Soul Food

Wenn die Laune am Tiefpunkt ist, das Stressbarometer ausschlägt oder sich Liebeskummer anbahnt, hilft bekanntlich ein ordentliches Stück Schokolade. Besonders mit Bitterschokolade tun wir unserer Seele etwas Gutes. Durch den Botenstoff Tryptophan, Antioxidantien und Magnesium wird sie zum süßen Stimmungsaufheller und senkt das Stress-Hormon-Level.

Schokolade gehört somit zur Kategorie Soul Food – Lebensmittel, welche durch bestimmte Inhaltsstoffe Glücksgefühle im Gehirn auslösen und zu unserem Wohlbefinden beitragen sollen. Die Wissenschaft hat die Geheimnisse unserer Ernährung erkundet und die Wirkungsweisen von in Nahrungsmitteln enthaltenen Glückshormonen wie Serotonin & Co aufgedeckt. Wir verraten dir alles rund um den Mythos Soul Food und ob du dich wirklich gezielt glücklich essen kannst.

Darm und Hirn – Freunde durch dick und dünn

Zwischen unserem Verdauungstrakt und dem Gehirn besteht ein wichtiger Informationsfluss. Der Darm wird nicht umsonst als „zweites Gehirn“ bezeichnet: Zwischen unseren Darmfalten tummeln sich rund 500 Millionen Nervenzellen. Dieses neuronale Netzwerk ähnelt dem in unserem Kopf sehr stark, kommuniziert über dieselben Neurotransmitter und steht im konstanten Austausch mit dem Gehirn. Andersherum können Emotionen nachweislich unseren Bauch beeinflussen. Stressige Situationen bereiten uns im schlimmsten Fall wortwörtlich Bauchschmerzen. Auf einmal bekommt die Redensart „auf unser Bauchgefühl hören“ einen ganz neuen, beinahe fachmännischen Hintergrund.

Kein Wunder, dass unserem „Darmhirn“ große Bedeutung zugeschrieben wird und bald nach Lebensmitteln gesucht wurde, die nachweislich positive Auswirkungen auf unsere Emotionen haben können.

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Mythos Soul Food – Lifestyle gegen Wissenschaft

Die meisten Vertreter der Kategorie Soul Food sollen durch ihren hohen Anteil am Botenstoff Serotonin beziehungsweise der Aminosäure Tryptophan, einem Rohstoff des Serotonins, unsere Stimmung aufhellen und unser Gehirn zu Glücksgefühlen motivieren. Zu den üblichen Verdächtigen gehören neben der allseits beliebten Schokolade auch Bananen, Nüsse, Getreide, Fisch und viele mehr. Ihnen wird oftmals eine beinahe „dopende“ Wirkung nachgesagt, mit der wir unsere Stimmung kurzfristig positiv beeinflussen können.

Doch solche Annahmen sind mit Vorsicht zu genießen. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass im Darm tatsächlich ein Großteil des körpereigenen Serotoninhaushaltes gespeichert wird. Dieser ist bei Menschen mit Depressionen in niedrigerer Konzentration vorhanden. In manchen Lebensmitteln sind in der Tat Spuren des Glückshormons enthalten. Doch die Mengen an Serotonin, welche wir durch den Verzehr von Schokolade & Co zu uns nehmen könnten, würden noch lange keinen merkbaren Unterschied im Serotoninspiegel hervorrufen – selbst wenn wir in Ausnahmesituationen eine ganze Tafel in Rekordzeit verputzen. Durch die Verdauung kommt der Botenstoff zwar ins Blut, erreicht dadurch aber noch lange nicht das Gehirn.

Auch der Serotonin-Baustein Tryptophan kann da nicht viel ausrichten. Tryptophan gelangt zwar leichter ins Gehirn, muss aber dort erst in das Glückshormon umgewandelt werden. Da müssten wir schon ordentliche Mengen zu uns nehmen, dass die Voraussetzungen für eine nachweisliche Wirkung gegeben wären. Die erforderlichen Dosen kannst du laut Experten nur durch die Aufnahme der Stoffe als Medikament aber nicht durch die Nahrung erreichen. Somit ist es aus wissenschaftlicher Sicht leider ein Trugschluss zu glauben, dass man sich mit gewissen Lebensmitteln glücklich essen kann.

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Glücklich lernen, statt glücklich essen

Soul Food begründet seine Daseinsberechtigung daher nicht durch wissenschaftliche Studien. Sehr schade, wenn man sich ausmalt wie einfach wir unsere Stimmung aufhellen und schlechte Laune verscheuchen könnten.

Trotzdem erleben wir nach dem Essen oft einen Glücksschub, sind zufrieden und fühlen uns einfach gut. Woher kommt es also, dass bestimmte Lebensmittel solche Gefühle auslösen können, wenn nicht durch das in ihnen enthaltene Glückshormon?
Das Geheimnis liegt im Lern-Effekt unseres Gehirns: Essen wir in glücklichen Momenten ein bestimmtes Lebensmittel, merkt sich unser Gehirn den Zusammenhang und koppelt den Geschmack an die positive Emotion. Dieses glückliche Gefühl wird automatisch abgerufen, wenn wir das gleiche Essen in einer späteren Situation zu uns nehmen. Serotonin ist dafür jedoch nicht verantwortlich, sondern ein ganz anderer allseits bekannter Botenstoff: das Dopamin.

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Dopamin wird im Gehirn selbst erzeugt. Es hat daher keinen langen Weg, um Wirkung zu erzielen und spielt in unserem Belohnungssystem eine wichtige Rolle. Es wird in Erfolgssituationen ausgeschüttet, etwa wenn wir etwas lange Ersehntes endlich erreichen, motiviert sind oder einen plötzlichen Geistesblitz haben.

Unser persönliches Soul Food

So bekommt Soul Food eine neue Bedeutung: Anstatt sich auf konkrete Lebensmittel mit hohem Serotoningehalt zu beschränken, kann Soul Food für jeden von uns etwas anderes sein und wird somit zum persönlichen Stimmungsaufheller. Ob der Apfelkuchen, der uns an den sonntäglichen Besuch bei Oma erinnert oder das traditionelle Rührei mit Speck nach einer durchzechten Nacht mit den besten Freunden: Soul Food erinnert uns an schöne Momente und versetzt uns dadurch in gute Laune. Gutes Essen wird in diesem Sinne aus dem Moment heraus geboren. Es ermöglicht uns, immer wieder zu der damals empfundenen Zufriedenheit zurückzukehren und unbewusst in „geschmacklichen“ Erinnerungen zu schwelgen.

So steht es jedem frei, Soul Food für sich selbst zu definieren, ohne einem bestimmten Ernährungsplan zu folgen. Womit die Frage beantwortet sein dürfte: Ja, man kann sich durchaus glücklich essen!

 

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