Ich habe Lampenfieber. Schweißnasse Hände, pochendes Herz, rote Panikflecken am Ausschnitt. Schon immer gehabt. An der Schauspielschule und auf der Bühne ging es immer vorbei, wenn ich mal ein paar Minuten gespielt und mich an die Situation gewöhnt habe. Übermorgen steht meine Lesung in München an und ich frage mich: Ist es der Mut, der fehlt? Der Glaube an mich selbst?

Also. Lesung ist ja nicht gleich Lesung. Wenn ich als Schauspielerin beziehungsweise Sprecherin angefragt werde, ein bestimmtes Buch zu lesen, dann konzentriere ich mich nur auf meine Arbeit, sprich darauf, den Inhalt bestmöglich darzustellen.

Aber wenn ich dafür engagiert werde, meine eigenen Texte zu lesen, dann ist das nochmal eine ganz andere Hausnummer. Ich stehe da vorne. Vielleicht verspreche ich mich mal, das ist nicht weiter schlimm und ich bin mir ziemlich sicher, dass das grandiose Publikum mir so etwas verzeihen wird. Aber – das sind meine Texte. Meine Babys. Texte, die ich hier publiziert habe, auf meinem eigenen Blog und die in meinem eBook „Küchenphilosophien“ zu finden sind. Ich stehe also zum Inhalt. Bin Zielscheibe. Muss vielleicht danach Rede und Antwort stehen. Mich erklären. Erläutern, warum ich etwas so und nicht anders geschrieben habe. Und schon taucht das kleine Mädchen in mir auf, das sich verwirrt ins Eck setzt, die Arme verschränkt und schnaubt: „Nö, mach ich nicht.“

Lampenfieber ist ein normaler Vorgang im Körper. Und ich habe Schauspieler sagen hören, dass sie sofort ihren Beruf an den Nagel hängen werden, sollten sie das Adrenalin und die Unsicherheit nicht mehr spüren. Abgeklärt will schließlich niemand sein.
Klar, vor einem Publikum zu stehen, ist nie einfach. Wir kennen das von lästigen Referaten in der Schulzeit oder im Studium – viel zu viele Augenpaare sind auf dich gerichtet und deine Nerven werden überstrapaziert, weil du in Sekundenschnelle an dir zweifelst, dich an einen einsamen Ort wünschst und wenn du dich dann auch noch verhaspelst oder den Faden verlierst, scheint alles vorbei zu sein und du möchtest, dass sich der Boden auftut. Bin ich die Einzige, die unglaublich gerne Referate vorbereitet und geschrieben, jedoch ungern vorgetragen hat?

Die Mutfrage. Die beschäftigt uns alle schon so lange. Sie fängt beim ersten Schultag an, vielleicht auch schon früher. Werde ich Freunde finden? Bekomme ich einen guten Platz in der Klasse? Wer wird mich vielleicht hänseln und warum? Sie geht weiter, landet beim ersten Kuss, beim ersten Date, geht über ins Studium, in das erste, zweite und dreißigste Vorstellungsgespräch… immer wieder kommen wir an den Punkt, an dem wir mutig sein müssen. Zu uns und unseren Fähigkeiten stehen. Warum auch nicht? Ich kann das. Du kannst das. Wenn mir und dir eine Möglichkeit zugeworfen wird, dann sollten wir sie packen und uns nicht fragen, wieso, weshalb, warum und… eigentlich kann ich das doch gar nicht, oder?

Julia Engelmann sagt – Mut ist nur ein Anagram von Glück. Ich glaube ihr. Und ich finde, dass es großen Mut bedeutet, trotz Lampenfieber, schwacher Nerven oder generell verrückt spielender Gefühle etwas zu tun, was im ersten Augenblick unmöglich scheint. Werfen wir uns doch öfter mal in etwas rein, von dem wir keine Ahnung haben, wie wir danach herauskommen.
Aber wenn sich Mut in Glück verwandeln kann, dann kann auch Lampenfieber zur Selbstsicherheit werden.

Fotocredit: Copyright Denis Lüthi