Madeline Juno

Wenn es in Deutschland um authentische deutsche Musikerinnen geht, dann gehört Madeline Juno wohl zu den ersten Personen, die einem in den Sinn kommen. Musik war für Madeline schon in frühen Jahren ein Anker, der ihr nicht nur Halt geben konnte, sondern der in der Lage war, sie emotional aufzufangen. Madeline weiß heute genau, worin ihre Stärken liegen und wenn ihr dennoch eine fehlen sollte, dann trainiert sie sich diese einfach an. Am 06. September erscheint ihr neues Album „Was bleibt“ und sie ist zurecht stolz darauf, dass die Songs alles andere als „stumpf“ sind. Wir haben uns mit der impulsiven Löwin, die eigentlich ein Skorpion hätte werden sollen, getroffen und waren neugierig, worum es in ihrem neuen Album geht, wofür „Was bleibt“ steht und wie Musik ihr geholfen hat, mit diversen Situationen umzugehen.

Am 06. September erscheint dein viertes Album „Was Bleibt“. Bist du aufgeregter als bei deinen vorhergegangenen Alben kurz vor einer Veröffentlichung?

Irgendwie gar nicht. Ich kann dir aber auch nicht sagen, warum ich nicht aufgeregt bin. Es ist irgendwie so, dass je älter ich werde, ich alles relativ realistisch betrachte. Alles was mit Aufregung zu tun hat, sind Erwartungshaltungen. Erwartungen an die Platte, Platzierungen und an vieles mehr. Ich bin nicht wirklich sehr aufgeregt, aber ich freue mich extrem, dass das Album erscheint. Ich frage mich jetzt nicht ständig, was mit dem Album passiert und wo es platziert wird, denn ich weiß, dass es sehr schwer ist, aber ich freue mich auf die Zeit, die vor mir liegt.

Madeline Juno

Während es bei deinen früheren Alben viel um Zwischenmenschliches geht, sind bei „Was Bleibt“ die personenbezogenen Texte weg. Woran liegt das?

Es war keine bewusste Entscheidung. Ich bin seit ein paar Jahren in einer festen Beziehung und das nimmt einem diese wahnsinnig dramatischen zwischenmenschlichen Sachen weg. Wenn man glücklich ist, dann hat man das Drama nicht mehr, worüber man schreiben kann. Der Song „Vor dir“ ist sehr positiv und zwischenmenschlich, dann gibt es den Song „Geliehen“, welcher das Gegenteil von dem anderen Song ist, aber das sind die einzigen beiden Lieder, die über Beziehungen gehen. Alles andere sind Themen, die mich über Jahre begleitet und nicht losgelassen haben. Mit meinem neuen Album will ich Menschen mit Themen ansprechen, die mich als Menschen einfach bewegen und nicht als Madeline, die zu Hause hockt und gerade angepisst oder verletzt ist. Der Song „Schwarz-Weiß“ klingt zwar wie ein Beziehung, er handelt aber von Freundschaften und Menschen, die einfach so aus dem Leben verschwinden. Ich glaube, die Entscheidung „Was bleibt“ in Form von Fragen zu schreiben, hat sich so eingeschlichen. Ich hatte an das Leben viele Fragen, die mich generell bewegen. Sei es Depressionen, schlaflose Nächte oder Konflikte mit mir selbst. Auf dem Album „Was bleibt“ geht es um das Künstlerleben und das weckt mich täglich. Alles was ich habe, gehört mir eigentlich nicht. Diese ganzen Streaming-Zahlen und die Fans, die ich habe – nichts davon gehört mir. Die Musik, die ich schreibe, gehört mir nicht, die Frage ist, was bleibt am Ende? Es hat sich einfach so eingeschlichen.

Was bleibt
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Wie sind die Ideen zu deinem neuen Album und die ganzen, teilweise sehr harten Texte, entstanden?

Vor 12 Jahren hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass ich beim Schreiben genau in dieser emotionalen Situation sein muss, um so schreiben zu können. Aber bei meinem neuen Album war es zum ersten Mal so, dass ich wahnsinnig viel zurückgeblickt und reflektiert habe und auch Themen aufgriff, die Teil meines Lebens waren und die mich in der Vergangenheit verletzt und bewegt haben. Während ich diese Songs geschrieben habe, war ich relativ konstant und bei mir. Ich habe mich einfach in die Situation zurückversetzt, was sehr gut funktioniert hat. Ich kenne mich ja selbst und auch meine Macken sowie meine Hochs und Tiefs. Wahrscheinlich kenne ich mich sogar besser, als mir recht ist, deshalb weiß ich was ich immer wieder durchmache. Wenn ich jetzt gerade eine Hochphase habe, kann ich mich bestenfalls noch an die Tiefphasen erinnern und dann auch darüber schreiben. Ich saß auch oft genug schon im Studio und habe über emotionale Dinge geschrieben und gesungen und saß am Ende des Tages vollkommen aufgelöst zu Hause. So etwas passiert einfach, aber ich glaube, generell ist das Songwriting und das Verarbeiten von Themen wie diese sehr therapeutisch. Ich bin allerdings der Meinung, dass ich nur auf diese Art und Weise so authentisch rüberkommen kann, wie ich es tue. Also kann ich selbst nur authentisch sein, wenn ich es zu 100% fühle.

Die Zuhörer werden nicht selten aber vor allem bei „Automatisch“ anfangs auf eine völlig falsche Fährte gelockt. Beinahe ein Pop-Track, der einen Tanzen lassen will. Schmunzelst du bei dem Gedanken daran, wie das Gesicht der Leute entgleisen könnte, wenn sie verstehen, um was es eigentlich geht?

Nein. Aber genau das habe ich mir erhofft, dass vielleicht irgendwann einmal bei einem Hörer der Schalter umgestellt wird. Ich liebe es, mit solchen Sachen zu spielen. Das habe ich auf dem letzten Album auch einmal gemacht und dachte „ok, let‘s do it again“. Ich finde es wahnsinnig spannend, denn ich wollte einen Song auf dem Album haben, der super tanzbar ist und auf den man loslassen kann. Meistens konsumiert man Musik im Auto oder irgendwo und sie läuft einfach nur so nebenher. Dazu kommt, dass man oftmals gar nicht richtig hinhört und nie so wirklich beim Text ist. Ich kenne das von mir, denn wie oft höre ich Songs, die links ins Ohr rein gehen und auf der anderen Seite wieder rauskommen und du selbst weißt gar nicht, worum es thematisch eigentlich ging. Eigentlich sollte das aber nicht so sein, denn wenn ein Song dich richtig abholt, dann bist du auch dabei. Ich glaube, viele Menschen konsumieren Musik beiläufig und nebenher und ich wollte produktionell einen Song haben, der einen irgendwie tanzen lassen möchte, wollte aber thematisch dennoch einen Twist einbauen. Irgendwie ist es relativ gut geglückt und ich glaube, viele Menschen, die mich verfolgen und die mich als Künstler kennen, checken das, denn ich habe eine sehr emotional „angeknipste“ Fanbase, die dies durchschauen und auf sich beziehen.

„Gib doch nach“ tut beim Zuhören beinahe weh. Wie ist der Song entstanden, wie schwer war es, die Bedeutung in Worte zu fassen? Dennoch poppig und keinesfalls Ballade. Wie passt das zusammen?

Ich wollte einfach weiter die Popschiene fahren. Besonders seit ich Deutsch singe, ist es elektronischer geworden. Frühere Alben waren noch englisch und so viele Leute haben sich gewundert, dass ich auf einmal deutsch singe. Einige waren sicherlich der Meinung, man könne doch nicht einfach so von Englisch zu Deutsch wechseln, aber ich denke, dass ich das durchaus konnte. Ich denke, dass ich jetzt meinen Sound gefunden habe und wollte ein poppiges Album machen, bei dem die Themen nicht egal sind. Bei dem Song „Gib doch nach“ gibt es keine richtige Handlung, sondern es ist eine Situation, ein Daseinszustand, der in Form eines Textes aufgefasst wurde. Eigentlich geht es um Momente, in denen ich zum Beispiel völlig irrational denke oder vielleicht gar nicht denke, sondern einfach durchdrehe und irrational handle. All das wollte ich in einen Song packen. Der Song hat einen tragenden Beat, es ist keine Ballade und ich wollte, dass es antreibt und dennoch diesen „emotionalen Abfuck“ einfängt.

Welches ist dein persönlicher Lieblingstrack auf dem neuen Album?

Das kommt und geht immer. Eigentlich ist es immer der Song, den du gerade als letztes fertiggemacht hast, da er am aktuellsten ist. Jetzt gerade ist mein Favorit der allererste Track „Zu zweit allein“. Der Song ist sozusagen das Intro zum Album und „Was bleibt“ ist der letzte Track. Diese beiden Songs sind die einzigen beiden Lieder auf dem Album, die so akustisch sind, denn ich bin nicht unbedingt der Über-Fan von akustischen Liedern. Ich wollte, dass das Album mit einem sehr rohen und nahen Song beginnt und deshalb mag ich ihn wohl jetzt gerade am meisten. In dem Song geht es um meinen damaligen langjährigen allerbesten Freund, mit dem ich leider nicht mehr befreundet bin. Es geht sozusagen einfach nur um die Frage, wie es wohl gewesen wäre, wenn die Freundschaft nicht auseinandergebrochen wäre.

Nach einigen Lieder deines neuen Albums, von denen viele hart waren, kommt auf einmal der Song „Vor dir“. Ein Song voller Gefühle und irgendwie so das Gegenteil der anderen Lieder. Wie passt das zusammen?

Man hat immer im Hinterkopf, dass das Radio emotionale Songs nicht so wirklich spielt, sondern lieber einfache Lieder, die jeder versteht. Aus Erfahrung sprechend kann ich so nicht schreiben. Das bedeutet, dass ich mich nicht hinsetzten kann und einen Text verfasse, bei dem ich mir vorher überlege, ob die Radiosender diesen spielen würden. Es wäre unauthentisch bis zum Gehtnichtmehr. Ich kann nur über Dinge schreiben, die mich bewegen. „Vor dir“ ist ein Song, den zum Beispiel ich auf meine Beziehung projizieren könnte. Ich bin glücklich, dass es meine Partner gibt und wir uns gefunden haben. Seit dieser Mensch in meinem Leben ist, ist so Vieles einfach besser beziehungsweise besser mit ihm. Darum wollte ich einen Song schreiben, der Menschen die Möglichkeit gibt, dieses Lied auf Menschen in deren Umfeld zu beziehen.

Madeline Juno

Wer sich etwas mit dir und deiner Person beschäftigt, der erfährt schnell, dass du seit jungen Jahren unter Depressionen leidest, so wie ca. 300 Mio (WHO) andere auf dieser Welt. Half dir Musik bei dem Umgang und der Verarbeitung deiner Gefühle? Ist es wie eine Art Eigentherapie für dich?

Total. In wahnsinnig jungen Jahren, als ich elf oder so war, natürlich noch nicht. Damals war ich zwar auch schon ein sehr emotionaler Mensch, aber nicht so, dass ich mich mit mir selbst beschäftigt habe. Da war Musik für mich noch kein so bewusstes Ding, trotz dass meine Familie sehr musikalisch war. Wirklich wichtig wurde Musik für mich, als ich etwa 12 wurde und angefangen habe Gitarre zu spielen und meine ersten Songtexte zu schreiben. Ab diesem Zeitpunkt war Musik etwas, was mich zu 100 Prozent gestützt hat – in jeglicher Form. Natürlich war ich damals noch ein Kind und heute sehe ich logischerweise alles etwas anders, aber das Medium „Musik“ ist geblieben. Durch Musik kann man noch tiefer in ein gewisses Gefühl sinken und fühlt sich darin aufgefangen. Es ist ein merkwürdiges Phänomen. Ich selbst konsumiere nur Musik, die so ein Gefühl nur krasser macht bzw. verstärkt. Ich höre Musik, um mich verstanden zu fühlen. Genau das war schon sehr früh bei mir gegeben. Es ist bittersüß und ich würde es für nichts anderes eintauschen wollen.

Im Song „Borderline“ heißt es: „Oh Gott, ich hasse dich und dann mich“. Kannst du uns das etwas beschreiben? Was passiert da mit dir?

Ich bin sehr impulsiv. Wenn man manchmal mit einer Situation unzufrieden ist, ist es wohl menschlich, erst einmal aufzubrausen und zu sagen „du hast das und jenes gemacht…“. Man projiziert das auf einen anderen Menschen, weil der vielleicht gerade am nächsten bei dir dran ist. Eigentlich ist der Ursprung von so vielen Dingen aber intern, weil du mit so vielen Dingen manchmal nicht klarkommst oder zu viel in etwas hineininterpretierst. Klar macht Person XY vielleicht etwas, was dir nicht passt. Aber man muss sich dann die Frage stellen, weshalb einem selbst das nicht passt. Was ist mein Problem, dass ich hiermit nicht klarkomme? Und dann bemerkt man, dass man vielleicht über das Ziel hinausgeschossen ist und das alles nur halb so wild ist. Genau um dieses ewige Hin und Her geht es in dem Song. Diese Extreme, die dich komplett in die eine oder die andere Richtung manövrieren. Du hasst jemanden und im nächsten Moment liebst du ihn. Du kommst super mit einer Person aus und im nächsten Moment herrscht sozusagen Krieg.

Tourdaten:

23.10.2019 Dortmund, FZW
24.10.2019 Hannover, LUX
25.10.2019 Osnabrück, Kleine Freiheit
26.10.2019 Frankfurt, Zoom
27.10.2019 Frankenthal, Gleis 4
29.10.2019 Hamburg, Knust
30.10.2019 Bremen, Lagerhaus
31.10.2019 Berlin, Musik & Frieden
03.11.2019 Dresden, Groovestation
04.11.2019 Freiburg, Jazzhaus
05.11.2019 München, Ampere
06.11.2019 Köln, Club Volta
07.11.2019 Stuttgart, ClubCANN

 

Fotos: Danny Jungslund