schlechter sex

Heute ein kleines Geständnis von meiner Seite: Ich bin bzw. war die letzten drei Jahre meines Lebens ein Mingle. Ein bitte was?

Na jemand, der von Zeit zu Zeit die Vorzüge einer Partnerschaft genießt, jedoch keine feste Beziehung führt. Jemand, der offiziell für alles zu haben ist, hinter verschlossener Tür aber schon jemanden hat. Manchmal zumindest. Wenn einem danach ist. Ein Mingle eben (übrigens nicht zu verwechseln mit einem Muggel, das ist ein Mensch ohne Zauberkräfte; das bin ich zwar leider auch, denn mein Brief aus Hogwarts ist trotz energischer Vorbereitung auf Zaubertränke, Verwandlung & Co. nie gekommen, aber das ist eine andere traurige Geschichte).

Was sind wir eigentlich?

Nun ja, wieso überhaupt Geständnis? Ist das Mingle-Dasein etwas, das ich nicht gern zugegeben und lieber für mich behalten habe? Wobei ich doch weiß, dass es mittlerweile so verbreitet ist und auch genug meiner Freunde sich zu dem großen Kreis der „Almost-Lover“ zählen dürfen. Mir war es durchaus immer etwas unangenehm, ehrlich auf die Frage nach meinem Beziehungsstatus zu antworten. Bei Facebook steht zwar „Single“, „Es ist kompliziert“ hätte es allerdings um einiges besser getroffen (wieso gibt es eigentlich keinen „Mingle“-Status bei Facebook?). Wenn mich jemand gefragt hat, ob ich einen Freund habe, habe ich es stets lächelnd aber sicher verneint, wobei die Gedanken unmittelbar an eine bestimmte Person gewandert sind, und dann hat man sich die Frage selbst gestellt: „Was sind wir eigentlich?“ Und wie kann man jahrelang in einer Art Halb-Beziehung leben, ohne dass daraus jemals etwas Ernstes geworden ist?

Ich muss an dieser Stelle hinzufügen, dass ich ein unfreiwilliger Mingle war. Ich bin eigentlich nicht der Typ für halbe Sachen, deswegen erstaunt es mich jedes Mal, wenn ich daran zurückdenke, dass ich da überhaupt mitgespielt habe. Es gibt zwei Sorten Menschen: Diejenigen, die aus der Halb-Beziehung Vorteile ziehen, und die anderen, die dabei allerhöchstens die Arschkarte ziehen. Ich war einer von den anderen. Und das wusste ich von Anfang an. Wieso ist man dann trotzdem so naiv, seinen Teil zur Sache beizutragen?

Gedatet, geminglet und was jetzt?

Warum das Mingle-Dasein in den 20ern zunächst ganz schmackhaft erscheint, liegt klar auf der Hand: Unabhängigkeit. Keine Verantwortung gegenüber der anderen Person, persönliche Freiheit, die offizielle Erlaubnis, sich trotz einer inoffiziellen Partnerschaft bei Tinder anzumelden…was will man mehr? Das Leben kann ja so herrlich sein. Denn wenn man dennoch mal einsam sein sollte, schickt man dem Partner, der eigentlich gar keiner ist, eine süße SMS, man telefoniert, trifft sich, manchmal geht man auch aus. Und dass Sex mit im Spiel ist, steht sowieso in den AGBs, ist doch klar. Das macht man so lange, bis einer keine Lust mehr drauf hat. Bei den meisten Mingles sind das ein paar Monate, in meinem Fall hat das etwas länger gedauert, wo das Problem auch schon anfängt; denn je länger diese Art Beziehung geführt wird, desto schwammiger werden die Spielregeln und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer von beiden mehr hineininterpretiert. Und plötzlich sind die AGBs nicht mehr ganz so klar.

Es kommt die große Fragerei. Sind wir eigentlich zusammen? Daten wir nur uns oder noch andere? Halten wir in der Öffentlichkeit Händchen? Und schenken wir uns was zu Weihnachten? Darf ich das überhaupt fragen, ohne mich dabei zum Affen zu machen? Was als totale Unabhängigkeit angefangen hat, endet ziemlich oft in der totalen Ungewissheit. Denn wo es früher noch „verliebt, verlobt, verheiratet“ hieß, lautet es heute „gedatet, geminglet und was jetzt?“. Sollte man das Ganze ansprechen? Irgendwie belastet dieses Nicht-Wissen um den eigenen Status ganz schön, jeder will sich schließlich definieren können. Mit den Tatsachen rausrücken tun wir dann allerdings – wenn überhaupt – zu spät. Zum Einen, weil man sich die Blöße nicht geben will und einfach drauf hofft, dass sich die Sache irgendwie von selbst erledigt, sprich: Man kommt schon noch zusammen, man ist es ja schon praktisch, nur ’ne Frage der Zeit. Zum Anderen, und das ist erstaunlich oft der Fall, weil man sich nicht eingestehen möchte, dass man mehr von der „Beziehung“ will als der andere.

first-kiss

Ich habe lange Zeit gebraucht, um mir selbst darüber im Klaren zu werden, was ich eigentlich will und was nicht. Vor allem am Anfang meines Mingle-Daseins habe ich mir eingeredet, dass auch ich nichts Festes wollte und meine Gefühle vollkommen unter Kontrolle hätte. Dass ich ernsthaft verliebt war, habe ich ausgeblendet. Um das überhaupt erstmal zu erkennen, braucht es an Zeit und unendlich vielen Stunden am Telefon mit der besten Freundin. Es braucht an Mut und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Schließlich hat jeder seinen Stolz und will ein bestimmtes Bild von sich wahren, gewisse Erwartungen und Ansprüche an die eigene Persönlichkeit erfüllen. Man gibt sehr ungern zu, Gefühle für jemanden zu hegen, der sie nicht erwidert, denn das bedeutet, in sich selbst Abhängigkeit, Schwäche und Verletzlichkeit zu erkennen und zu zeigen. Ich spielte lieber die Unantastbare, ganz nach dem Motto „Wenn der mich nicht braucht, brauch ich den auch nicht, dafür bin ich zu gut“. Gleichzeitig fragte ich mich aber immer wieder: „Wieso braucht er mich eigentlich nicht?

Es ist aber wohl eher die Frage, wieso er mich nur zeitweise braucht. Nämlich immer dann, wenn niemand Besseres in Sicht ist. Die Auswahl an alternativen Partnern ist heutzutage zu zahlreich und dank moderner Technik auch viel zu leicht zu erreichen, als dass man sich langfristig an eine bestimmte Person binden will (vor allem, wenn diese Person in unseren Augen nicht perfekt ist). Ein Smartphone reicht, um jeden Tag aufs Neue den potenziellen Partner fürs Leben kennen zu lernen, vielleicht ist man nur einen Mausklick von der großen Liebe entfernt. Bindet man sich zu früh, entgeht einem womöglich etwas Besseres, jemand, der witziger ist, oder fürsorglicher, oder auch einfach nur besser aussieht. Es ist der ständige Optimierungsdrang, der einen zögern lässt, sich fest zu binden. Wir geben uns nämlich längst nicht mehr mit „gut“ zufrieden. An Traummann und -frau werden hohe Ansprüche gestellt, denn – so zumindest die Theorie – je näher der Partner an unsere Ideal-Vorstellung herankommt, desto weniger müssen wir an der Beziehung arbeiten, um glücklich und zufrieden zu sein. Und arbeiten tut man ja auch so schon 40 Stunden pro Woche. Das ist genug! Außerdem scheint Selbstverwirklichung die Liebe vom Thron der Lebensziele gestoßen zu haben: Wir leben heute freier, mehr nach uns gerichtet, experimentieren länger.

Der freiwillige Mingle lebt und genießt also das Single-Dasein, kann sich voll und ganz auf seine eigenen Wünsche konzentrieren. Er holt sich zwar bei Bedarf die nötige Ration Zweisamkeit bei seinem Übergangspartner, darf aber trotzdem weiterhin Ausschau nach Mr oder Mrs Perfect halten. Ganz ohne Eifersuchtsdramen, Beziehungsstreitereien und Trennungsstress (hab ich schon erwähnt, dass das Leben herrlich sein kann?).

Ein Cut, der sich lohnt

Wie das Leben nun mal so spielt, gibt es immer Gewinner und Verlierer. Minglen mag zwar DIE Beziehungsart im 21. Jahrhundert sein, es tut nur leider nicht jedem gut (aber immerhin hat jetzt das „Vielleicht“-Kästchen bei der Willst-du-mit-mir-gehen-Frage einen Sinn). Das zu erkennen, ist oftmals ein langer Prozess, bei dem manchmal Hoffnungen platzen und Tränen fließen. Ein Prozess, der mit ehrlicher Selbstreflexion anfängt und dem Mut, zu den eigenen Ansprüchen zu stehen und für sich selbst loszulassen, aufhört. Es ist aber vor allem ein Prozess, der sich lohnt. Sich aus einer Mingle-Affäre zu lösen, kann ein wahrer Befreiungsschlag sein. Denn Gefühle und Liebe sind wertvoll, und man sollte sie nie an jemanden verschwenden, der sie nicht zurückgeben kann. Das wäre Zeitverschwendung. Letztendlich stimmt es nämlich doch: Du brauchst niemanden, der dich nicht braucht, denn dafür bist du einfach zu gut.

Foto top: clipdealer.com
Foto Artikel: „First Kiss“ (2014) by Tatia Pilieva, Screenshot