Jenniffer Kae

Wie in Berlin nicht unüblich, ist nicht nur der Klamotten-Style einzigartig, nein, auch Tonstudios sehen bisweilen einzigartig aus. So unique wie Jenniffer Kae selbst ist auch der Proberaum, wo wir uns mit der talentierten Deutsch-Sängerin treffen. Sie steht kurz vor der Fertigstellung ihres neuen Albums und eine süße Nervosität ist ihr durchaus anzusehen. Sie liebt Details, von den Instrumenten bis hin zu den Lyrics. „Es wird etwas ganz Besonderes“, verspricht sie und freut sich unheimlich auf die Kurz-Tour durch Deutschland, die vom 16. bis 21. Mai stattfindet. Was ihr neues Album so besonders macht und wieso sie mittlerweile in Deutsch singt, verrät sie uns jetzt.

Am 17. Mai erscheint nach 11 Jahren dein zweites Album. Diesmal deutschsprachig. Worauf dürfen sich deine Fans freuen, die dich bislang nur durch deine englische Musik kennen?

Ich glaube, dass es noch persönlicher geworden ist. Mein Facettenreichtum ist dieses Mal auf jeden Fall deutlicher geworden. Die Produktion war ein großer Schwerpunkt. Wir haben zwei intensive Jahre damit verbracht. Jeder Mensch und jeder Musiker, der an dieser Platte mitgearbeitet hat, ist ein besonderer Musiker für mich. Alleine aus dem Grund, weil wir Freunde sind. Ich wollte schon immer etwas machen, das aus einer Natürlichkeit heraus entsteht.

Ich habe mich nie dazu genötigt gefühlt, jetzt unbedingt eine Platte zu produzieren. Es gab einfach einen Punkt, an dem ich angefangen habe, Ideen zu sammeln, nach denen ich aber nie aktiv gesucht habe. Irgendwann begegnete mir der Produzent und wir haben uns dazu entschlossen zusammenzuarbeiten. Ich habe ihm meine Arbeiten gezeigt und Musiker vorgestellt, mit denen ich gerne etwas machen würde. So haben wir in einem natürlichen Prozess alle Fäden zusammengebracht. Meiner Meinung nach hört man, dass wir zwei Jahre ganz in Ruhe an diesem Album gearbeitet haben.

Dieses Album hat eine Liebe zum Detail und befreit von Trends. Für mich fließt alles zusammen, was ich gerne höre. Außerdem spielen die Menschen, die ich liebe. Es sind einfach meine Texte und meine Geschichten. Deshalb war es noch nie so unverkopft, aber zeitgleich so ehrlich.

In den letzten Jahren ist Deutschrap extrem hochgekommen. Du hast jedoch deinen ganz eigenen Style, der alles andere als Mainstream ist. Wie sieht das dein Plattenlabel? Bekommst du Vorgaben, dass du eher in den Mainstream hinein produzierst?

Ich weiß es sehr zu schätzen, dass ich meine Freiheiten habe. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass Michi Stockum, der mich damals bei Four Music gesigned hat, mich über eine lange Zeit hinweg aus der Ferne in verschiedenen Konstellationen beobachtet hat. Zum Beispiel habe ich für meinen guten Freund Nisse Chorarrangements gemacht und auch gemeinsam mit ihm den Song „Fahrbahnsteifen“ für seine Platte gesungen. So hat sich das auf natürliche Art und Weise entwickelt, dass ich auf deren Radar auftauchte.

Es gab dabei nie den Ehrgeiz, dass aus mir mal ein großer Popstar werden sollte. Ich glaube, dass da Vertrauen war. Michi Stockum hat immer gesagt, wenn ich was zum Vorspielen habe, soll ich immer als erstes bei ihm vorbeikommen. Ich habe ihm die zwei Demos gezeigt, die Hannes und ich in seinem Wohnzimmer aufgenommen haben, weil er damals noch kein Studio hatte. Das hatte für Michi und Four Music wohl irgendeine Eigenständigkeit und hat deren Nerv getroffen. Das ist eine unglaublich große Chance für mich gewesen, dass ich damit eine Tür aufgestoßen habe.

Ansonsten musst du dich groß beweisen und anständig bewerben. Wir hatten zum richtigen Moment etwas am Start und konnten vorlegen. Normalerweise ist das ein Prozess von vier bis fünf Jahren. Er hat es sich angehört und wir hatten einen Deal. Da war einfach ein Vertrauen mir gegenüber da. Ich weiß nicht, ob sie es schon bereuen (lacht).

Du singst als Backgroundsängerin von Cro schon eine ganze Weile auf Deutsch. Was war der Grund von deiner ursprünglichen englischsprachigen Musik auf Deutsch zu wechseln?

Beim Englischen bin ich irgendwann an eine Grenze gestoßen. Nach dem Album habe ich eine zweite EP gemacht und habe im Nachhinein überlegt, was das werden kann. Ich hatte noch ein paar Songs auf der hohen Kante, aus denen die EP dann auch entstanden ist. Mit Johannes bin ich auf Tour gegangen und habe verschiedene Tour-Supports gespielt. Das war aufs ganze Jahr mit verschiedenen Bands verteilt nur mit englischen Songs. Trotzdem hatte ich ein starkes Bedürfnis, den Leuten, die mich noch nicht kennen, zu erklären, worum es in meinen Liedern geht. Nicht alle sprechen fließendes Englisch. Irgendwann habe ich mich selbst dabei ertappt, wie ich den Zuhörern immer einen Beipackzettel mit zu den Songs geben wollte.

Ich habe vier bis fünf Minuten nur über den Inhalt des Songs geredet. Dann dachte ich, was für ein Quatsch. Gregor Meyle meinte irgendwann zu mir, dass ich so viele tolle Geschichte zu erzählen hätte und ich solle doch endlich damit anfangen. Auch eine gute Freundin hat mir gesagt, dass ich so eine schöne Sprache habe und ich doch etwas daraus machen soll. Nichtsdestotrotz bin ich mit englischsprachiger Musik groß geworden. Das prägt bis heute noch meinen Musikgeschmack. Ich hatte einfach den Wunsch, das zu erforschen. Auf einmal sind dann die Songs dagewesen und im Studio hatte ich das Gefühl, dass das alles so viel persönlicher ist.

Danach habe ich auch gesucht. Es war keine Challenge mehr für mich, krasse Noten zu singen oder Gänsehaut durch meinen Gesang zu erzeugen, sondern anzufangen, meine Geschichte zu erzählen. Das geht in keiner Sprache besser als in der, in der wir groß geworden sind.

halb 4
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Gab es schon erste Resonanzen von deinen Fans?

Das Abgefahrene ist, dass die Nachrichten, die mir heute geschrieben werden, sehr viel persönlicher sind. Ich merke, dass die Menschen anders berührt sind. Die Leute haben Lust zu den Konzerten zu kommen und ich habe das Gefühl, es muss langsam wachsen, denn es ist keine Musik, in die du dich beim ersten Mal hören verliebst. Es muss irgendetwas mit dir machen und etwas in dir zum Klingen bringen. Wenn das passiert, habe ich den Eindruck, dass es den Leuten sehr nahekommt.

Das ist auch mein größter Wunsch. Ich möchte nicht groß Eindruck schinden oder die Über-Sängerin sein. Für mich geht es darum, die Dinge zu vertonen, die in meinem Herzen passieren und das ist nicht immer vorhersehbar. Aber ich werde immer mutiger darin, mich nicht hinter einem Sound zu verstecken, sondern mein Gefühl eins zu eins rüberzubringen.

Am 16. Mai startest du mit einer kleinen Clubtour durch sechs deutsche Städte. Mit dabei sind Köln, Stuttgart, München, Leipzig, Berlin und Hamburg. Wie aufgeregt bist du?

Ich bin extrem aufgeregt. Das ist für mich gar kein Vergleich mehr. Wir haben teilweise vor 25.000 Menschen auf dem Lollapalooza Festival hier in Berlin gespielt. Wenn du aber über drei oder vier Jahre bis zu dreimal die Woche vor so vielen Menschen stehst, dann ist es am Ende egal, wie viele Leute vor dir stehen. Du merkst, dass es etwas mit dir zu tun hat, denn auf der Bühne zu stehen ist eine subjektive Erfahrung. Die Anzahl der Zuschauer hat für mich nichts mehr auszusagen. Es kommt eher darauf an, was du da oben machst, wie du dich erlebst und wie du dich mit den anderen Leuten connectest, die mit dir auf der Bühne stehen. Erst wenn das passiert, springt ein Funke über.

Ich habe schon vor so vielen Leuten gespielt, ohne dass dieser Funke übergesprungen ist. In verschiedenen Konstellationen. Jetzt kommt so langsam ein Punkt, an dem ich mich nicht hinter Choreografien, keinem anderen Sänger, keiner krassen Lichtshow und keiner Monster-Leinwand verstecken kann. Diese Animation und dieses Extrovertierte ist ein Teil von mir. Aber diese andere Seite macht mich viel aufgeregter. Dort kann ich mich nicht vor mir selbst verstecken, denn wenn ich das tue, verliere ich die Verbindung. Diese kleinen Club-Touren machen dieses Gefühl viel deutlicher. Du hast keine Distanz mehr und bist eins zu eins mit den Leuten vor Ort. Du spürst deinen Flow und merkst, wenn du die Zuschauer abgeholt hast. Das ist dann keine Masse mehr, sondern einzelne Gesichter. Und diese Vorstellung macht mich soooooo nervös!

Jenniffer Kae

Werden ausschließlich Songs aus dem neuen Album zu hören sein oder spielst du auch deine damaligen Tracks wie „Little White Lies“ und „Do You Love Me“, die hierzulande ziemlich erfolgreich waren?

Ich habe lange überlegt und glaube, dass ich das noch gar nicht so verraten möchte, wie ich mich am Ende entschieden habe. Ich sag es aber mal so: es gibt nichts, hinter dem ich mich verstecken muss, von den Sachen, die ich vor elf Jahren gemacht habe. In meinem Fall habe ich keinen Grund, irgendwas zu verschweigen. Andererseits ist es schon so lange her, dass es eine Art Verjährung für die Leute hat, die da sind. Ich glaube, dass da nicht so viele Leute sind, die meine alten Lieder erwarten.

Aber ich habe trotzdem das Bedürfnis, diesen Aspekt von mir auch zu zeigen. In welcher Form das passieren wird, verrate ich noch nicht.
Deine ganze Familie ist sehr musikalisch, von deinen Eltern angefangen, über deine jüngere Schwester, bis hin zu dir. Gab es nie die Idee, mit deiner Schwester gemeinsam aufzutreten?

Nein, wir haben so grundverschiedene Geschmäcker und wir sind in dieser Hinsicht wie Nord- und Südpol. Wir lieben uns unglaublich und wir sind uns wahnsinnig nahe. Sie ist die Art von Freundin für mich, zu der ich sage: „Würde ich niemals anziehen, aber steht dir!“ Unsere Schnittmenge ist, dass wir beide gerne singen, aber was wir singen, ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Ich muss aber sagen, dass ich mit keinem Menschen so gut zweistimmig harmonieren kann. Ich singe einen Ton und sie singt ihn perfekt dazu. Ohne zu wissen, wo es hingeht, klingt es zusammen immer mega-gut. Wir konnten uns musikalisch einfach noch nie einigen. By the way fährt sie dieses Jahr zum ESC.

Jenniffer Kae im Interview

Wenn du ein paar Jahre in die Zukunft sehen könntest, was würdest du am liebsten wissen wollen?

Ich glaube, ich würde gar nichts aus meiner Zukunft wissen wollen. Ich übe, in mir zu ruhen und ich muss mich wirklich dazu zwingen, das auch zu tun. Diese Menschen sind im Hier und Jetzt verankert. Wir kennen solche Leute. Die strahlen so eine Gelassenheit aus. Du bist um sie herum und denkst nur, dass es dir gut geht, ganz egal, was dich gerade belastet. Ich versuche immer mehr so ein Mensch zu werden, indem ich mir selbst beibringe, die Dinge im Hier und Jetzt zu tun und meine Gedanken und meine Energie auf den Punkt zu fokussieren, in dem ich jetzt gerade bin.

Für mich ist das eine große Aufgabe. Mein ganzes Leben lang bin ich gereist. Wir waren immer auf der Hut, wo es uns als nächstes hinziehen könnte. Wir haben ständig unsere Zelte abgebaut. Die größte Aufgabe in meinen Leben ist also Beständigkeit. Deswegen wünsche ich mir das eigentlich nicht zu wissen, sondern nur darüber nachzudenken, was jetzt gerade ist und den Moment anzunehmen. Die Dinge so wie sie sind anzunehmen.

Gab es Momente, in denen du alles angezweifelt hast? Was gab dir die Kraft weiterzumachen?

So circa 80 Prozent meiner Zeit (lacht). Das Gefühl, das mir durch die Musik gegeben wird, gibt mir die Kraft. Wenn ich auf dem Sofa sitze und merke, ich habe einen Weg gefunden, mit mir selber zu kommunizieren und mir meine Gedanken klarzumachen, dann gibt mir Musik Frieden. Ich kann mit Musik alles andere für einen Augenblick vergessen und wieder die Kraft sammeln, um weiterzugehen. Das ist für mich eine Art, um im Hier und Jetzt zu sein. Je mehr Musik ich mache, desto glücklicher bin ich.

Das Musikbusiness in Deutschland ist nicht einfach. Es gibt unzählige deutschsingende Musiker, sei es Pop oder Hip-Hop. Hat man da schon mal Angst vor so viel Konkurrenz und was tust du, um hier weiterhin erfolgreich zu bleiben?

Ich weiß, was du meinst und glaube, es gibt keine Konkurrenz. Am Ende des Tages gibt es für jeden einen Platz. Es geht nur darum, dass du über die Zeit mehr und mehr herausfindest, wer du bist, was du willst und was du den Menschen sagen willst. Dann gibt es keine Konkurrenz mehr, weil jeder eigenständig ist. Somit gibt es für jeden einen Platz und keine Doppelbesetzungen. Niemand nimmt sich den gegenseitigen Space.

Was mir viel mehr Angst macht, ist die Entwicklung von Streaming in der Musik. Wir haben zurzeit eine Reizüberflutung an Musik. Mir geht es auch selber so. Es geht quasi nur noch darum, die Portale zu finden, die für dich deinen Geschmack filtern, weil es einfach so viel ist. Diese Portale funktionieren dann, wenn sie gut filtern. Solltest du keinen Filter haben, dann wirst du jeden Tag von einer Flutwelle an Informationen weggespült. Du kannst es nicht genießen. Ich komme noch aus einer alten Tradition vom Lieder machen. Ich höre Alben und liebe Menschen, die ihre Geschichten in einem Gesamtkonzept arrangieren. Diese Musiker nehmen sich die Zeit von Anfang bis Ende einen Gesamtbogen zu spannen. So konsumiere ich Musik und das macht mich glücklich.

Eine Amy Winehouse-Platte von Anfang bis Ende zu hören ist einfach schön. Warum hat sie welchen Song neben den anderen gesetzt. Auf welche Reise werde ist geschickt, wenn ich diesem Album zuhöre. Heute gibt es Song-by-Song. Das zerrupft für mich dieses Konzept. Das ist für den Ein oder Anderen bestimmt toll, weil er in drei Wochen drei Hits veröffentlichen kann. Aber ich mag die Art von Musik, die sich Zeit nimmt.

Ich unterstütze die Künstler, die ich liebe, indem ich mir ihre Platten kaufe, nachdem ich sie gehört habe. Es gibt wirklich Tage, an denen ich merke, dass es so unglaublich viel Musik gibt und ich nur noch von Genre zu Genre springe. Du kannst dich ja gar nicht mehr einlassen. Da muss ich mitunter auch einfach den Stecker ziehen. Was ich aber geil daran finde ist, dass eine gewisse Autonomie entsteht. Die Künstler sind viel mehr danach gefragt etwas Eigenes zu kreieren, weil du sonst untergehst.

Ich habe etwas Angst davor, dass die Wertschätzung für Musik etwas den Bach runtergeht. Ich liebe Live-Musik und darauf stütze ich mich auch. Das ist der Pfeiler, auf dem ich stehe. Ich kann mich auch auf die Straße stellen und das machen. Vielleicht bleibt jemand stehen und hört mir zu. Straßenmusik zu machen war auf jeden Fall eine gute Erfahrung für mich. Mir hat daran so gefallen, dass es eine Face-to-Face-Begegnung gibt. Wenn du mich Scheiße findest, dann gehst du weiter. Du findest es gut, dann bleibst du stehen. Vielleicht sogar bis zum Schluss. Wenn du es richtig gut findest, dann kaufst du mir vielleicht aus meinem Koffer heraus sofort eine CD ab. Danke du lieber Mensch für diesen Moment. Dieser Moment ist leider weg, wenn ich nur darauf schaue, was in der Plattenindustrie passiert.

Umso mehr weiß ich es zu schätzen, wenn wir diese Tour spielen. Ich hole nachher direkt aus dem Presswerk mein Album ab. Das ist komplett surreal für mich, mein Album als CD in der Hand zu halten. Was du nicht aufhalten kannst, ist diese One-to-One-Erfahrung. Wenn ich auf einem Konzert bin, bei dem ich wirklich abgeholt wurde, dann will ich auch sofort alles mitnehmen. Zum einen will ich den Künstler unterstützen und zum anderen möchte ich etwas Haptisches in meinen Händen halten. Ich glaube daran, aber vielleicht bin ich auch einfach etwas zu traditionell veranlagt (lacht).

Ich kann mir nicht vorstellen, in einem Jahr auf fünf EPs mehr als dreißig Songs zu schreiben. Da habe ich einfach einen anderen Anspruch an das, was ich in meiner Musik finden möchte. Das bedeutet nicht, dass du nicht Qualität auch machen kannst, wenn du viel machst. Ich für mich funktioniere aber einfach nicht so. Es muss sich entwickeln. Das eigentliche Handwerk ist das, was mich interessiert.

 

Fotos: Marcel Brell