Am Samstag ist ein Freund von mir für ein paar Monate nach Singapur aufgebrochen und die halbe Clique hatte beschlossen, ihn gebührend am Flughafen zu verabschieden. Ich war mir dabei sehr unsicher, denn für mich persönlich wusste ich, wie emotional ich wiedermal reagieren würde, sollte ich mich anschließen.

Ich habe mich nicht angeschlossen.
Bei mir ist das so: Ich bin unglaublich nahe am Wasser gebaut. Beispielsweise hatte ich am Samstag in der Kinovorstellung von „Catching Fire“ schon Tränen in den Augen bei der Eröffnungssequenz, als Katniss vor einem See sitzt und in die Ferne blickt. Das reicht schon, um die Schleusen zu öffnen. Gott sei Dank hatte ich mich noch rechtzeitig mit Klopapier aus der Damentoilette eingedeckt gehabt.
Ich habe auch mal auf einer Beerdigung geweint, obwohl ich den Verstorbenen nicht gekannt hatte. Einfach, weil so viele um mich herum schluchzten.

Doch irgendwie – so rational betrachtet – gibt es keinen Grund zu flutartigen Heulkrämpfen, wenn ein Freund für ein paar Monate im Ausland ist. Da Weinen aber nichts mit Rationalität zu tun hat, hätte ich auch hier ein paar Tränen verdrücken müssen, und zwar spätestens, wenn ich in das verquollene Gesicht seiner Freundin geblickt hätte. Ne, ne, dann lieber zu Hause bleiben, bevor ich mich den leicht unsicheren und verwirrten Blicken seiner Kumpels hätte stellen müssen.

In erster Linie weinen wir wohl, um auf soziale Weise zu interagieren, sprich, man macht auf seine Trauer, Wut, manchmal sogar auf die immense Freude aufmerksam, indem man Tränen vergießt und man dadurch von anderen wahrgenommen wird. Blöd ist das nur in solchen Situationen, in denen man heimlich, still und leise mit seinen Emotionen in einem dunklen Eck sitzen möchte, beispielsweise, wenn man nicht zugeben will, dass man schon in einer Eröffnungsszene eines Filmes zum Taschentuch greifen muss.  Oder in unangebrachten Situationen so deplatzierte Lachanfälle bekommt, dass die Augen feucht werden und man mit bösen Blicken bestraft wird.

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Aber dieser emotionale Ausdruck ist auch eine Reinigung von innen. Wir bauen dadurch Stress ab und atmen tiefer ein und aus, anstatt automatisch die Luft anzuhalten. Und obwohl es so gesund scheint, ist der Tränenschwall immernoch teilweise sehr verpöhnt und es gibt Menschen, vor allem Männer, die seit Jahren nicht mehr geweint haben. Da frage ich mich, wo diese ganzen Tränen feststecken. Ich habe meinen Vater beispielweise nur ein einziges Mal in den letzten 26 Jahren weinen sehen: Als der Fußballverein meines Heimatortes von der Kreisklasse in die Kreisliga aufgestiegen ist. Kein Witz. Da lagen sich Männer in den Armen und schluchzten zusammen lauter als 50 Frauen, gemeinsam „E-Mail für Dich“ anschauen.

Manche brauchen einfach sehr lange, um zu weinen und andere versuchen, es sich krampfhaft abzutrainieren. An sich eine semi-kluge Handlung, denn eine menschliche Reaktion bleibt eine menschliche Reaktion und sucht sich immer ein Ventil. Und gerade, als ich tippen wollte, dass man einfach zu seinen Schwächen stehen solle, frage ich mich: Warum wird das immer als Schwäche bezeichnet? Öffentlich zu weinen ist ungefähr genauso mutig, wie Fallschirm springen – zumindest für Menschen, die es schrecklich finden, im Mittelpunkt zu stehen und der ganzen Welt zu zeigen, dass sie verletzlich sind.

Vielleicht bräuchten wir einen Ort, an dem sich alle versammeln können, denen zum Heulen zumute ist, die sich aber irgendwie nicht trauen oder das Gefühl haben, die Tränen würden irgendwo feststecken? 3, 2, 1 und alle legen los. Das wäre doch was.

Fotos: Anika Landsteiner