Narges Rashidi im Interview

Narges Rashidi spielte bereits an der Seite von Charlize Theron in „Æon Flux“ und unter der Regie der Wachowskis in „Speed Racer“. Bekannt wurde sie unter anderem durch ihre Hauptrolle im mehrfach preisgekrönten Horrorfilm „Under The Shadow“ und in der von Steven Soderbergh produzierten Serie „The Girlfriend Experience“. Im Sommer schloss sie die Dreharbeiten zur neuen HBO-Serie „Gangs Of London“ ab, die 2020 anlaufen wird. In Deutschland wird sie kommendes Jahr außerdem in Ute Wielands „Eisland“ zu sehen sein. Wir durften die gebürtige Iranerin zu ihren spannenden Projekten interviewen.

AJOURE´: Wenn man dein Leben betrachtet, dann hast du in deinen 39 Jahren mehr erlebt als andere Menschen in zwei Leben. Du bist im Iran geboren, bist dann mit deiner Familie über die Türkei nach Deutschland geflüchtet und heute bist du eine international gebuchte Schauspielerin, die mit ihrem Mann in Los Angeles lebt. Denkst du ab und zu an diese teilweise schwere und strapaziöse Zeit zurück?

Narges: Ja, das stimmt. Ich habe sehr viel erlebt und denke ab und zu an diese Zeit zurück. Tatsächlich fühlte es sich damals als kleines Mädchen gar nicht so schlimm an, wie es das teilweise heute in der Retrospektive tut. Ich könnte mir vorstellen, dass das daran liegt, dass Kinder die Dinge eher einfach hinnehmen, ohne darüber zu urteilen. Ich war mir oft dem Ernst der Lage nicht ganz so bewusst, zumal meine Eltern immer versuchten, sich nichts anmerken zu lassen. Wir haben in der ganzen Zeit viel gelacht. Meine Familie macht gerne Witze und das gerne auch in schwierigen Zeiten. Ich glaube kein Leben ist je perfekt, aber rückblickend bin ich sehr stolz auf meine Familie, denn sie haben hart gearbeitet und das hat sich ausgezahlt.

AJOURE´: Du hast damals an einer Berliner Schauspielschule deinen Beruf erlernt und hier natürlich einige Kino- und Fernsehfilme sowie Serien gedreht. Jetzt bist du in den USA und auch in London für Dreharbeiten. Macht es als Schauspielerin einen großen Unterschied, ob man in Deutschland für einen Film dreht oder in den USA? Oder sind die Anforderungen an die Künstler immer dieselben? Wo macht es dir mehr Spaß?

Narges: Früher hätte ich gesagt, die Produktionen in Deutschland sind etwas kleiner, sprich man dreht in kleineren Teams, aber da der Markt durch die Streamings immer internationaler wird, ist das nicht mehr unbedingt der Fall. Ich finde nicht, dass es große Unterschiede gibt, höchstens kulturell.

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Für mich persönlich ist es immer wieder schön, zuhause in Deutschland zu drehen. Die Branche ist etwas kleiner, man kennt die Meisten und viele sind über die Jahre zu guten Freunden geworden. Das gibt mir ein sehr vertrautes, warmes Gefühl. Ein Gefühl des Nachhausekommens.

Narges Rashidi

AJOURE´: Apropos London… Gerade wurde die HBO-Serie „Gangs Of London“ abgedreht, in der du ebenfalls eine Rolle hast. Auch wenn noch nicht so ganz klar ist, welcher deutsche Sender die Serie ausstrahlen wird, wollen wir natürlich trotzdem wissen, was die Fans erwartet. Worum geht es und was ist deine Rolle?

Narges: Ich darf leider noch gar nicht viel verraten, außer dass es um den Londoner Untergrund geht und man sich auf Drama und Action vom Feinsten freuen darf. Der „Creator” der Show ist einer der absolut besten Action-Regisseure namens Gareth Evans, dementsprechend kann ich nur sagen: Bitte anschnallen!

AJOURE´: Für einen amerikanischen Fernsehprogrammanbieter wie HBO eine Serie drehen zu dürfen, ist natürlich sozusagen die Königsklasse dessen, was man als Schauspieler im Serien- und Filmbereich erreichen kann. Jetzt, da du es schon so weit geschafft hast, wo liegt dein nächstes Ziel? Hast du da schon genaue Vorstellungen?

Narges: Absolut – spätestens seit „Sopranos“ war es tatsächlich immer ein heimlicher Traum von mir, für HBO, aber auch für Sky zu arbeiten. Ich bin sehr dankbar dafür.
Mein Ziel ist es, an interessanten Projekten mit talentierten Menschen vor und hinter der Kamera zu arbeiten und das gerne, bis ich 93 Jahre alt bin. Danach, glaube ich, möchte ich mich zu Ruhe setzen. (lacht)

Zum Planen – das Einzige, was ich bisher plane, sind die Weihnachtsfeiertage, weil ich gewiss sein kann, dass jobtechnisch ganz sicher nichts dazwischen kommt. Obwohl, selbst dafür gibt es keine Garantie, denn das Leben ist nicht planbar und meins schon gar nicht.

AJOURE´: Nächstes Jahr erscheint der Film Eisland und auch hier warst du mit von der Partie. Was darfst du uns über den Film erzählen, worum geht es und für welche Zuschauer ist er am besten geeignet?

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Narges: Eisland ist meine zweite Zusammenarbeit mit der Regisseurin Ute Wieland, die ich, jetzt muss ich kurz kitschig werden, wirklich sehr lieb habe. Ich habe eine kleine, aber sehr feine Cameo-Rolle. Ich spiele Amira Navid, die Orthopädin des Lieferanten Marko, gespielt vom wunderbaren Axel Prahl, dessen Leben komplett auf den Kopf gestellt wird, als er wegen seines kaputten Rückens in Frührente muss. Und infolge dessen an Altersarmut leidend einiges anstellt, um an Geld zu kommen. Ich würde sagen, eine tragische Komödie für alle Altersgruppen.

AJOURE´: In Zeiten von Netflix, Amazon Video und diversen weiteren Streaming-Anbietern, die eine Vielzahl an Serien produzieren und zur Verfügung stellen, ist es da als Schauspielerin wünschenswerter, wenn man sich auf Kino- und Fernsehfilme konzentriert oder ist deiner Ansicht nach heute der Sprung zur erfolgreichen Schauspielerin „schneller“ möglich, wenn man es in eine der Top-Serien schafft?

Narges: Ich denke persönlich nicht in solchen Kategorien; wie komme ich schnellstmöglich an Erfolg. Mich muss in erster Linie das Drehbuch überzeugen und die Rolle interessant sein. Mir ist dann weniger wichtig, welche Plattform es ausstrahlen wird. Aber klar ist, dass die Streaming-Anbieter den Markt sehr aufgemischt haben und deren Produktionen schnell auch international erfolgreich sein können.

AJOURE´: Hattest du denn jemals das Gefühl, dass du es als gebürtige Iranerin schwerer in diesem Business hast als andere?

Narges: Definitiv, ja! Als ich angefangen habe, gab es kaum Rollen für Menschen, die so aussehen wie ich. Rollen, die keine Klischees und Stigmen bedienten, sowieso gar nicht. Das hat sich über die Jahre gebessert, aber es ist lange nicht da, wo es sein könnte und auch sollte. Die USA und England sind uns diesbezüglich einen, vielleicht aber auch drei Schritte voraus. Diversität wird inzwischen in fast allen Projekten großgeschrieben. Ich bin überzeugt, dass die Zuschauer in Deutschland schon lange offen und bereit dafür sind. Das haben sie oft genug bewiesen. Die „Macher“ müssen sich einfach mehr trauen.

AJOURE´: Gegen Ende eines Jahres schauen ja viele Menschen immer wieder auf die letzten 12 Monate zurück. Worüber bist du dieses Jahr besonders glücklich gewesen und gibt es etwas, das du für nächstes Jahr vielleicht noch optimieren möchtest?

Narges: Meine Highlights in 2019 waren der Dreh zu „Gangs Of London“ , dass ich das Rauchen aufgegeben habe und meine beste Freundin die Liebe ihres Lebens geheiratet hat. Was will man mehr?

Was würde ich gerne optimieren? Ich möchte mehr Mentales Training betreiben und etwas wirtschaftlicher mit meiner Zeit umgehen. Sprich: weniger trödeln.
Unter Stress gelingt mir das gut, aber wenn ich Zeit habe, dann vertrödele ich die gerne und das nervt mich tierisch.

Narges Rashidi im Interview

AJOURE´: Wenn wir schon bei „Ende des Jahres sind“ – hättest du drei Wünsche zu Weihnachten frei, wovon jeder in Erfüllung ginge, wie würden die Wünsche lauten?

Narges: Ich habe viele kleine und große Wünsche, aber mit den Wünschen ist es immer so ein Ding, man soll sie nicht verraten, sonst gehen sie nicht Erfüllung… Aber ok:
In Japan unter Kirschblütenbäumen meditieren, das stelle ich mir unfassbar romantisch vor.

Drei riesen Eisbecher in Bad Hersfeld in der Eisdiele essen. Ich bin dort aufgewachsen und da gibt es einfach das beste Eis und ich liebe Eiscreme. Anschliessend ein Theaterstück in der Festspielruine anschauen. Ich war lange nicht mehr da und vermisse es sehr.

Ich wünsche mir, dass die Zuschauer genau soviel Spaß haben werden, Gangs Of London zu schauen, wie ich Spaß hatte es zu drehen, trotz der grünblau geschwollenen Knie am Ende der Drehtage. (lacht)

AJOURE´: Wann war das letzte Mal, dass du etwas zum ersten Mal erlebt hast?

Narges: Ich habe das Gefühl, ich erlebe so vieles zum ersten Mal, sowohl positiv als auch negativ. Das ist das Aufregende im Leben – man lernt nie aus. Ich durfte Mexico City gerade zum ersten Mal erleben und das war fantastisch. Ich habe dort die verschiedensten Säfte und Saftmischungen probiert und himmlische Churros gegessen.

AJOURE´: Auf was dürfen sich deine Fans 2020 von dir freuen?

Narges: Definitiv auf Gangs Of London. Mehr wird hier noch nicht verraten.

AJOURE´: Liebe Narges, vielen Dank für die Zeit, die du dir genommen hast.

Narges: Danke euch und fröhliche Weihnachten.

 

Fotos: Tom Wagner