Perspektivwechsel

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Dieses Sprichwort ist nicht nur alt und weithin bekannt, sondern auch hundertprozentig wahr. Dass das nicht immer etwas Gutes ist, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt. Grundsätzlich, und vor allem evolutionsbedingt, macht die sprichwörtliche „Macht der Gewohnheit“ durchaus Sinn. Denn wo Sicherheit wichtig ist, vertrauen wir gerne auf das, was schon immer funktioniert hat. Und wer alles so macht wie immer, der verbraucht auch keine Zeit und Energie beim Nachdenken oder Ausprobieren. So ermöglichen uns unsere Erfahrungen und Gewohnheiten also ein sicheres, bequemes Leben ohne größere Überraschungen – und auch ohne Perspektivwechsel.

Klingt ein wenig langweilig und engstirnig? In Zeiten, in denen unser unmittelbares Überleben nicht mehr im Mittelpunkt unseres Alltages steht, ist es das leider auch. Doch unsere üblichen Denkmuster, Ansichten und Meinungen aufzubrechen ist leichter gesagt als getan. Denn bei jedem Versuch, unsere Perspektive zu erweitern oder zu wechseln, arbeiten wir quasi gegen unsere Natur an. Warum ist es dann trotzdem so wichtig, es immer wieder zu versuchen, und was haben wir eigentlich davon?

Die Gefahr der Gewohnheit

Engstirnigkeit ist im Allgemeinen kein sonderlich positiv besetzter Begriff. Und das ist auch kein Wunder, denn das Festhalten an festgefahrenen Verhaltensweisen und Denkmustern hat zahlreiche Nachteile.

Hast du schon einmal eine unsinnige Vorgehensweise auf deiner Arbeit angezweifelt, nur um mit einem „Das haben wir schon immer so gemacht!“ abgespeist zu werden?

Hast du schon einmal mit einem Menschen diskutiert, der nicht in der Lage war, auch nur einen Millimeter von seiner vorgefertigten Meinung abzuweichen, ganz egal wie viele gute Argumente du hattest?

Oder hast du schon einmal erlebt, wie ein Problem schlicht unlösbar erschien, bis ein Außenstehender dazukam und mit einem neuen Einfall das Blatt plötzlich wendete?

Du siehst, die eigene Perspektive – also die Sichtweise auf deine Umgebung und dich selbst – mal zu wechseln und dein Denken flexibel zu halten hat viele Vorteile. Menschen, die nicht über den Tellerrand schauen können und in ihren Denkpfaden feststecken, verpassen dagegen nicht nur viele Chancen und mögliche Erfolge, sondern werden von ihrem Umfeld auch oft als verbohrt und unemphatisch wahrgenommen.

Wie ein Perspektivwechsel dein Leben verändern kann

Doch wie ergeht es den Menschen, die sich aktiv darum bemühen, ihren Horizont zu erweitern und Dinge und Menschen auch mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten? Der Effekt dieses Mindsets lässt sich in zwei Kategorien unterscheiden: die sozialen Auswirkungen und die Problemlösungskompetenz.

Unsere zwischenmenschlichen Kontakte und alle Arten von sozialen Situationen werden (unterbewusst) immer von Denkmustern und unserem Erfahrungshorizont beeinflusst. Das sind die vielbekannten „Schubladen“. Je mehr du aber in der Lage bist, deinen Blickwinkel auf dich und dein Gegenüber zu wechseln, andere Meinungen zu verstehen und verschiedene Motivationen nachzuvollziehen, desto toleranter und emphatischer wirst du – ganz automatisch. Das steigert nicht nur deine soziale Kompetenz, sondern führt ganz nebenbei auch noch dazu, dass viele Menschen dich sofort mehr mögen werden.

Und als ob sich die geistige Anstrengung nicht allein dafür schon lohnen würde, kommen noch viel greifbarere Vorteile hinzu. Denn nicht umsonst sind die erfolgreichsten Menschen der Welt bekannt dafür, Probleme kreativ zu lösen und neue Wege zu gehen. Henry Ford zum Beispiel sagte über die Erfindung des Autos: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.“

Flexibles Denken ist der Grundstein aller Erfindungen, Innovationen und effektiven Problemlösungen. Natürlich musst du kein weltberühmter Erfinder werden, aber derselbe Ansatz wird dir unter Garantie auch im Alltag und in wirklich jedem Beruf unzählige Male weiterhelfen. Ein paar einfache Beispiele aus dem Alltag, mit denen sich das Ganze auch prima üben lässt, wären unter anderem Upcycling (aus etwas Altem etwas Neues machen), Resteverwertung (kombiniere doch einfach mal neu) oder Zweckentfremdung verschiedener Gegenstände (die alte Badewanne als Hochbeet im Garten?). Hauptsache du betrachtest das Altbekannte einmal aus einer neuen Perspektive.

Perspektivwechsel: Selbstkritik und Reflektion

Kommen wir jetzt zum schwierigeren Teil – nämlich dem „wie“. Wie wechselst du denn nun die Perspektive? Und wie durchbrichst du denn nun deine festgefahrenen Denkmuster?

Das geht selbstverständlich nicht von heute auf morgen. Es ist eine bewusste Entscheidung, immer wieder innezuhalten, sich selbst zu hinterfragen und zu versuchen, die Welt auch mal durch fremde Augen zu sehen. Und die allerwichtigste Grundvoraussetzung dafür ist die Bereitschaft zu Selbstkritik und Reflektion. Ohne geht es nicht. Es gibt nichts, was uns mehr in unseren Pfaden gefangen hält als ein zu großes Ego und die Überzeugung, immer Recht zu haben. Nur wenn du offen für Neues bist und bereit, dazuzulernen, hat dein Gehirn überhaupt die Möglichkeit, dich und dein Umfeld mit seiner Kreativität zu verblüffen.

Es ist außerdem essentiell, dass du deine Gedanken und Reaktionen hinterfragst. Mach dir bewusst, warum du so reagierst oder denkst, wie du es tust.

  • Sind deine Gründe wirklich logisch?
  • Ist das wirklich deine Meinung oder hast du sie einfach im Laufe der Zeit von anderen Personen übernommen, ohne dir ernsthaft Gedanken darüber zu machen?
  • Ist deine Reaktion auf etwas vielleicht von Vorurteilen oder vorgefertigten Glaubenssätzen bestimmt?

Nur wer solche Fragen ehrlich beantworten kann, kann das dahinterliegende Schubladendenken nach und nach auch überwinden.

Konkrete Techniken auf dem Weg zur neuen Perspektive

Wie wir soeben schon herausgefunden haben, besteht der erste Schritt auf diesem Weg aus dem Innehalten und der Selbstreflektion. Das geht natürlich nicht immer sofort. In sozialen Situationen kommen die meisten unserer Reaktionen reflexartig und impulsiv – da ist gar keine Zeit, jedes Wort erst einmal zu hinterfragen. Das ist ganz normal und nichts, wofür du dir Vorwürfe machen müsstest. Doch nach der Situation ist vor der Situation.

Perspektivwechsel Tipp 1:

Nimm dir deshalb am besten jeden Abend ein wenig Zeit, um deinen Tag Revue passieren zu lassen. Denke darüber nach, warum die Menschen, denen du an diesem Tag begegnet bist, getan haben was sie taten und gesagt haben was sie sagten.
Was hättest du besser machen können?

Hast du heute Dinge aus Gewohnheit getan, die eigentlich nicht nötig gewesen wären? Mach es zur Gewohnheit, über diese Dinge nachzudenken. Nach und nach wird dein Gehirn sich anpassen und alte Muster durchbrechen.

Perspektivwechsel Tipp 2:

Mach dir die sogenannte Raikov-Methode zunutze, bei der du aktiv versuchst, eine Situation aus dem Blickwinkel einer anderen Person einzuschätzen. Frage dich zum Beispiel:

„Wie würde mein Vorbild jetzt handeln?“
„Welchen Eindruck hätte ein Fremder jetzt?“
„Wie würde Mac Gyver das hier lösen?“
„Was würden meine Eltern hier denken?“

Das heißt selbstverständlich nicht, dass du dann genau so handeln oder denken musst, wie du es dir von der Person vorstellst. Aber es wird dir helfen, Abstand zur Situation zu gewinnen und dir darüber klar zu werden, dass es nicht nur eine Lösung gibt.

Perspektivwechsel Tipp 3:

Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung stimmen längst nicht immer überein. Deshalb kann er äußerst nützlich sein, wenn du dir ab und zu Feedback von außen holst. Es kann dabei mitunter etwas schwierig sein, jemanden zu finden, der bereit ist, ganz ehrlich mit dir zu sein. Die besten Chancen hast du bei Menschen, die dir sehr nahestehen und denen du zuvor erklärst, dass du an dir arbeiten möchtest. Natürlich solltest du ihnen im Anschluss danken und ihnen auch keinen Vorwurf dafür machen, wenn sie Kritik äußern. Sprich außerdem mit möglichst vielen Menschen und auch (oder gerade) solchen, die ganz anders sind als du. Frage sie, warum sie Dinge tun oder warum sie bestimmte Meinungen haben. Höre ihnen zu und versuche, sie zu verstehen – auch wenn du ihre Meinung nicht teilst. So erweiterst du nach und nach deinen Horizont.

Du siehst also, die eigene Perspektive zu wechseln ist nützlich, spannend und kann dein Leben in fast jedem Bereich zum Positiven verändern. Und auch wenn es etwas Zeit in Anspruch nimmt, ist ein Perspektivwechsel alles andere als unmöglich. Also stürz dich ins Abenteuer und mach heute einfach mal etwas ganz anders als sonst.

 

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