Häusliche Gewalt – wo fängt sie an und wie kannst du dich schützen?

Frauen, die von ihren Männern verprügelt werden. Ein lautstarker Streit, bei dem Geschirr geworfen wird. Vergewaltigungen vom eigenen Ehemann. Das alles sind keine Einzelfälle. Leider ist häusliche Gewalt in Deutschland weit verbreitet. Doch die Statistiken sind undurchsichtig, die Informationen oft fehlerhaft und die Opfer in vielen Fällen ratlos. Wie also solltest du bei häuslicher Gewalt reagieren – sei es bei dir selbst, deiner besten Freundin oder den Nachbarn?

Häusliche Gewalt ist kein Kavaliersdelikt. Es handelt sich um eine handfeste Straftat mit entsprechenden rechtlichen Folgen. Allerdings nur, wenn diese auch angezeigt wird. Genau hierin liegt aber das Problem mit der häuslichen Gewalt sowie sämtlichen Statistiken zum Thema: Nur selten wagen die Opfer tatsächlich den Schritt zur Polizei. Sie bewahren oft Stillschweigen – sogar gegenüber ihren engsten Angehörigen und Freunden. Diese können nur spekulieren, wenn sie überhaupt etwas ahnen. Oft wirken Familien oder Beziehungen für Außenstehende intakt, während sich unter der Kleidung blaue Flecken oder traumatisierte Persönlichkeiten befinden. Die Dunkelziffer ist bei der häuslichen Gewalt so hoch wie bei kaum einer anderen Straftat.

Statistiken zur häuslichen Gewalt nur wenig aussagekräftig

Zwar veröffentlicht das BKA alljährlich Statistiken zum Thema häusliche Gewalt in Deutschland, jedoch stehen diese jedes Mal erneut in der Kritik. Die Zahlen seien nicht eindeutig und die Dunkelziffer zu hoch, heißt es. Letzteres resultiert aus den bereits genannten Gründen. Thematisiert werden in den Berichten neben Körperverletzungen auch Mord, Totschlag, Sexualdelikte sowie Stalking – und diese kommen in deutschen Paarbeziehungen gar nicht so selten vor. So waren im Jahr 2016 erschreckende 149 Frauen von ihren Lebenspartnern totgeschlagen oder ermordet worden. Hinzu kamen 208 Mordversuche, welche glücklicherweise erfolglos blieben. Immer wieder wird in Bezug auf die häusliche Gewalt von der Gewalt gegen Frauen gesprochen. Tatsächlich sind Frauen deutlich häufiger Opfer von häuslicher Gewalt, was auch schlichtweg an der (zumeist) ungleichen Kraftverteilung zwischen den Geschlechtern liegt. Jedoch sind im Jahr 2016 auch 15 Männer an häuslicher Gewalt gestorben, hinzu kamen 69 Tötungsversuche. Trotzdem ist das Fazit eindeutig: Zu 80,6 Prozent waren Männer tatverdächtig und zu 81,9 Prozent Frauen das Opfer. Das gilt nicht nur für Tötungsdelikte, sondern auch Vergewaltigungen und andere Gewalttaten im Rahmen der häuslichen Gewalt. Betroffen waren zudem nicht immer nur die (Ehe-) Frauen, sondern auch Mädchen, beispielsweise Töchter, Schwestern und Stieftöchter.

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Die Folgen häuslicher Gewalt sind tiefgreifend

Etwas detailliertere Einblicke in die Problematik gibt eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2004. Zwar mögen die Zahlen mittlerweile veraltet sein – viel geändert hat sich seither jedoch nicht, das lassen zumindest die Erhebungen des BKA vermuten. Allerdings will an dieser Stelle erwähnt werden, dass in der Erhebung lediglich die Gewalt gegen Frauen betrachtet wurde. Häusliche Gewalt an Männern wurde demnach nicht berücksichtigt.  Die Zahlen sind erschreckend:

  • 40 Prozent aller Frauen in Deutschland haben seit ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal Gewalt in körperlicher oder sexueller Form erlebt.
  • Bei 25 Prozent handelte es sich dabei explizit um häusliche Gewalt.
  • Die Täter sind in den meisten Fällen aktuelle oder ehemalige Lebenspartner.
  • Besonders in Trennungs- und Scheidungssituationen ist das Risiko überdurchschnittlich.
  • Dennoch haben 37 Prozent der Betroffenen von körperlicher Gewalt mit niemandem über ihre Erfahrung gesprochen. 47 Prozent sind es bei sexueller Gewalt und noch höher sind die Raten bei Opfern, wenn der Täter der aktuelle Partner ist.
  • In über 50 Prozent der Fälle wurde durch die häusliche Gewalt sogar eine medizinische Behandlung notwendig.

Die Folgen von häuslicher Gewalt gehen aber weit über blaue Flecken oder Verletzungen auf körperlicher Ebene hinaus, welche in den meisten Fällen ja ohne bleibende Schäden wieder verheilen. Zwischen 56 und 80 Prozent der Frauen, welche häusliche Gewalt in verschiedener Form erlebt haben, tragen stattdessen Folgebeschwerden im Sinne von Traumata davon, welche sich vor allem auf psychischer Ebene äußern. Dazu gehören in erster Linie Ängste, Depressionen sowie Schlafstörungen. Selbiges gilt für Kinder, welche die Gewalt mit angesehen oder selbst erlebt haben.

Häusliche Gewalt – und jetzt? Tipps für Opfer

Häusliche Gewalt – und jetzt? Tipps für Opfer

Wie du siehst, hat die häusliche Gewalt viele Gesichter. Sie kann von Psychoterror und Stalking bis zum Mordversuch reichen. Während letzterer Fall eindeutig ist, bewerten viele Opfer psychische Gewalt nicht als solche oder denken, sie würden damit bei der Polizei beziehungsweise in ihrem sozialen Umfeld nicht ernstgenommen. Viele Betroffene suchen sich zudem keine Hilfe, weil sie die Vorkommnisse als einen Ausrutscher rechtfertigen. Der Partner sei eben in einer Ausnahmesituation und das komme nicht wieder vor. Kommt es aber – zumindest in den meisten Fällen. Manche Opfer geben sich sogar selbst die Schuld à la „Ich habe ihn provoziert“. Viele Frauen sind zudem finanziell von ihren Partnern abhängig oder ihr Selbstbewusstsein ist durch die jahrelange Schikane so zerstört, dass sie sich ein eigenständiges Leben nicht mehr zutrauen und sich lieber an den gewalttätigen Partner klammern. Zudem ist die Hemmschwelle, ein Familienmitglied anzuzeigen, prinzipiell höher als bei einem fremden Täter, sei es der Partner, der Vater, der Sohn, o. ä.

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Es gibt also viele verschiedene Ursachen, weshalb Opfer sich falsch verhalten, indem sie keine Hilfe suchen. Manche wissen auch schlichtweg nicht, wo sie eine solche Hilfe finden. Wie solltest du dich stattdessen verhalten, wenn du selbst Opfer von häuslicher Gewalt geworden bist?

  • Wenn du dich nicht traust, direkt zur Polizei zu gehen, vertraue dich jemand anderem an. Erzähle deiner besten Freundin, deiner Schwester, dem Pfarrer, deinem Therapeuten oder irgendeiner anderen Vertrauensperson von dem Erlebnis. Schon dieser Schritt wird dir große Erleichterung verschaffen und das Gefühl, nicht ganz alleine zu sein.
  • Das gilt nicht nur für körperliche Gewalt, sondern auch für Psychoterror. Ständige Beleidigungen, Drohungen oder Stalking können ebenfalls häusliche Gewalt und somit eine Straftat sein. Nimm solche Verhaltensweisen nicht auf die leichte Schulter!
  • Wird dir daraufhin Hilfe angeboten, nimm diese unbedingt an. Wenn nicht, so kannst und solltest du auch aktiv um Hilfe bitten – entweder bei der Polizei oder eben deinen Vertrauenspersonen. Übertriebener Stolz ist hier fehl am Platz.
  • Verabschiede dich von dem Gedanken, eine „intakte“ Familie sei das Wichtigste. Deine Gesundheit sowie die deiner Kinder ist wichtiger!
  • Sollte es zu körperlichen Angriffen kommen, geh zum Arzt und lass die Verletzungen attestieren.
  • Am besten rufst du so früh wie möglich die Polizei an oder gehst persönlich zu den Beamten und erstattest Anzeige. Sie können dir in akuten Fällen auch den notwendigen Schutz bieten.
  • Suchst du Hilfe nach diesem Schritt, wirst du bei einer Gewaltberatungsstelle oder in einem Frauenhaus fündig.
  • Zudem solltest du dich unbedingt in psychotherapeutische Behandlung begeben, um das Trauma zu verarbeiten und irgendwann wieder ein normales Leben zu führen.
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Wie sollen Außenstehende reagieren?

Und was, wenn du nicht Opfer, sondern Zeuge von häuslicher Gewalt wirst – in der Familie, bei Freunden, Nachbarn & Co? Viele Menschen möchten sich nicht in Privatangelegenheiten einmischen und sehen bewusst weg. Das ist falsch! Selbst bei einer Vermutung von häuslicher Gewalt, beispielsweise lauten Schreien im Streit der Nachbarn, solltest du vorsorglich die Polizei rufen. Hierbei kannst du auf Wunsch anonym bleiben, um nicht die Wut des Täters auf dich zu ziehen. Dennoch kann es sein, dass du eventuell später vor Gericht als Zeuge auftreten musst. Doch keine Sorge: Der Aufwand dafür wird dir in vollem Umfang entschädigt. Hegst du hingegen nur einen Verdacht, weil beispielsweise ein Freund deines Kindes immer wieder blaue Flecken hat oder deine Schwester bei dem Thema seltsam ausweicht, solltest du die vermeintlichen Opfer in einem geschützten Umfeld darauf ansprechen – sprich ohne, dass der Täter eine Chance zum Lauschen hat. Du darfst nicht urteilen oder drängen, sondern zeige dich schlichtweg hilfsbereit und vertrauensvoll. Öffnet sich die Person dennoch nicht freiwillig, kannst du sie natürlich nicht zwingen. Was du aber tun kannst, ist ihr die Adressen oder Telefonnummern von Hilfestellen wie dem örtlichen Frauenhaus zu geben. Vielleicht ändert sie ja doch noch ihre Meinung. Einen Versuch ist es allemal wert!

 

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