Anika Landsteiner Kolumne

Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Was für die Frau eine kleine Erkältung ist, heißt für den Mann den nahenden Tod. Und vorher: Ganz viel Leid, ganz viel Wimmern und Jammern. Kaum ein Mann geht zum Arzt, ist er aber krank, dann geht die Welt unter. Sind vielleicht doch wir Frauen letztendlich das starke Geschlecht? Eine Leibesvisitation:

Wenn ich bei meinen Eltern zu Hause anrufe und mein Vater krank ist, dann spielt es sich ungefähr immer wie folgt ab: Papa geht ans Telefon, mit leidender und fast schon brechender Stimme. „Allooo? Ich bin kraaank.“ Dann rede ich ihm gut zu, erkläre ihm, dass das der Lauf des Lebens ist, ab und an mal krank zu sein und schicke ihm ein Genesungsküsschen an die betreffend schmerzende Stelle. Danach geht Mama ans Telefon, seufzt und meint nur monoton: „Papa übertreibt. Der war heute Morgen schon unterwegs, so schlimm kann es nicht sein.“

Interessant. Bei Krankheiten übertreiben Männer ja wirklich ganz gerne. Auf einmal benötigen sie die Hilfe und durchgehende Aufmerksamkeit der Partnerin oder gar der Mutter. Aber um eine Person wird ein ganz großer Bogen gemacht und Panikschweiß bricht aus, wenn das Wort fällt: Der Arzt. Noch schlimmer: Die Ärztin.

Zu dem/der geht Papa und anscheinend der Rest aller Männer auf diesem Planeten nicht. Warum? Wenn man das mal psychologisch beleuchten möchte, dann ist es eben doch ein immens großer Schritt für die Herren der Schöpfung, öffentlich zuzugeben, sie würden sich elend und schwach fühlen. Das tut ein Mann nicht. Männer sind stark und essen Spinat aus der Dose.

Wusstet ihr aber, dass wenn es um wirklich ernsthafte Erkrankungen geht, diese Ablehnung, sich untersuchen zu lassen, weitreichende Folgen hat? Ich habe von einer Psychologin erfahren, dass bei lediglich fünf Prozent der Männer eine Depression festgestellt wird, während es bei den Frauen im Schnitt über das Doppelte der Fall ist. Bevor jetzt ein Aufschrei durch die testosteronbeladenen Reihen geht und wieder behauptet wird, dass das insofern Sinn macht, weil Männer eben doch das stärkere und somit robustere Geschlecht sind, schiebe ich hier eine erschreckende Statistik gleich hinterher: Die Selbstmordrate liegt zu Zweidritteln (!) bei Männern. Zweidrittel!

Für die meisten ist und bleibt es eine fast unüberwindbare Angelegenheit, sich schwerwiegenden Problemen zu stellen. Ich kenne ein paar Männer, die traumatische Erlebnisse hinter sich haben und denen ich im Stillen zu einer Therapie geraten habe. Das muss nicht 10 Jahre lang gehen, manchmal reichen auch fünf Sitzungen. Um überhaupt mal zu lernen, dass da eine weiche Seite in jedem von uns ist und auch – hallo – sein darf. Sonst hätten furchtbare Klischeemusiker wie James Blunt und Co. wohl überhaupt keine Daseinsberechtigung mehr.

Keiner von ihnen hat jemals einen Therapeuten aufgesucht. Während ich einige Frauen kenne, die sich regelmäßig auf die Couch legen – vom Überwinden der Fehlgeburt bis hin zur Bewältigung der Scheidung ihrer Eltern ist alles dabei. Und ich ziehe meinen Hut vor allen Menschen, die beschließen zu reden. Wie wir alle schließlich wissen sollten, ist ja genau das eine Stärke.

Aber: Ein Mann möchte immer noch und zumindest ab und an der Eigenbrötler und einsame Cowboy sein, der sich selbst seinen Zahn zieht und den Liebeskummer mit Tequila hinunterspült. Wo kommen wir denn da hin, wenn er sein Herz einem anderen ausschüttet, den er nicht mal kennt?

Und da schließt sich auch wieder der Kreis zu meinem eigenen Vater. Wenn er unter Leute geht, ist alles halb so schlimm. Prost. Liegt er zu Hause auf dem Sofa, sind Mama und ich seine persönlichen Krankenschwestern, Therapeuten und ein fabelhaft aufgestelltes Ärzteteam in einem.