Einer Freundin von mir, nennen wir sie Anna, ist letzte Woche etwas passiert, was ich als Schicksalsgläubige eigentlich unter einem Weihnachtswunder verbuchen würde. Eigentlich.

Alles hat damit angefangen, dass Anna dem Bruder ihres Freundes eine E-Mail schreiben wollte. Sie hat sich aber im Adressfeld vertippt und ihre Zeilen sind bei jemandem gelandet, der zufälligerweise den gleichen Nachnamen wie Freund und Bruder tragen. Derjenige schrieb freundlicherweise zurück, um sie darauf hinzuweisen. End of story? Nein. Denn irgendwie schrieb Anna wieder zurück und irgendwie dann wieder er und nun verstehen sich die beiden. Irgendwie.
Das Witzige an der Geschichte ist nun auch noch, dass er aus der gleichen Stadt kommt wie Anna – obwohl die ganze Welt möglich gewesen wäre.

Nun hat die Gute ein schlechtes Gewissen, denn sie ist glücklich in ihrer Beziehung und kein Single, der auf oben genanntes Weihnachtswunder hätte hoffen können. Anna hat aber trotzdem das Bedürfnis, den unbekannten Schreiberling näher kennenzulernen. Ich fragte sie nach dem Warum und ihre Antwort scheint mir total plausibel: Ihr fehlt ein männlicher Bezugspunkt in ihrem Leben. Ein Freund, der nicht ihr Freund ist. Ein Mann, mit dem sie mal über Weiberkram quatschen kann, ohne emotionale Hysterieanfälle. Eine männliche Freundin, ausgestattet mit einem anderen Blickwinkel. Das wünscht sich Anna. Nicht nur zu Weihnachten.

Über das Thema, ob Männer und Frauen miteinander befreundet sein können, ohne das Friends-for-benefits-Klischee zu erfüllen, könnte man natürlich mehr als ein Buch schreiben. Und irgendwie ist es ja auch eine Typsache. Und eine Beziehungssache. Denn dass es ehrlich gesagt immer zu einem Problem wird, wenn der Partner eine beste Freundin hat, die allwissend scheint über die Beziehungsprobleme, weiß jeder. Mit Distanz betrachtet, haben diese Problematiken allerdings nur einen Eifersuchtsursprung, der oftmals auch noch unbegründet ist.
Dabei ist es oftmals immens erfrischend, wenn Mann mit Frau befreundet ist: Frau kann sich die Leichtigkeit eines Mannes abschauen, während es auf der anderen Seite dem starken Helden ab und an guttut, eine Schulter zum Anlehnen zu haben, anstatt ein Bier in die Hand gedrückt zu bekommen.

Ich habe selbst einen guten Kumpel, mit dem ich ab und an etwas trinken gehe und wir finden uns auch manchmal bei einem schönen Abendessen ein. Dabei ist mir immer bewusst, dass der Kellner davon ausgeht, wir wären ein Pärchen oder zumindest mitten drin in einem gut verlaufenden Date. Und komisch schaut, wenn wir dann getrennt zahlen. Das macht mir zwar nichts aus, allerdings finde ich es irgendwie schade, dass eine Freundschaft der Geschlechter immer beäugt wird. Oft belächelt. Manchmal gar nicht ernst genommen. Oder, in den schlimmsten Fällen, zu ernst.
Und weil das so ist, habe ich automatisch das beklemmende Bedürfnis, einen Mann, den ich gerade kennenlerne und das Gefühl habe, er würde mehr wollen als einen Smalltalk, auf meinen Beziehungsstatus hinzuweisen. Dabei gibt es nichts Schlimmeres, als Leute, deren erster, zweiter und dritter Satz mit „Mein Freund und ich…“ anfängt. Sorgt bei mir für latente Übelkeit.

Wann fangen wir an, uns bei diesem Thema mal zu entspannen? Damit die Singles sich nicht ständig rechtfertigen müssen, warum sie nicht mit ihrem Bekannten im Bett landen und die Vergebenen sich nicht immer anhören müssen, sie würden sowieso irgendwann mit ihrem Bekannten im Bett landen. Langweilig.

Was Anna angeht, die hat nun beschlossen, ihrem Freund die virtuelle E-Mail-Bekanntschaft vorzustellen. Live und in Farbe versteht sich. Denn die beiden teilen nicht nur den gleichen Nachnamen, sondern sind auch noch Mitglieder im Schützenverein. Na wenn das mal keine Basis für eine echte Männerfreundschaft ist. Und Anna muss nun erneut eine E-Mail falsch adressieren. Irgendwie.

Foto top: Ludwig Leidel