StartKarriereFreelancerin werden: Der ehrliche Leitfaden für den Start

Freelancerin werden: Der ehrliche Leitfaden für den Start

Freelancerin werden klingt nach Freiheit – und das ist es auch. Aber Freiheit ohne Struktur wird schnell zu Chaos. Dieser Artikel zeigt, was Freelancing in Deutschland wirklich bedeutet, welche Bereiche sich für den Einstieg eignen, wie du die ersten Kunden findest und was du dabei realistisch verdienen kannst.

Ohne Hype. Ohne Erfolgsversprechen. Mit echten Zahlen.

Was bedeutet Freelancerin – und was nicht?

„Freelancerin“ ist kein rechtlich geschützter Begriff. Im deutschen Steuer- und Gewerberecht gibt es zwei Kategorien, die für selbstständige Arbeit relevant sind: Freiberuflerin und Gewerbetreibende.

Freiberuflerinnen üben bestimmte, gesetzlich definierte Tätigkeiten aus – etwa als Journalistin, Übersetzerin, Journalistin, Übersetzerin, Designerin, Lehrerin, Psychologin oder Beraterin – je nach konkreter Tätigkeit und Einordnung durch das Finanzamt (§ 18 EStG). Sie melden kein Gewerbe an, zahlen keine Gewerbesteuer und reichen beim Finanzamt lediglich Anlage S ein.

Gewerbetreibende üben kaufmännische oder handwerkliche Tätigkeiten aus, die nicht unter § 18 EStG fallen. Sie melden ein Gewerbe beim Gewerbeamt an und reichen Anlage G ein. Dafür gilt der Gewerbesteuer-Freibetrag von 24.500 Euro.

Im Alltag nennen sich viele einfach „Freelancerin“ – egal ob freiberuflich oder gewerblich. Wenn du unsicher bist, welche Kategorie zu dir passt, kläre das beim Finanzamt oder mit steuerlicher Beratung. Es lohnt sich, das von Anfang an richtig zu machen.

Für welche Bereiche eignet sich Freelancing?

Freelancing funktioniert überall dort, wo Aufgaben projektweise oder auf Stundenbasis vergeben werden und kein fester Anwesenheitsort nötig ist. Besonders starke Nachfrage gibt es derzeit in diesen Bereichen:

  • Text und Content: Artikel, Website-Texte, Newsletter, Social-Media-Content, Lektorat, Übersetzung
  • Design und Kreatives: Grafikdesign, Canva-Templates, Branding, Illustrationen, Video-Editing
  • Marketing und Social Media: Community Management, Pinterest-Strategie, E-Mail-Marketing, SEO
  • IT und Technik: Webdesign, WordPress-Pflege, App-Entwicklung, Datenbankarbeit
  • Beratung und Coaching: Business-Coaching, HR-Beratung, Finanzbildung, Business-Finanzplanung, Karriereberatung
  • Virtuelle Assistenz: E-Mail-Management, Recherche, Projektorganisation, Kundenkommunikation
  • Bildung und Training: Online-Kurse, Workshops, Nachhilfe, Unternehmensschulungen

Die Faustregel: Wenn du eine Fähigkeit hast, die jemand anderem Zeit oder Probleme erspart, gibt es dafür einen Markt. Die Frage ist nicht ob, sondern wie du sie positionierst.

Was verdient eine Freelancerin realistisch?

Stundensätze für Freelancerinnen in Deutschland variieren stark – je nach Bereich, Erfahrung und Spezialisierung:

  • Einsteigerin ohne Portfolio: 20 bis 40 Euro pro Stunde. Wer erst anfängt und wenig nachweisbare Erfahrung hat, muss sich den Markt erst erarbeiten.
  • Mit 1–2 Jahren Erfahrung: 40 bis 75 Euro pro Stunde. Eine klare Nische und erste Referenzen machen den Unterschied.
  • Spezialisiert oder beratend: 75 bis 150 Euro pro Stunde. IT, Unternehmensberatung, spezialisierte Marketing-Beratung oder juristische Tätigkeiten liegen oft in diesem Bereich.

Wichtig: Diese Zahlen sind Bruttostundensätze. Davon gehen Steuern, Sozialversicherung (wenn freiwillig oder Künstlersozialkasse), Pufferzeit für unbezahlte Aufgaben und Betriebsausgaben ab. Als grobe Orientierung: Von 50 Euro Stundensatz bleibt am Ende deutlich weniger übrig – wie viel genau, hängt von Steuerbelastung, Versicherungen, Betriebsausgaben und deiner Auslastung ab.

Der häufigste Fehler beim Preissetzen: zu niedrig starten aus Unsicherheit. Ein niedriger Preis zieht oft schwierige Kunden an und macht den Aufbau eines nachhaltigen Business fast unmöglich.

AJOURE´-Realitätscheck

Dein Stundensatz muss mehr bezahlen als deine Arbeitszeit.

Viele Freelancerinnen kalkulieren nur die Stunde, die sie direkt beim Kunden leisten. Aber bezahlt werden müssen auch Akquise, Buchhaltung, Abstimmung, Weiterbildung, Krankheit, Urlaub, Steuer-Rücklagen und Leerlauf zwischen Projekten.

Wenn dein Preis nur deine reine Arbeitszeit deckt, arbeitest du schnell viel und verdienst trotzdem zu wenig. Rechne deshalb vom gewünschten Monatsnetto rückwärts – nicht von dem Betrag, der sich für dich gerade noch angenehm anfühlt.

Wie du als Freelancerin startest – Schritt für Schritt

Schritt 1: Klarheit über dein Angebot

Bevor du irgendwas anmeldest oder eine Website baust: Definiere, was du für wen tust. Nicht „ich mache Text und Design und Social Media und auch Übersetzungen“. Sondern: Was machst du besonders gut, für welche Branche oder Zielgruppe, mit welchem konkreten Ergebnis?

Ein klares Angebot lässt sich kommunizieren. Alles anzubieten lässt sich nicht verkaufen.

Schritt 2: Steuerliche Erfassung

Sobald du deine erste bezahlte Leistung erbringst, bist du verpflichtet, dich beim Finanzamt anzumelden. Das geht über ELSTER (Fragebogen zur steuerlichen Erfassung). Du bekommst eine Steuernummer für deine selbstständige Tätigkeit – damit kannst du Rechnungen schreiben.

Wenn du ein Gewerbe ausübst: Melde es zusätzlich beim Gewerbeamt deiner Stadt an. Die Kosten liegen je nach Standort zwischen 15 und 60 Euro.

Schritt 3: Kleinunternehmerregelung oder Regelbesteuerung?

Wer im Vorjahr höchstens 25.000 Euro Umsatz hatte und im laufenden Jahr 100.000 Euro nicht überschreitet, kann die Kleinunternehmerregelung nutzen: Du stellst Rechnungen ohne Umsatzsteuer aus – weniger Bürokratie, gut für den Einstieg. Sobald du die Grenze überschreitest oder mit Unternehmenskunden arbeitest, die Vorsteuerabzug geltend machen wollen, lohnt sich die Regelbesteuerung.

Schritt 4: Professionelles Auftreten

Du brauchst kein großes Budget für den Start. Was du brauchst: eine klare Angebotsseite (auch eine einzelne Landing Page reicht), ein professionelles LinkedIn-Profil und eine saubere Rechnungsvorlage mit Pflichtangaben (Name, Anschrift, Steuernummer, Rechnungsnummer, Leistungsdatum, Betrag).

Schritt 5: Erste Kunden finden

Dazu gleich mehr – aber vorab: Die meisten ersten Aufträge kommen nicht von Kaltakquise oder Plattformen. Sie kommen aus deinem bestehenden Netzwerk.

Wie du die ersten Kunden findest

Dein direktes Netzwerk: Sag Freundinnen, früheren Kolleginnen, Bekannten, was du anbietest. Gezielt, konkret, ohne Scheu. Viele erste Aufträge entstehen durch eine einzige Nachricht: „Ich biete ab sofort XY an – kennst du jemanden, der das braucht?“

LinkedIn: Aktualisiere dein Profil auf „Freelance [deine Tätigkeit]“, beschreibe klar, was du für wen löst, und sei aktiv sichtbar – nicht durch Werbeposts, sondern durch echten Mehrwert in Kommentaren und Beiträgen. LinkedIn ist für B2B-Freelancing eine der effektivsten Plattformen.

Direkte Ansprache: Recherchiere Unternehmen, die deinen Service brauchen könnten. Schreib keine Massen-E-Mails, sondern personalisierte, kurze Nachrichten, die zeigen, dass du ihre Situation verstehst.

Freelance-Plattformen: Upwork, Malt, Fiverr oder Twago können funktionieren – aber rechne mit mehr Zeitaufwand und oft mit Preisdruck. Besser als Ergänzung denn als einzige Strategie.

Kooperationen: Andere Freelancerinnen, Agenturen oder Studios vergeben regelmäßig Unteraufträge. Ein gutes Netzwerk zu anderen Selbstständigen ist oft wertvoller als jede Plattform.

Was kostet der Einstieg?

Freelancing ist eines der wenigen Business-Modelle, das mit fast null Startkosten funktioniert. Typische Ausgaben im ersten Jahr:

  • Gewerbeanmeldung (falls nötig): 15 bis 60 Euro
  • Buchhaltungssoftware: 0 bis 20 Euro/Monat (ELSTER ist kostenlos, Tools wie Lexoffice oder sevDesk kosten ab ca. 8 Euro)
  • Eigene Website (optional): 100 bis 500 Euro für ein einfaches Setup
  • Berufshaftpflichtversicherung: 100 bis 300 Euro/Jahr – empfehlenswert, besonders im IT- oder Beratungsbereich

Was du nicht brauchst: ein teures Coaching, eine aufwendige Website, ein professionelles Fotoshooting oder teure Tools. Starte mit dem, was du hast, und investiere mit dem ersten Geld, das reinkommt.

Was viele unterschätzen: Die unbezahlte Arbeit

Als Freelancerin verkaufst du nicht nur deine Fachkompetenz. Du bist gleichzeitig deine eigene Buchhalterin, Akquise-Abteilung, Marketing-Managerin und Projektleiterin. Diese Aufgaben sind nicht fakturierbar, aber notwendig.

Eine realistische Einschätzung: Von 40 Arbeitsstunden pro Woche sind bei vielen Freelancerinnen am Anfang nur 20 bis 25 Stunden direkt abrechenbar. Der Rest geht für Verwaltung, Akquise, Weiterbildung und Puffer drauf. Das bedeutet: Dein Stundensatz muss diese unbezahlten Stunden mit einpreisen. Wenn du das konkret berechnen willst, hilft dir der AJOURE´ Preisrechner für Selbstständige.

Die einfache Formel: Wenn du 3.000 Euro netto im Monat verdienen willst und realistisch 80 bezahlte Stunden pro Monat hast, brauchst du einen Bruttostundensatz von mindestens 60 bis 70 Euro – je nach Steuerbelastung.

Typische Fehler im ersten Jahr

Zu viel Vorbereitung, zu wenig Start: Viele warten auf die perfekte Website, das perfekte Angebot, den perfekten Moment. Es gibt ihn nicht. Fang mit dem an, was du heute hast.

Jeden Auftrag annehmen: Gerade am Anfang ist die Versuchung groß, alles zu nehmen. Das führt zu schlechter Positionierung, Unterbezahlung und Erschöpfung. Besser: Wähle früh, welche Art von Aufträgen du wirklich willst.

Kein schriftlicher Vertrag: Halte Umfang, Liefertermine und Bezahlung immer schriftlich fest – auch bei kleinen Projekten. Für sauberere Angebotsprozesse ist der AJOURE´ Angebotsbaukasten ein guter nächster Schritt. Mündliche Absprachen sind kein Schutz.

Keine Vorauszahlung: Besonders bei neuen Kunden ist eine Anzahlung (30 bis 50 Prozent) vor Projektstart sinnvoll. Das schützt dich vor Zahlungsausfällen.

Kein Rücklagenkonto: Freelance-Einkommen schwankt. Leg jeden Monat 20 bis 30 Prozent deines Gewinns auf ein separates Konto – für Steuern, magere Monate und Investitionen. Für deinen privaten Puffer kannst du zusätzlich mit dem AJOURE´ Notgroschen-Rechner arbeiten.

Deine nächsten Schritte

Diese Woche: Definiere ein konkretes Angebot mit Zielgruppe, Leistung und Preis. Nicht perfekt, aber klar genug, um es einer Person zu erklären.

In den nächsten zwei Wochen: Melde dich beim Finanzamt an. Richte ein einfaches System für Belege und Rechnungen ein. Sprich fünf Personen aus deinem Netzwerk an.

Wenn du dich breiter orientieren willst: Im AJOURE´ Nebeneinkommen-Workbook findest du neben dem Freelancing-Weg 20 weitere Modelle im direkten Vergleich – mit ehrlicher Einschätzung, welcher Weg wann sinnvoll ist.

Häufige Fragen

Kann ich Freelancerin werden, ohne Erfahrung?

Ja – aber du brauchst etwas, das du anbieten kannst. Das muss keine jahrelange Berufserfahrung sein, aber eine nachweisbare Fähigkeit. Wer gerade anfängt, kann Erfahrungen durch Projekte im Freundeskreis, Testprojekte zu günstigeren Konditionen oder eigene Showcase-Arbeiten aufbauen. Hauptsache, du hast etwas, das du zeigen kannst.

Brauche ich eine eigene Website?

Für den Einstieg nein. Ein gutes LinkedIn-Profil und eine klare Angebotsseite (auch auf Notion, Carrd oder als einfache Landing Page) reichen zum Start. Eine eigene Website wird mit der Zeit wichtiger, wenn du gezielt über Google gefunden werden willst.

Kann ich Freelancing neben meinem Job anfangen?

In vielen Fällen ja – aber prüfe deinen Arbeitsvertrag. Manche Arbeitgeber verlangen die Genehmigung für Nebentätigkeiten oder schließen bestimmte Branchen aus. Eine schriftliche Genehmigung ist ratsam, wenn du im selben Bereich tätig bist wie dein Arbeitgeber.

Was ist der Unterschied zwischen Freelancerin und Selbstständiger?

Im deutschen Recht gibt es den Begriff Freelancerin nicht. Selbstständige ist der übergeordnete Begriff. Darunter fallen Freiberuflerinnen (§ 18 EStG, kein Gewerbe) und Gewerbetreibende (§ 15 EStG, mit Gewerbe). Was im Alltag als „Freelancing“ bezeichnet wird, ist meist eine dieser beiden Formen.

Quellen

Freiberufliche Tätigkeit (§ 18 EStG): Einkommensteuergesetz § 18. Verfügbar unter: gesetze-im-internet.de/estg/__18.html

Stundensätze Freelancerinnen Deutschland: Freelancer-Kompass 2024, GULP / Hays. Verfügbar unter: freelancermap.de/freelancer-kompass

Gewerbesteuer-Freibetrag: Gewerbesteuergesetz § 11 GewStG. Verfügbar unter: gesetze-im-internet.de/gewstg/__11.html

Kleinunternehmerregelung: Umsatzsteuergesetz § 19 UStG. Verfügbar unter: gesetze-im-internet.de/ustg_1980/__19.html

Wachstum der Freelance-Wirtschaft in Deutschland: Statista – Anteil der Selbstständigen an der Erwerbsbevölkerung 2023. Verfügbar unter: statista.com

Foto: KI

Melanie Bojko
Melanie Bojko
Melanie Bojko bringt als Chefredakteurin der AJOURE´ ihre Expertise und Leidenschaft für Inhalte und Trends in die Medienwelt ein. Neben ihrer redaktionellen Tätigkeit leitet sie die Marketing-Agentur NEBO marketing GmbH, wo sie ihre Fachkenntnisse in praktische Marketingstrategien und -lösungen umsetzt. Berlin, die pulsierende Hauptstadt, ist ihr Zuhause, wo sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern lebt. In ihrer Freizeit taucht Melanie gerne in die Welt der Bücher ein und hat eine Vorliebe fürs Reisen, um neue Kulturen und Orte zu entdecken.

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