Saphir-Dunkelviolett

Es gibt über 200 verschiedene Haartöne, die für Frauen zum Färben bereit stehen. 200 Farben! Bei einigen bin ich mir über deren Existenzberechtigung unklar.

  • Saphir Dunkelviolett (möchte ich aussehen, wie ein frisch geschlüpftes Alien?)
  • Marocco Mittelgoldbraun (ja, was denn nun, mittel oder gold? Und muss ich mich erst mit einem Land identifizieren können, um meine Haare färben zu können?)
  • Perlmutt-Hellblond-Mix (ach ja, dann färbe ich mir doch mal eben nen Mix, kann mich sowieso nicht entscheiden).

Oh, bevor ich es vergesse: Für Männer gibt es 15 verschiedene Töne.

Die Erläuterung, warum Frauen immer wieder mit dem Vorurteil kämpfen müssen, sie könnten sich nicht entscheiden, erübrigt sich ja wohl von selbst. Da will man sich ein Parfum kaufen und benötigt eine Stunde in der Drogerie, weil man mit der Auswahl überfordert ist und am Ende noch eine Verkäuferin daherkommt, die das Bedürfnis hat, dir den richtigen Duft mit auf den Weg zu geben. Das kann dauern, keine Frage. Und daher kein Wunder, dass Männer und Frauen grundsätzlich gereizt von Shopping-Touren nach Hause kommen. Während er vor dem Deo-Regal genau 15 Sekunden benötigt („Old Spice hat schon mein Großvater verwendet und schwört immer noch darauf“), ist sie sich nicht sicher, ob sich das Deodorant mit dem Frische-Kick eventuell mit dem Vanille-Hauch ihres Parfums beißen könnte.
Das Ende vom Lied: Die überbordende Auswahl bereichert nicht, sie schränkt immens ein, verursacht Stress und Druck und am Ende entscheidet man sich für das Falsche. Und hat einen grantigen Mann zu Hause sitzen. Na herzlichen Glückwunsch.

Die eigentlich durchaus entscheidungswilligen Frauen stehen in einem schlechten (Dunkelviolett-)Licht, in dem niemand gut dasteht und aussieht, da können sie sich noch so herausreden. Mag sein, dass viele von uns länger im Bad brauchen als ihr Pendant. Mag auch sein, dass wir zu kleinen Monstern mutieren, wenn der Schlussverkauf in vollem Gange ist und es alle Klamotten nur noch in den falschen Größen gibt. Das ist jedoch einfach so, weil wir von Geburt an einem gewissen Druck ausgesetzt sind. Wir versuchen, das Beste aus unserem Aussehen zu machen, weil uns gesagt wird, dass man durch Schönheit weiterkommt, vor allem, wenn das Quäntchen Intelligenz fehlt. Und wir lernen natürlich, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt, sprich: Wenn es 200 verschiedene Haarfarben gibt, dann wird jede Einzelne tragischerweise benötigt. Außerdem, liebe Männer, seid ihr diejenigen, die ihre Frau stolz an der Hand halten, wenn sich auf einer Cocktailparty jeder nach ihr umdreht und weibliche Anwesende sie nach ihrem Schönheitsgeheimnis ausfragen. Wir wissen alle, dass lediglich viel Wasser zu trinken eine Lüge ist. Also – von nichts kommt nichts.

Abgesehen von den äußerlichen Klischees, die man als Frau ab und an auch gerne mal erfüllt, ist es doch ein eigenständiger Charakterzug, ob ich mich schnell entscheiden kann oder nicht.
Wenn ich beispielsweise eine wichtige geschäftliche E-Mail schreibe, dann erledige ich die genauso schnell, wie eine Nachricht an meine Freundin. Einfach, weil ich gar nicht die Geduld habe, irgendetwas zu strukturieren und weil ich sehr gerne Entscheidungen nach Impulsen treffe. Da ist kein Raum für Pro- und Contralisten. Vor allem, weil ich mit dieser Vorgehensweise schon viele Jahre sehr gut fahre. Während mein Freund bei einer wichtigen Entscheidung erst mal tagelang sinniert, telefoniert, abwägt und sich beraten lässt.

Als er letzte Woche von einem Friseurbesuch nach Hause kam, hatte er in seiner Tasche ungefähr 20 verschiedene Tuben voll mit Pröbchen und dem ganzen Firlefanz, den kein Mensch braucht. Dem Firlefanz, der uns alle davon abhält, sich schnell entscheiden zu können. Ich grinste ihn nur an und dachte mir innerlich: „Lasset die Spiele beginnen!“

 

Foto: Anika Landsteiner