Die Emanzipation der Disney-Prinzessinnen

Disneyfilme begeistern jedes Jahr ein Millionenpublikum. Besonders erfolgreich sind Animationsfilme, in denen ein Mädchen oder eine Frau aus königlichem Hause in der Hauptrolle zu sehen ist. Manchmal sind es auch weibliche Figuren, die aus ärmeren Verhältnissen stammen, aber im Verlaufe der Filme zu Königinnen werden. Diese Figuren eint ihr popkultureller Status: Sie sind als die sogenannten Disney-Prinzessinnen bekannt. Eine Standardfigur in vielen Animationsfilmen der Walt Disney Company.

Die Disney-Prinzessinnen sind nicht nur äußerst beliebt, sie werden auch regelmäßig für ihre Darstellung kritisiert. In vielen Fällen werfen Kritiker Disney vor, dass die Frauen zu eindimensional geraten sind. Es werde ein Stereotyp von Frauen dargestellt, die persönliche Erfüllung nur im Finden eines Mannes bzw. eines männlichen Lebenspartners sehen. Darüber hinaus hätten sie keine nennenswerten Eigenschaften.

Die Kritik wird in einigen Fällen sicherlich nicht zu Unrecht geäußert. Allerdings lassen sich die Disney-Prinzessinnen auch nicht ganz so einfach runterbrechen. Über die Jahrzehnte hinweg haben sich stattdessen erstaunlich vielfältige Darstellungen von Disney-Prinzessinnen entwickelt. Bei der genaueren Betrachtung der Entwicklung von Frauen in Disneyfilmen lässt sich sogar eine deutliche Emanzipation feststellen.

Erste Generation der Disney-Prinzessinnen erfüllt die Klischees

Keine Frage: Die Disney-Prinzessinnen der 1930er und 1940er Jahre erfüllen jegliche weibliche Klischees, die ihnen von Kritikern vorgeworfen werden. Schneewittchen kann hier als Paradebeispiel angesehen werden. In dem 1937 erschienenen Film Schneewittchen und die sieben Zwerge ist die ins Exil verbannte Prinzessin Schneewittchen gänzlich auf die Rettung durch einen Mann angewiesen.

Schneewittchen und die sieben Zwerge

Sie verkörpert dabei über den gesamten Film hinweg das Bild einer hübschen, stets freundlichen Frau, die mit Freude putzt und alles für ihren Prinzen tun würde. Zwar kann eingewendet werden, dass Schneewittchen damit nur die Rolle der Frau in der Gesellschaft der 1930er und 1940er Jahre widerspiegelt. Damit lässt sich ihre Darstellung zumindest erklären. Aber das macht sie deswegen nicht besser. Aus heutiger Sicht wirkt Schneewittchen darum völlig veraltet und unzeitgemäß.

Den Disney-Prinzessinnen der 1950er Jahre ergeht es nicht viel anders. In dem Film Aschenputtel (1955) wird die junge Margit zwar nicht mehr als zufriedene Hausfrau gezeigt. Vielmehr will sie diesem Leben entfliehen und hat eigene Träume. Aber trotzdem wird sie als ein schwaches, allzu emotionales Wesen dargestellt und entspricht damit dem Klischee weiblicher Gutmütigkeit. Margit hat zwar Träume, die über das Dasein als Hausfrau hinausgehen, aber diese sind die üblichen Fantasien von schönen Kleidern und einem tollen Prinzen, den sie heiraten kann.

Aschenputtel

Die Disney-Renaissance geht bei der Darstellung von Frauen mit der Zeit

In den 1960er und 1970er Jahren gerät die Disney-Prinzessin aus der Mode. Die sexuelle Revolution dieser Zeit verändert Rollenverteilungen, das allgemeine Frauenbild und die Wahrnehmung von weiblicher Sexualität völlig. Erst in den 1990er Jahren greift Disney diese Konzepte teilweise auf. Nach einer Flaute in den 1980er Jahren erlebt Disney mit den Filmen Arielle, die Meerjungfrau (1989), Die Schöne und das Biest (1991) und Aladdin (1992) einen neuen Aufschwung und erreicht mit zeitgemäßeren Darstellungen von Frauen die ganze Welt.

Arielle, die Meerjungfrau

Die drei Protagonistinnen aus diesen Filmen sind Arielle, Belle und Jasmin. Alle weisen Charaktereigenschaften auf, die den Disney Prinzessinnen der Kriegs- und Nachkriegszeit völlig fehlten. Sie lehnen es zum Teil direkt ab, sich nur auf den Haushalt und eine zukünftige Ehe zu konzentrieren. Alle drei Figuren werden als freiheitsstrebend dargestellt und entsprechen damit dem Bild der Frau zu Beginn der 1990er Jahre. Arielle begibt sich auf eine Identitätsfindung, Belle ist belesen und mutig. Und Jasmin weigert sich, von ihrem Vater verheiratet zu werden.

Die Schöne und das Biest

Doch eines haben alle wiederum mit ihren Vorgängerinnen gemeinsam. Ihre Selbstbestimmung führt sie schlussendlich zu einem Prinzen und damit zu einer Partnerschaft, die auf traditionellen Werten aufgebaut ist. Die drei Figuren sind am Ende ihrer Filme glücklich damit, den Mann fürs Leben gefunden zu haben.

Trotzdem lässt sich in den drei Filmen beobachten, dass die Männerrollen kleiner werden und für die Geschichte weniger bestimmend sind. Der Ablauf der Handlung rückt die weiblichen Stars in den Vordergrund. Auch wenn die eigenen Freiheitsbestrebungen noch hauptsächlich im Finden eines Mannes enden, die Bestrebung dahin zu gelangen, geht von den Frauen selbst aus.

Kämpferische Disney-Prinzessinnen

Disney entwickelt dieses Bild in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre konsequent weiter. In den Filmen Pocahontas (1995) und Mulan (1998) werden die beiden namensgebenden Hauptfiguren nicht nur zu selbstbestimmteren Charakteren, sondern zu den absoluten Helden ihrer Geschichten.

Pocahontas

Beide Figuren kämpfen für sich und für andere, retten ganze Völker und Königreiche und zum Schluss der Geschichte entscheiden sie sich für etwas Größeres als persönliches Familienglück. Zwar spielen auch hier Liebesgeschichten eine Rolle, aber zu den männlichen Figuren entwickeln Pocahontas und Mulan eine gewisse Distanz, die zu dem Zeitpunkt in Disney-Filmen einzigartig war.

Mulan

Vielfalt und Vielschichtigkeit prägt die neuen Disney-Prinzessinnen

In diesem Jahrzehnt ist Disney allerdings noch einen Schritt weitergegangen. In Die Eiskönigin (2013) sind die Charaktere Anna und Elsa nicht entweder schüchtern und häuslich, oder freiheitsstrebend aber nach Liebe suchend, oder Kämpferinnen, die Männer nicht mehr unbedingt brauchen.

Die Eiskönigin

Stattdessen bilden sie die volle Bandbreite aller vorherigen Figuren ab. Anna wünscht sich zu Beginn des Films die große Liebe, stellt aber im weiteren Verlauf fest, dass es viele andere Dinge im Leben gibt, die wichtiger sind. Und mit der Figur Elsa thematisiert Disney nicht spezifisch weibliche Themen in einem weiblichen Charakter, sondern bearbeitet ganz universelle menschliche Probleme wie Einsamkeit, Makel, Stärke im Angesicht von Gefahr und die Überwindung der eigenen Furcht. Elsa wächst im Verlaufe des Films wie kein anderer Disney-Charakter überhaupt.

Mit dem Film Vaiana schloss Disney dann 2016 den Kreis. Denn in Vaiana gibt es überhaupt gar keine Liebesgeschichte. Als Prinzessin eines Stammes auf der Insel Motonui in Polynesien erlebt Vaiana ein Abenteuer, bei dem es nicht um Liebe geht. Anders als in Die Eiskönigin, in dem die Rolle des klassischen Prinzen noch vorkam, kann Vaiana sich völlig auf die weibliche Hauptfigur als Person und nicht spezifisch als Frau konzentrieren.

Vaiana

Das ist ein bemerkenswerter Schritt hin zu einer wirklichen Gleichbehandlung von Charakteren in Disneyfilmen. Denn es geht bei dem Versuch, Charaktere sensibel zu behandeln, nicht nur darum, aus Frauen Kämpferinnen werden zu lassen und Männern Emotionen zuzugestehen. Im Kern steht vielmehr der Gedanke, dass jeder Mensch ein Individuum ist, dass nicht in erster Linie von seinem oder ihrem Geschlecht bestimmt wird. Mit Vaiana ist Disney das zum großen Teil gelungen.

Disney-Prinzessinnen sind auch heute nicht unproblematisch

Trotz der positiven Entwicklungen und Veränderungen der letzten Jahrzehnte, sollen die weiter bestehenden Probleme auch Erwähnung finden. Zum einen haben alle Disney-Prinzessinnen immer noch eines gemeinsam: Sie verkörpern alle ein westliches Schönheitsideal. Von Schneewittchen, über Belle, bis hin zu Anna und Elsa sind alle Disney-Prinzessinnen schlank, haben wunderschönes Haar, weiche Gesichtszüge und große, runde Augen. So sehr sich ihr Wesen auch verändert haben mag, so sehr ist ihr Aussehen immer gleichgeblieben.

Darüber hinaus sind die überwältigende Mehrzahl der Disney-Prinzessinnen weiß und heterosexuell. Körperliche Einschränkungen werden in Disneyfilmen bisher ebenfalls fast völlig ausgeblendet. Eine gewisse Fantasiewelt kann einem Animationsfilm, der reinen Unterhaltungsanspruch hat, aber wiederum natürlich auch zugestanden werden.

Disney ist sich dieser Kritiken allerdings durchaus bewusst. Nehmen wir einmal die bisherige Entwicklung als Beispiel, dann lässt sich darauf hoffen, dass Disney weiterhin an der Entwicklung ihrer weiblichen Protagonistinnen arbeiten wird. Wir freuen uns darauf.

 

Fotos: Walt Disney Company