Aphantasie

Ein schwarzes Loch in der Vorstellungskraft

“Ich packe meinen Koffer und nehme mit…” Dieses Spiel für Kinder soll die Konzentration trainieren und die Fantasie anregen. Die Kinder müssen sich Sachen vorstellen, die sie in den Koffer stecken würden und sich dabei auch noch merken, was ihre Mitspieler alles gesagt haben.

Während für viele Menschen eher das Merken der einzelnen Objekte im Koffer und die richtige Reihenfolge eine Herausforderung darstellt, gibt es auch Personen, die Schwierigkeiten haben, sich vorzustellen, was sie in den Koffer stecken könnten. Sie sind von einem Phänomen geprägt, das sich Aphantasie nennt. Aber was verbirgt sich hinter dem Begriff genau und was macht eine Aphantasie aus?

Aphantasie einfach erklärt

Der Begriff der Aphantasie stammt aus dem Griechischen. Er setzt sich aus dem uns bekannten Wort “Phantasie” für Vorstellungskraft und der Vorsilbe “A-” zusammen, die eine Verneinung ausdrückt. Aphantasie steht also für das Fehlen der Vorstellungskraft.

Es handelt sich dabei um eine psychische Eigenheit, bei der die betroffenen Menschen in ihrem Kopf keine Bilder erzeugen können. Sie können sich allein von einer Erzählung nicht vorstellen, wie ein Bild aussehen könnte. Erinnerungen an Gesichter, Gerüche oder andere Gefühlseindrücke fallen ihnen schwer. Während Personen mit einer nicht sehr ausgeprägten Aphantasie sich noch an besonders einprägsame Situationen erinnern können, sind diese Bilder für Menschen mit einer starken Aphantasie verschlossen. Sie wissen zwar, was sie erlebt haben, können das Erlebte aber nicht beschreiben.

Jetzt lesen:  Happy im Herbst: Den Herbst-Blues mit einem gemütlichen und schönen Zuhause bekämpfen

Auch das Lesen von Büchern stellt Aphantasisten vor eine Herausforderung. Sie können die Worte lesen und den Sinn verstehen. Aber sie können sich nicht vorstellen, was der Autor beschreibt. Darum langweilen sich Aphantasisten schnell und beschäftigen sich stattdessen eher mit Dingen, die sie mit ihren Sinnen erfassen können.

Streit um den Definitionsbegriff

“Aphantasie” als Begriff ist noch gar nicht so lange in der Wissenschaft vorhanden. Der Mangel und das absolute Fehlen der Vorstellungskraft wurden bereits 1880 von dem britischen Naturforscher Francis Galton beschrieben. Galton hatte zur Untersuchung der bildlichen Vorstellungskraft verschiedene Probanden befragt und ihnen bestimmte Szenarien vorgegeben, die sie vor ihrem geistigen Auge abrufen und dann aufzeichnen sollten. Dabei stieß der Forscher auch auf Menschen, die sich überhaupt nicht bildlich erinnern konnten.

Trotz Galtons Entdeckungen wurde die Abwesenheit der Vorstellungskraft in der Forschung lange Zeit nicht weiter beachtet. Erst 2005 begannen erste Studien damit, sich mit der Fantasie bei Menschen auseinander zu setzen. 2015 entstand dann schließlich der Begriff der Aphantasie.

Jetzt lesen:  Was sagt der Wohnstil über den Charakter eines Menschen aus?

Die Wissenschaft ist sich aber immer noch unklar darüber, wie sie das Phänomen einstufen soll. Es wird gerne als Krankheit oder als psychologisches Leiden bezeichnet. Das Problem ist aber, dass die Betroffenen nicht “leiden”. Sie wissen nicht, was Fantasie ist und können ihr Denken auch nur schwer mit der Vorstellungskraft anderer Menschen vergleichen. Außerdem haben Aphantasisten keine besonderen Einschränkungen im Alltag, was ein klassisches Kriterium für eine Krankheit oder ein Leiden wäre.

Wie entsteht eine Aphantasie?

In vielen Fällen ist die fehlende Vorstellungskraft angeboren. Dabei ist unklar, ob beide Elternteile von Aphantasie betroffen sein müssen oder ob es schon reicht, wenn beispielsweise die Mutter die psychische Eigenheit besitzt. Bei anderen Menschen kann sich eine Aphantasie als Folge eines Unfalls oder eines Schlaganfalls bilden. Wenn durch ein Trauma oder eine Krankheit Regionen des Gehirns in Mitleidenschaft gezogen werden, kann das die Vorstellungskraft buchstäblich löschen. Bei anderen Menschen lässt die normale Vorstellungskraft mit dem Älterwerden nach.

Bisher gibt es keine Verfahren, mit denen sich eindeutig feststellen lässt, ob du Aphantasie hast oder nicht. Das liegt zum einen daran, dass diese Eigenheit der Denkstrukturen vergleichsweise selten ist. Gerade einmal 2% bis 3% der Menschen haben eine ausgeprägte Aphantasie. Zum anderen steckt die Forschung auf dem Gebiet noch in den Kinderschuhen. Es gibt keine einheitlichen Tests, um den Mangel an Vorstellungskraft nachzuweisen oder einzustufen.

Jetzt lesen:  Diät für Faule: Schokolade, ich vermisse dich!

Wie sieht der Alltag mit Aphantasie aus?

Im Prinzip unterscheidet sich der Alltag eines Aphantasisten nicht von dem eines Menschen mit Fantasie. Denn ein Aphantasist weiß häufig nicht einmal, dass bei ihm etwas anders ist. Es gibt viele Menschen mit Aphantasie, die in kreativen Berufen arbeiten und beispielsweise als Redakteure bei der Zeitung angestellt sind. Denn sie haben unbewusst Strategien entwickelt, um ihre mangelnde Vorstellungskraft auszugleichen.

Tatsächlich ist eine Aphantasie auch nicht immer ein Nachteil. Weil ein Aphantasist keine Tagträume hat und nicht mit den Gedanken abschweifen kann, kann er sich besser konzentrieren und einer Arbeit fokussiert nachgehen.

Darüber hinaus können Aphantasisten leichter den Kopf abschalten. Während du dich vielleicht nach einem schlechten Tag abends noch mit Gedanken quälst, was passiert ist und was noch alles passieren könnte, denken Aphantasisten einfach an nichts. Das hilft unter anderem bei Aktivitäten wie dem Meditieren oder auch beim Einschlafen weiter.

Übrigens haben Forscher herausgefunden, dass eine Aphantasie nur im Wachzustand ausgeprägt ist. Wenn Aphantasisten schlafen, werden die gleichen Gehirnaktivitäten wie bei anderen Menschen beobachtet. Das bedeutet, dass sie wie andere Menschen träumen und zumindest in der Nacht ihre Fantasie ausleben können.

 

Foto: olly / stock.adobe.com