjobs. Die Kunst des Filmemachens faszinierte sie zunehmend, sodass sie immer öfters Abendkurse besuchte. Schließlich bekam sie die Chance, einen eigenen Kurzfilm zu drehen. Kurzerhand entschied sie sich für ihre Lieblingsthemen: Feminismus und Sexualität. Heute lebt und arbeitet Erika Lust in Barcelona.

Pornografie und Frauen

Weibliche Sexualität und Geilheit fristen in unseren ach so modernen Zeiten immer noch ein trauriges Dasein. Die Sexszene ist eindeutig von Männern dominiert. Kerle, die Porno gucken, sind cool. Frauen dagegen, wenn sie nicht gerade unter sich sind, kassieren krumme Blicke. Außer natürlich, der Mann schlägt Pornogucken zur Stimulanz vor. Dann ist es in Ordnung. Frauen, die alleine oder unter Damen Pornografie genießen, werden allzu gerne als Emanzen abgestempelt oder ‚mit denen stimmt etwas nicht‘. Dabei ist feministische Pornografie alles andere als männerfeindlich oder von Lesbensex dominiert.

Was Erika Lust anders macht

Auch Erika Lust bekam von ihrem Freund gelegentlich normale Pornokost als Stimulanz serviert. Dabei fiel ihr auf, dass der gesehene Sex zwar körperliche Reaktionen bei ihr auslöste, der Geist und die Seele aber leer blieben. Die Libido sagt ja, Kopf und Herz schreien in den klassischen Männerhelden- und Stöhnstreifen aber eher laut auf. „Mir geht es bei meinen Filmen darum, alle drei Ebenen gleichermaßen zu stimulieren“, sagt Erika Lust. Nur dann entsteht wahre Lust. „Dazu erzähle ich Geschichten. Für mich gehört es zur Anregung dazu, zu wissen, warum diese Menschen sich getroffen haben und etwas füreinander empfinden“. Diese Geschichten sind aus dem Leben gegriffen, sie sind echt.

Profis und Laien als Darsteller

Beim Casting ihrer Filme berücksichtigt Erika Lust beiderlei. Den Profis müsse sie erst einmal wieder beibringen quasi ‚echten‘ Sex vor der Kamera zu haben. „Nicht einmal die Topstars der Branche vögeln privat so wie Film“, verrät die sympathische Schwedin. „Sie sind es gewohnt, Abstand zu halten, damit die Kamera möglichst viel einfangen kann. Im normalen Leben wäre das zumindest für die Frau höchst unbefriedigend.“ Erika Lust lässt ihre Darsteller Sex machen wie in der Natur und arbeitet dafür mit feineren Kameraeinstellungen. Auch sonst sind ihre Produktionen natürlicher. Alle Furz- und Schmatz-Geräusche, die beim Aufeinandertreffen zweier Körper so entstehen können, bleiben im Film. In herkömmlichen Streifen sind diese meistens herausgeschnitten und zu hören sind nur Männer ‚bei der Arbeit‘ und gleichmäßig lustlos vom Tonband stöhnende Frauen.

Die Frau macht alles selbst

Geschichte, Drehbuch, Casting und Ausstattung – Erika Lust macht alles selbst. „Ich habe überall meine Finger drin und bin die Oberchefin.“ Erika Lust scheint dabei ein besonderes Feingefühl für die Bedürfnisse beiderlei Geschlechter zu haben. Auch in der Männerwelt lehnen viele die platte, frauenverachtende und eigentlich zutiefst unechte Pornografie ab. Erika Lusts Filme und Clips sind keine Emanzenstreifen oder Lesbenfilmchen und so können auch wahre Männer Freunde daran haben. Echter Feminismus klammert die Männerwelt nicht aus.

Warum Porno trotzdem noch ein Tabuthema ist

Unsere Gesellschaft ist bei weitem nicht so aufgeschlossen, wie es den Anschein haben mag. Pornografie ist zwar ein gigantischer Markt, gehört aber in die Schmuddelecke. Sobald man den Akt in allen Einzelheiten sieht, wollen viele Menschen nichts mehr davon wissen oder zugeben. Dabei gehört das zu einer gesunden Sexualität dazu. Bei Gewalt oder allzu hohler Sexualität mag das noch verständlich sein. Warum eine breite Masse feine, weibliche Pornografie noch empörter ablehnt, mag ein Rätsel unserer Gesellschaft bleiben. Dabei dienen Pornos vielen jungen Menschen als Einstieg in die Thematik und es wäre wünschenswert, dass mehr ‚echter‘ Sex in der Pornowelt zu sehen wäre.

Preisgekrönter feiner Porno für Frauen

Erika Lust ist bei weitem keine Einzelerscheinung. Die sensible Pornografie ist auf dem Vormarsch, etliche Filmemacherinnen widmen inzwischen diesem Thema. Die Branche vergibt jährlich sogar einen eigenen Preis. Den Feminist Porn Award hat Erika Lust seit 2007 ganze sechsmal abgeräumt. Dazu kommen zahlreiche weitere Preise und Ehrungen. Zu ihren erfolgreichsten Streifen gehört „Cabaret Desire“ (2011). In mehreren Episoden stellt sie lustvolle und intensive sexuelle Begegnungen zwischen Menschen dar. Die Machart in der Aneinanderreihung mehrere Kurzfilme macht den Film zur leicht verdaulichen und anregenden Sexfilm-Kost.

Feministischer Porno ist gar nicht so abwegig wie man zuerst denken mag. Hast du bisher beim Thema Porno oder Feminismus auch die Nase gerümpft? Na dann hast du jetzt vielleicht Lust bekommen, dir doch einmal einen der Filme von Erika Lust und ihren Kolleginnen anzusehen.

 

Mehr über weibliches Kopfkino:

Die geheimen Sexfantasien: Daran denken Frauen beim Masturbieren

 

Fotos: Von FabriziaEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link; PR / Amazon