Liebe auf den ersten Blick
Ein Blick und schon ist es um dich geschehen - nur Fantasie oder auch Wirklichkeit?

Ich kam, sah und liebte

Wie schön dieser Zustand sein kann, haben wohl schon die meisten von uns das eine oder andere Mal im Leben gespürt. Man trifft sich, sieht sich an, gibt sich die Hand und schon schlägt sprichwörtlich der Blitz in unser Innerstes ein. Wir bekommen Herzrasen, feuchte Hände, einen trockenen Mund und vor allem bekommen wir keinen ganzen Satz mehr über die Lippen. Die Umgebung verschwimmt und der einzige Gedanke, den wir länger als ein paar Sekunden lang im Gehirn behalten können, ist: „Ob er unter dem Hemd wohl noch was anhat?“

Im Rausch der Hormone

Selbst wenn wir diese oder ähnliche Begegnungen schon selbst erlebt haben, dürfte es den meisten von uns auch klar sein, dass in diesen Situationen nicht das Schicksal Regie führt, sondern eher unsere Biologie. Männer erleben die „Liebe auf den ersten Blick“ übrigens schneller und öfter als Frauen. Sie hat die Evolution darauf programmiert, ein hübsches Lächeln für völlig ausreichend zu befinden, um mit dieser Frau Kinder in die Welt zu setzen. Die maximal mögliche Anzahl an Kindern zu zeugen, soll das Überleben der Menschheit sichern. Daher sind wir nicht immer Herrinnen über unseren Verstand. Unsere Hormone übernehmen das für uns.

Tatsächlich kommt eine Vielzahl von körperlichen Mechanismen zusammen, wenn wir uns spontan verliebt wähnen. Unsere Nase beispielsweise beschließt innerhalb von wenigen Sekunden, ob wir den gutaussehenden Typen an der Bar auch gut riechen können. Unser Organismus ist dabei in der Lage, die Chancen auf möglichst gesunden und zahlreichen Nachwuchs auszuloten. Je mehr sich der Genpool, den wir da in der Kneipe treffen, von unserem eigenen unterscheidet, desto besser stehen die Chancen für die Fortpflanzung.

Wir sind ganz Ohr!

Doch auch seine Stimme vermag im wahrsten Sinne des Wortes bis in unser Innerstes vorzudringen. Dabei ist allerdings nicht unser Herz gemeint. Unser Innenohr vermag Schwingungen der männlichen Stimme ebenfalls auf sein biologisches Potenzial hin zu überprüfen. Und das oft Stunden, Tage und Wochen, bevor die Potenz überhaupt zum Zug kommt.

Wissenschaftliche Studien haben bewiesen, dass wir Frauen uns grundsätzlich eher von tiefen, volltönenden Männerstimmen angezogen fühlen. Auch das ist evolutionär bedingt. Eine tiefe Stimme steht für Männlichkeit, aber auch (wieder) für den bestmöglichen hormonellen und genetischen Cocktail, den wir für unsere Nachkommen bekommen können. Weiter signalisieren besonders männliche Stimmlagen Kampfgeist und Durchsetzungsvermögen. Der Auserwählte kann uns also nicht nur mit zahlreichen, gesunden Kindern versorgen, er kann uns auch beschützen und verteidigen.

Bei diesem Mann wird alles anders

Doch die Biologie hat noch mehrere Pfeile im Köcher, um das Fortbestehen von uns Menschen zu sichern. Die schlechte Nachricht zuerst: Dem Liebesgott Amor gehört keiner davon! Dafür spielt unser Erinnerungsvermögen den listigen Hormonen perfekt in die Hände. Wir treffen Mr. Right, den wir noch nie zuvor gesehen haben, und plötzlich scheinen wir diesen Menschen auf Anhieb in- und auswendig zu kennen. Ein Gefühl von Vertrautheit macht sich breit. Wir verknüpfen den Duft seiner Lederjacke mit unserer ersten Liebe, er zieht die Augenbrauen hoch wie einst Papa als wir klein waren und so weiter.

Unser Gehirn erschafft eine Art Vorschuss-Intimität, da echte Intimität erst mit der Zeit entsteht und unser biologisches Programm, dem wir alle unterworfen sind, leider nicht so lange warten kann. Echte Intimität ist dann übrigens auch ein Zeichen für echte Liebe. Aber diese braucht eben ihre Zeit.

Erkenne dich selbst

Ein weiteres Werkzeug, mit dem Mutter Natur dafür sorgt, dass wir uns der emotionalen Achterbahnfahrt nicht entziehen und unser Leben als zufriedene Singles einfach ungestört genießen können, ist die Suche nach uns selbst in anderen Menschen. Wir wählen unbewusst immer Partner, die optische Merkmale oder Verhaltensweisen zeigen, die die unseren spiegeln. Älteren Studien zufolge suchen wir nach Partnerinnen und Partnern, die unsere Väter, bei den Männern deren Mütter nachahmen.

Tatsächlich sind wir auf der Suche nach der größtmöglichen Vertrautheit in unserem Gegenüber. Je ähnlicher der hübsche Kerl uns also ist, desto schneller verlieben wir uns in ihn. Oder wir glauben jedenfalls, dass wir verliebt sind. Die körperlichen Symptome der Verliebtheit könnten rein medizinisch betrachtet ebenso auf eine Panikattacke oder Herzrhythmusstörungen hinweisen. Von Geisteskrankheit wollen wir lieber gar nicht erst sprechen. Was also ist zu tun?

Verliebt, verabredet, verpeilt?

Je nachdem, in welcher privaten Situation wir uns gerade befinden („verknallt“ ist kein gesellschaftlich anerkannter Beziehungsstatus!) können wir der Natur ihren Lauf und uns in diese starken, männlichen Arme fallen lassen.

Befinden wir uns bereits in einer festen Beziehung, wäre es wohl an der Zeit, diese einmal einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Es muss nicht gleich Schlagseite auf dem Love Boat herrschen, weil wir beim Anblick eines Fremden völlig aus dem Häuschen geraten. Wie gesagt: Die Natur will nur ihr Bestes, nämlich die Erhaltung der Art. Ob uns das gerade in den Lebensplan oder den Kram passt, interessiert die Evolution leider herzlich wenig. Unser Partner würde diese Ausrede für einen Seitensprung aber vermutlich nicht gelten lassen, wenn er nicht gerade zu dem eher seltenen Berufsstand der Evolutionsbiologen zählt. Was also tun?

Im Prinzip muss jede diese Entscheidung für sich selbst treffen. Liebe auf den ersten Blick kann durchaus der erste Schritt in Richtung gemeinsame Zukunft sein. Sie kann aber auch die gemeinsame Zukunft, die wir mit unserem bereits real existierenden Partner hätten, in Gefahr bringen, und das zurecht.

Zusammengefasst gilt also: Single-Frauen, ran an den Speck und genießt die Gefühle, solange sie noch heiß sind! Gebundene Frauen: Überlegt euch gut, was ihr beziehungstechnisch wirklich wollt. Ein heißer Flirt mit einem Unbekannten macht noch keine Zukunft.

Carpe diem! Oder zumindest den Moment

Egal, wofür Frau sich entscheidet und egal, wie es enden mag: Ein guter Anfang ist die Liebe auf den ersten Blick in so gut wie jedem Fall. Das Gefühl zu lieben und die Aussicht darauf, wieder geliebt zu werden, ist ein wahrer Jungbrunnen für Körper, Geist und Seele. Das Leben signalisiert uns: „Da geht noch was!“ und unsere Leidenschaft wird aus ihrem vorübergehenden Dornröschen-Schlaf wachgeflirtet. Adrenalin, Dopamin und Serotonin mixen uns einen Cocktail, der die Bezeichnung „Happy Hour“ mehr als nur verdient. Unser Puls rast, unser Herz klopft wie wild und unsere Fantasie, die üblicherweise auf dem Level einer Seifenopern-Flatrate in aller Freundschaft operiert, ist plötzlich mitten im Sturm der (verbotenen) Liebe, auf dem Weg zum Glück.

Es spricht absolut nichts dagegen, diesen emotionalen Tropensturm zu genießen. Was uns Menschen allerdings von der Tierwelt unterscheidet, ist unsere Fähigkeit, rational zu denken und aus dem Moment heraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Das eigene Glück des Augenblicks sollte niemanden verletzen, der uns wichtig ist. Der Genuss ohne Reue war und ist noch immer der beste.

Liebe auf den ersten Blick: Sein oder Schein?

Die Statistik spricht auch in diesem Fall eine klare Sprache: Mehr als zwei Drittel aller Männer und Frauen haben sie mindestens schon einmal im Leben erlebt. Dass dieses „Erleben“ ein höchst subjektiver Eindruck ist, den weder das persönliche Umfeld noch die wissenschaftliche Forschung klar definieren können, spielt dabei keine Rolle. Die Menschheit wäre ohne dieses Phänomen jedenfalls einerseits bereits ausgestorben, andererseits gäbe es keine Liebesromane, keine Lovesongs und keine Liebesfilme. Hollywood würde ohne die „Liebe auf den ersten Blick“ hauptsächlich staubtrockene Dokumentarfilme produzieren. Unser Bücherregal wäre voll von Selbsthilfe- und Kochbüchern, ergänzt durch den einen oder anderen Diät- und Lifestyleratgeber. Die Liebe ist nicht alles. Aber ohne Liebe ist eben alles nichts.


Unser Buchtipp:

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