Birte Hanusrichter & YOUNG CHINESE DOGS

Während die ersten beiden Alben von Young Chinese Dogs noch typisch minimalistische Lagerfeuermusik von sich gaben, stehen die Zeiger des dritten Albums ein wenig auf Veränderung. Die Band ist stilistisch gewachsen und so ist es kaum verwunderlich, dass „The Quiet & The Storm“ einen deutlich produzierteren Eindruck macht. Dennoch ist der Sound unverkennbar Young Chinese Dogs, die Lyrics tiefgründig und gespickt mit mehreren emotionalen Ebenen. Wie die Band vor vielen Jahren wirklich auf den Namen kam, wie viel Selbsterlebtes in den Texten schlummert und welche emotionalen Momente während einer Tour Birte Hanusrichter wohl nie vergessen wird, wollten wir von ihr bei einem Kaffee in Berlin wissen.

Was hat es denn mit dem Namen auf sich?

Young Chinese Dogs gibt es schon seit 2011 und wir werden wirklich oft nach diesem Namen gefragt. Die Wahrheit zu diesem Namen ist lustig und soweit ich weiß, kennt sie noch niemand. Ich habe mit meinen Bandkollegen damals eine „feucht-fröhliche“ Nacht gehabt. Wir haben einfach einiges getrunken und währenddessen überlegt, wie unsere Band heißen könnte. Es gab daraufhin eine hitzige Diskussion darüber und am Ende der Nacht stand der Name fest. Es weiß aber tatsächlich niemand mehr von uns, wie wir darauf gekommen sind. Im ersten Interview damals, als wir ebenfalls nach diesem Namen gefragt wurden, haben wir uns etwas geschämt, mit der Wahrheit rauszurücken und haben behauptet, dass es sich bei Young Chinese Dogs um eine kanadische Biermarke handelt und wir unglaublich gerne Bier trinken. Seit diesem Tag steht das wohl auch überall so geschrieben. Die Wahrheit kennst jetzt also nur du (lacht).

Am 3. Mai erschien euer drittes Album „The Quiet & The Storm“, mit welchem ihr ein neues Kapitel aufschlagt. Was ist so anders im Vergleich zu den beiden Vorgängeralben? Keine Folk-Pop-Lagerfeuermusik mehr?

Bei unserem ersten Album hatten wir das Credo, dass wir nur das mit auf die Bühne nehmen, was wir auch tatsächlich tragen können. Ganz minimalistisch sozusagen. Wir wollten wissen, was wir mit dieser Art und Weise auf die Beine stellen können, denn es hat uns interessiert, wie viel Gigs wir in einem Jahr schaffen, wenn wir eben nicht mit Bus und vielen Leuten unterwegs sind. Das war eine sehr spannende Zeit. Da es uns so gut gefallen hat, war der Schritt zu einem Album mit genau dieser Art von Musik nicht weit und beinahe logisch. Beim zweiten Album haben wir dieses Bandthema etwas mehr in den Vordergrund gerückt. Es kamen deutlich mehr Instrumente darin vor, Verstärker, größeres Schlagzeug. Insgesamt machte es einen produzierteren Eindruck als das erste Album, wurde aber trotzdem live eingespielt.

Bei unserem jetzt veröffentlichten dritten Album war alles anders. Eine Hälfte von uns lebt in München, die andere in Berlin. Wir haben die Songs also zuerst geschrieben und vorproduziert. Ich habe dies von Berlin aus gemacht. Unser Produzent Oliver hat danach an den Songs gearbeitet und diese weiter nach München geschickt. Dort haben die Münchner dann eine Spur draufgelegt und wieder an uns zurückgesendet. Man kann also sagen, dass alle Songs beim Produzieren entstanden sind. Erst als alle Songs fertig waren, gingen wir ins Studio und haben die Songs aufgenommen, was natürlich eine ganz andere Herangehensweise als vorher war, wenn man live im Proberaum steht und danach im Studio sitzt und alles bearbeitet. Dies führte dazu, dass auch der Sound etwas anders wurde. Wir haben echte Drums, ein großes Schlagzeug, programmierte Drums, sowohl Akustik- als auch E-Gitarren, es kommen Instrumente vor, die wir live gar nicht spielen, was wiederum bei großen Pop-Produktionen völlig normal ist. Für uns jedoch war das neu.

Jetzt lesen:  Michael Michalsky: Ein Designer in der Katzen-Branche

The Quiet & the Storm von Young Chinese Dogs
The Quiet & the Storm von Young Chinese Dogs auf Amazon

Es heißt, dass euer neues Album unter anderem davon handelt, was geschieht, wenn man den Mut hat, diverse Türen zu schießen und die Türen, die sich dafür öffnen. Wie ist das gemeint?

Das Thema hat sich tatsächlich durch alle Songs, die wir geschrieben haben, durchgezogen. Dabei war es ganz egal, was für ein Thema des Leben gerade anstand oder behandelt wurde. Für mich war es zum Beispiel sehr krass, dass ich aus München weggezogen bin und nach Berlin kam. Dies war für mich die eine Tür, die sich schloss und eben auch öffnete. Hier in Berlin ist alles ganz anders als in München. Die Leute, der Style, die Musikszene. Es ist alles viel größer und vielfältiger.

Dann war es bei verschiedenen Bandmitgliedern so, dass diverse Beziehungsthemen aufkamen, wo vielleicht mal eine Beziehung zu Ende geht und dafür dann aber eine neue Person eine Chance bekommt. Weiterhin musste ich viele Entscheidungen bezüglich Musik und Schauspiel treffen. Ich habe letztes Jahr sehr viel gedreht, aber ich habe eben auch an dem neuen Album gearbeitet und wollte es unbedingt veröffentlichen. Da ging es dann um wichtige Entscheidungen, um Verzicht und auch wieder um einige Türen, die ich einfach schließen musste. Ich musste lernen, dass ich es nicht allen rechtmachen kann, denn am Ende leidet sonst die Qualität meiner Musik darunter.

Mir war und ist es immer wichtig gewesen, dass alles von mir authentisch und ehrlich rüberkommt, denn es soll sowohl beim Schauspiel als auch bei der Musik von Herzen kommen. Ich möchte immer alles geben, doch ich habe damals verstanden, dass das einfach nicht immer geht, wenn du versuchst alle Türen offenzulassen. Ich musste also sortieren und mich entscheiden und so musste ich mich sogar von einigen Freundschaften trennen. Auf der anderen Seite lernte ich dann wieder neue Leute kennen. All diese Themen ziehen sich durch die Songs. Irgendwie findet man immer eine passende Strophe darin.

Wieviel Autobiografisches beziehungsweise Selbsterlebtes steckt in den Texten, die du mit deinem Kollegen Oliver Anders geschrieben hast?

Alles in ihnen ist autobiografisch. Die meisten Themen entstanden aus Situationen, die ich selbst erlebt habe. Ich denke, dass viele Zuhörer schon einmal in diversen Situationen gewesen sind, die zu den Lyrics passen. Sei es Verlustangst, Trauer oder eben das Gegenteil davon. Unsere Musik ist auf gewisse Weise etwas leichter und macht gute Laune, auch wenn wir natürlich traurige Songs mit dabeihaben. Die Texte, die wir behandeln, sind aber durchaus manchmal traurig und „edgy“ und gehen richtig tief. Ich fand schon immer schön, dass Musik in traurigen Zeiten eine Art tröstendes Element sein kann. Bei mir persönlich ist es so, dass ich Lyrics etwas langweilig finde, wenn es keinen Subtext und nur eine Ebene gibt. Das hat so etwas von einer Soap. Die Musik ist traurig, jemand zeigt, dass er traurig ist und dann hast du am Ende auch noch einen Untertitel in dem steht „sehr traurig“ (lacht). Deshalb achte ich darauf, dass an einer gewissen Stelle eine Art Bruch kommt und eine weitere Ebene erscheint und vielleicht ein Twist oder ein Hoffnungsschimmer entsteht.

Jetzt lesen:  Madeline Juno: „Was bleibt“ - Ein Album, so echt, wie sie selbst

Hast du einen Lieblingstrack auf dem neuen Album?

Ich liebe „The Quiet & The Storm“. Wir haben auch hart darum gekämpft, ob dieser Titel auf dem Album der erste oder der letzte sein soll. Am Ende des Tages wurde es der titelgebende Track, ist aber dennoch der letzte Song auf dem Album. Man kämpft innerhalb der Band ja immer etwas um die Reihenfolge der Lieder. Es macht auf der anderen Seite sehr viel Sinn, den Titel am Ende zu platzieren, denn der gesamte Aufbau des Songs ist wie dafür geschaffen. Trotzdem wäre es mir am Anfang lieber gewesen, denn ich finde, er hat durchaus das Zeug zu einer guten Einleitung. Er erzählt eine Polarität – wie der Titel schon verrät. Ich mag ihn tatsächlich sehr.

Schaltest du bei dem ganzen Stress auch mal ab?

Das ist echt schwierig momentan. Sobald ich allerdings auf Tour bin, kommt ein Moment, in dem ich zur Ruhe komme, da ich effektiv nichts machen kann. Das klingt vielleicht widersprüchlich, aber es ist so. Du stehst morgens in einem Hotel auf, frühstückst, dann holt dich der Bus ab und der Fahrer bringt dich zur nächsten Location in einer anderen Stadt. Du wirst also durch die Gegend gefahren und hörst Musik, schläfst oder redest mit irgendjemandem über irgendetwas. Dann kommst du am Zielort an, machst einen Soundcheck, spielst den Gig, redest am Ende mit den Leuten, trinkst ein bis fünf Bier oder so (lacht), legst dich ins Bett und am nächsten Morgen geht das ganze von vorne los. Hierbei entstehen dann die paar Stunden, in denen ich herunterfahre und entspanne. Am Set eines Films geht das leider nicht. Hier spielst du mal morgens, mal abends, zwischendurch beantwortest du deine E-Mails. Irgendjemand will immer etwas von dir. Von Abschalten kann da nicht die Rede sein.

Young Chinese Dogs besteht aus einer Frau, dir, und drei Männern. Wie kam es zu dieser Konstellation? Wie habt ihr euch kennengelernt und wie ist Band entstanden?

Ich kam damals als Schauspielerin nach München und habe alles hinter mir zurückgelassen. Auch meine damalige Band aus Köln. Mein damaliger Freund überzeugte mich dann, mir wieder eine Band zu suchen, da ich super traurig war, meine Kölner Band verlassen zu müssen. Ich kannte in München aber niemanden und habe auf einem Musikerboard einen Eintrag entdeckt. Es wurde eine Sängerin für eine Band gesucht, die auch Bock hat Songs zu schreiben. Ich traf mich also mit den Jungs und sind einen ganzen Tag lang durch die Gegend gelaufen und saßen abends, denn es war Sommer, zusammen an der Isar und haben Musik gemacht. Das fand ich total super und auch die Jungs fand ich toll. Daraufhin begannen die Proben und die Lieder entstanden – bis heute.

Ab 31. Mai tourt ihr durch alle großen Städte Deutschlands. Wie fühlst du dich?

Reine Vorfreude! Wir hatten letzte Woche einen Gig in München auf dem Marienplatz. Das war am 1. Mai und der Platz war übertrieben gefüllt. Wir haben dort die neuen Songs zum ersten Mal live gespielt und ich muss sagen, dass ich 50% Panik und 50% Vorfreude hatte. Klar kenne ich die Songs in- und auswendig, aber wenn man aufgeregt ist, hat man vielleicht mal einen Blackout – dachte ich mir. Auf der anderen Seite war es auch noch nicht ganz klar, wie die Leute die neuen Songs finden, denn es kannte sie ja noch niemand. Wir haben aber Fans getroffen, die wir von anderen Gigs kannten. Manche von ihnen waren tatsächlich schon 20 Mal bei uns. Da habe ich dann schon große Hoffnungen gehabt, dass die neuen Lieder auch gut ankommen. Dann kam der Auftritt, nach 10 Sekunden war die Panik weg und das Album kam ganz toll an. Seit diesem Augenblick freue ich mich einfach nur noch auf die Tour.

Young Chinese Dogs

Erinnerst du dich an deinen ersten besonderen Moment während eines Live-Auftritts?

Ja! Das war bei einer Support-Tour während unseres ersten Albums. Wir spielten im Glashaus in Berlin, standen auf der Bühne und haben „Sweet Little Lies“ gespielt. Das war unser damals erfolgreichster Hit. Auf einmal singen die ganzen Leute vor der Bühne den Chorus mit. Hier in Berlin! Ich habe das gar nicht erwartet und beinahe angefangen zu weinen. Das war total krass und ist mir als ein wunderschöner Moment in Erinnerung geblieben.

Du bist ja nicht nur Musikerin, sondern seit 2007 auch Schauspielerin und hast in unzähligen Filmen mitgespielt. Aktuell spielst du u.a. die Hauptrolle bei RTLs „Jenny, echt gerecht“. Wolltest du immer diesen Mix aus Film und Musik haben oder war das ein Zufall?

Das war ein totaler Zufall. Musik habe ich schon immer gemacht. Selbst meine Mutter war Musiklehrerin. Ich komme also aus einer durchaus musikalischen Familie. Ich habe sogar mal Musikwissenschaften studiert, aber schnell gemerkt, dass mich das nur wenig interessiert. Ich wollte immer Musik machen und wollte nicht studieren, wie man Kompositionen entwirft, zumal ich schon eh und je Texte geschrieben habe. Auf der anderen Seite habe ich schon früh Schultheater gespielt, danach Film und Dramaturgie studiert und fand all das spannend. Am Ende bin ich aber vom Filmschneiden weg und habe bei einer kanadischen Schauspiellehrerin eine Ausbildung durchlaufen.

 

Fotos: Timm Wolf