Angeblich lügen wir 200 mal am Tag. Diese Zahl kursiert seit Jahren im Internet, ihr Ursprung ist unbekannt. Neuere Studien werten ca. drei Lügen pro Tag aus. So oder so – wir tun es alle und anscheinend täglich. Im Arbeitsumfeld ist der Griff zur Notlüge für die meisten nachvollziehbar – dass wir aber unsere Partner und Freunde genauso oft anlügen, will wahrscheinlich niemand wahrhaben.

Das Flunkern wird uns mittlerweile so einfach gemacht. Wir liegen abends im Bett und haben keine Lust mehr auszugehen. Also greifen wir zum Handy, tippen schnell eine Notlüge an die Freundin, die irgendwas besagt von wegen so viel Stress auf der Arbeit, war ein langer Tag, der Freund möchte, dass man zu Hause bleibt… und schon steht sie schwarz auf weiß: Die allseits bekannte Notlüge, die uns ganz kurz und schmerzlos ach so oft rettet.

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Innerhalb von Beziehungen sieht es ähnlich aus. Die weltbekannte Ausrede, frau hätte Kopfschmerzen, um sich vor einem Schäferstündchen zu drücken, ist mittlerweile so abgedroschen, dass man sich bei pochender Migräne schon gar nicht mehr traut, diese als Grund zu nennen.

Warum nicht öfter mal die Wahrheit sagen? In einigen Studien ist zu lesen, dass uns schlichtweg die Zeit fehlt, ehrlich zu sein. Huch. Das ist mal ein Statement. Dann haben wir anscheinend alle eine unglaublich ausgeprägte Fantasie, wenn die Erstellung von fiktiven Gründen und Ausreden schneller geht, als zur Wahrheit zu greifen. Wahrscheinlich wird ein auf die Ehrlichkeit folgender Streit oder eine unangenehme Diskussion mit in den Zeitfaktor miteinbezogen.

ein altes Paar.

Und: Die Wahrheit ist unangenehm. Wer von seinem Partner hört, dass dieser keine Lust auf Sex hat, stellt in neun von zehn Fällen die komplette Beziehung in Frage. Die beste Freundin wird angerufen, es werden auf einmal eigene Statistiken der letzten Monate aufgestellt und dann ausgewertet. Wo wir wieder beim Zeitfaktor werden. Ich stelle fest, der Kreis schließt sich.

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Also beleuchte ich mal meinen eigenen Tag. Es ist gerade 12:32 Uhr… habe ich heute schon gelogen? Ja. Ich habe eine Diskussion mit meinem Freund zu meinen Gunsten dramatisiert. Damit die Maus zum Elefanten wurde und sein schlechtes Gewissen der Lösung des Problems (nach meiner Auffassung) beitragen konnte. Unfair? Ja, keine Frage.

Oliver Hassencamp hat mal gesagt: „Wer lügt, hat die Wahrheit immerhin gedacht.“

Also, auf, auf! Es ist kein weiter Weg zwischen Denken und Sprechen. Weg von den Alltagslügen, die mittlerweile nicht mehr notgedrungen auf dem Silbertablett serviert werden, sondern aus purer Faulheit im Raum stehen. Und weil wir gut dastehen wollen. Immer für alles plausible Gründe haben und Rechenschaft ablegen wollen. Das bringt einen jeden von uns zum Kern zurück:

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Zu sich selbst zu stehen, wenn keine Lüge parat ist. Ehrlich zu sagen, dass man einfach mal keinen Bock hat, sich mit xy heute noch zu treffen. Oder als Frau zuzugeben, dass eine Auseinandersetzung doch wirklich auch mal schnell gegessen sein kann, anstatt sie durch Flunkern zu pushen.

Bei einer Sache bin ich mir übrigens ganz sicher. 200 mal lügen am Tag? Das schaffe ich persönlich aus zeitlichen Gründen nicht. Diese Zahl ist die beste Lüge überhaupt.