Voguing: Der Kult-Tanz erobert die Dance-Studios

„Vogue“ ist nahezu jedem ein Begriff. Sei es nun das Modemagazin, Lady Gagas Song oder auch der Tanz. Dieser gewinnt nun auch in Deutschland an Popularität und sorgt für eine Revolutionierung der Tanzstudios.

Die ersten Schritte des Vogue

In den 1980er Jahren ist die queere Szene in New York Harlem noch eine Subkultur. Vor dem Hintergrund der Latino-Szene entwickelte sich dort das „Voguing“. Namensgebend ist hier das Modemagazin „Vogue“, denn der neue Tanz bildete sich vornämlich aus den dort abgebildeten Modelposen. Es gibt auch deutliche Einflüsse des Hip-Hops, der Pantomime, Martial-Arts-Filme und sogar ägyptischer Hieroglyphen. Sein wirklicher Anfang liegt jedoch schon in den 60er und 70er Jahren. Damals wurden viele Jugendliche aufgrund ihrer von der Norm abweichenden Orientierung von ihren Angehörigen verstoßen und fanden sich auf der Straße wieder. Oft wurden diese von sogenannten Drag Mothers aufgenommen und in deren Familie integriert. Untereinander hielten diese Familien Dance-Battles ab, forderten sich gegenseitig heraus. Später bildeten sich sogenannte Houses (Voguing Gruppen), die nun vor Publikum gegeneinander in „Battles“ antraten. Der Tanz bot eine Möglichkeit, seine Individualität auszudrücken und sich selbst ohne Scheu zu inszenieren. Vor allem verstoßenen, queeren Jugendlichen anderer Hautfarbe lieferte dies einen gewissen Schutz und stärkte ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.

1990 erlangte der Tanz schließlich durch Madonnas gleichnamiges Lied internationaler Berühmtheit.

Old & New Vogue-Styles

Grundsätzlich kann man Voguing in vier Kategorien einteilen. „Runaway“ bezeichnet hierbei einen von den New Yorker Laufstegen inspirierten Stil, der vor Allem auf die Präsentation von extravaganten Outfits abzielt. Während „Runaway“ nicht auf ein spezifisches Geschlecht ausgelegt ist, charakterisiert „Vogue Fem“ das Weibliche in überspitzter Form. Dabei sind die Posen inspiriert von Ballett, Eiskunstlaufen, Pantomime und feministischer Anmut. „Old Way“ ist die ursprünglichste Form des Tanzes und orientiert sich an Breakdance, Martial Arts (Kampfkunst) und dem Formen von Hieroglyphen. Dieser männliche Stil wurde im Laufe der Zeit weiterentwickelt und die Form „New Way“ entstand. Diese vereint in sich Haute Couture, Popping, Yoga, Turnen und das Können von Schlangenmenschen. Die Bewegungen dieses Stils sind schneller und präziser. Zusätzlich arbeiten die Tänzer/Innen kunstvoll mit Illusion und extremen Posen, dominiert von Winkeln und Linien, die mit den Armen erzeugt werden.

Voguing in Deutschland

Erst im Jahre 2011 wurde das House of Melody von der Tänzerin Georgina Leo Melody in Berlin gegründet. Damit war sie eine Pionierin und rief auch das Berlin Voguing Out Festival ins Leben, welches seit 2017 von Mic unter dem Namen Berlin Ballroom Community weitergeführt wird. In der Szene hat das Festival an Bekanntheit gewonnen und ist regelmäßig ausverkauft. Auch viele Tanzstudios ziehen nach und bieten Kurse an.

Sophie Yukiko unterrichtet Voguing in Kreuzberg. Durch Leo Melody kam sie in Berührung mit dem Tanz und war sofort erfüllt von Begeisterung. Mit ihrem Herz hat sie sich der Szene verschrieben und steckt nun mit ihrem Enthusiasmus ihre Schüler an. Anders als die Tradition jedoch vorsieht, wird Voguing in Deutschland hauptsächlich von weißen, heterosexuellen, cis-normativen Frauen dominiert. Im Zuge des Balls setzt man sich jedoch auch mit gesellschaftlichen Problemen auseinander. So zum Beispiel dem Umgang mit HIV oder psychischen Krankheiten.

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Die Philosophie des Tanzens

Beim Voguing geht es darum eine Geschichte zu erzählen, sich selber zu entdecken und seinen Körper zu zelebrieren. Es geht um Mut und Stärke. Identität steht dabei im Mittelpunkt, denn erst dadurch entwickelt sich ein persönlicher Stil. Es ist Übertreibung und die Auslebung der eigenen Feminität.

Politisches Vogue

2018 gründete Arigato Melody, der erst durch die Tanzszene wirklich zu sich selbst gefunden hat, das Kiki House of Arise. Dieses entstand aus dem Projekt Future V heraus, welches zuerst nur ein Tanzfilmprojekt mit queeren Flüchtlingen werden sollte. Ari sah darin jedoch auch eine Möglichkeit, die Vielfalt dieser Tanzszene weiter auszubauen und gleichzeitig den Flüchtlingen eine Heimat zu bieten und dem Tanz wieder seine ursprüngliche Bedeutung zukommen zu lassen. Die Tänzer/Innen dieses Houses treten sowohl öffentlich und international als auch house-intern auf.

 

Fotos: Alexander Y / stock.adobe.com