Karrieren verlaufen selten so geradlinig, wie Lebensläufe später wirken. Sylvia Tantzen, Head of Strategic Accounts bei Berlitz, hat in mehr als 20 Jahren zwischen IT, HR, KI, Vertrieb und Marketing mehrfach bewusst neu angesetzt. Ihr Rat: „Die eigenen Fähigkeiten nicht kleinreden und zugleich auf Bedingungen treffen, die unterschiedliche Wege überhaupt möglich machen.“ Was also können Frauen selbst beeinflussen und wo sind Unternehmen gefordert?
- Sylvia, Sie haben mehr als 20 Jahre Erfahrung in IT, HR, KI, Vertrieb und Marketing, waren Business Angel und sind heute Head of Strategic Accounts bei Berlitz. War dieser Karriereweg von Anfang an so geplant?
Nicht wirklich – und rückblickend bin ich darüber sogar sehr froh. Für mich war die Karriere nie ein gerader Weg, sondern eher die Bereitschaft, immer wieder neu zu entscheiden: Ist das hier noch der richtige Ort für mich oder ist es Zeit für den nächsten Schritt?
Ich glaube, es braucht Mut, etwas Neues anzufangen, gerade dann, wenn man merkt, dass eine Phase zu Ende geht. Ich habe mich in solchen Momenten meistens dafür entschieden, den nächsten Schritt auszuprobieren, auch wenn er nicht immer bequem oder einfach war. Ich wollte nie irgendwann zurückblicken und denken: „Ach, hätte ich damals mal …“. Gleichzeitig war mir bei allen beruflichen Stationen immer wichtig, dass zwei Dinge zusammenkommen: Das Menschliche und das Unternehmerische. Ich möchte in einem Umfeld arbeiten, in dem ich mich wohlfühle, mit Menschen, die ich schätze, und gleichzeitig Dinge bewegen können. Besonders mag ich Unternehmen, die stark nach außen denken, nah am Kunden sind und ihre Energie darauf richten, echten Mehrwert zu schaffen, statt sich zu sehr mit internen Prozessen oder Politik zu beschäftigen.
Ich bin in meiner Karriere mehrfach in komplett neue Branchen oder Themen eingestiegen. Dabei habe ich gelernt, dass die beste Vorbereitung nicht immer darin besteht, vorher schon alles zu wissen. Viel wichtiger ist, sich wirklich auf das Neue einzulassen, in der Praxis zu lernen und bereit zu sein, Dinge auszuprobieren.
Ein bisschen ist es wie beim Improtheater: Man kann nicht alles planen. Man muss anfangen, reagieren, ausprobieren und vor allem zuhören, zuhören, zuhören. Denn meistens versteht man erst im echten Austausch mit Menschen, Kunden und Teams, was wirklich gebraucht wird.
- Gibt es etwas, das Sie Frauen am Anfang ihrer Karriere heute anders raten würden als noch vor 20 Jahren?
Ich würde Frauen heute vor allem raten: Stapelt nicht zu tief. Wenn ihr etwas könnt, dann dürft ihr auch ganz selbstverständlich sagen: „Ja, das kann ich.“ Das klingt banal, ist es aber nicht. Ich glaube, viele Frauen neigen noch immer dazu, ihre eigenen Fähigkeiten eher zu relativieren, während andere sehr viel selbstverständlicher mit ihren Stärken umgehen.
Dabei geht es für mich überhaupt nicht darum, lauter zu sein als andere oder sich permanent selbst zu inszenieren. Es geht darum, die eigenen Fähigkeiten zu kennen und sie auch auszusprechen. Wenn ich etwas gut kann, muss ich nicht darauf warten, dass jemand anderes es irgendwann erkennt und für mich formuliert.
Und es gibt noch etwas, das ich heute anders sehe als vor 20 Jahren: Empathie. Lange galt gerade im beruflichen Kontext vieles, was mit Empathie, Zuhören oder Menschlichkeit zu tun hatte, schnell als „zu weich“. Heute bin ich überzeugt, dass genau darin eine enorme Stärke liegt und dass diese Stärke in einer Welt mit immer mehr KI sogar noch wichtiger wird. KI kann analysieren, automatisieren und in vielen Bereichen schneller sein als wir Menschen. Aber zu verstehen, was einen anderen Menschen wirklich bewegt, zuzuhören, Zwischentöne wahrzunehmen, Vertrauen aufzubauen und Menschen mitzunehmen das wird dadurch nicht weniger wertvoll, sondern mehr.
Deshalb würde ich jungen Frauen heute sagen: Seid stolz auf diese Fähigkeiten. Versucht nicht, euch davon etwas abzutrainieren, um vermeintlich härter oder führungsstärker zu wirken. Verbindet Empathie mit Klarheit, Kompetenz und Selbstbewusstsein. Und wenn ihr etwas könnt, dann sagt auch: „Ja, das kann ich.“
- Frauen wird häufig geraten, selbstbewusster aufzutreten und stärker für sich einzustehen. Ist es wirklich so einfach?
Nein, und ich finde diese Diskussion manchmal sogar etwas zu bequem. Wenn Frauen in Führungspositionen fehlen, kann die Antwort nicht ausschließlich lauten „Frauen müssen selbstbewusster werden“. Damit würde man die Verantwortung allein bei ihnen abladen. Unternehmen und Führungskräfte müssen genauso Strukturen schaffen, in denen unterschiedliche Persönlichkeiten, Lebensentwürfe und Führungsstile eine echte Chance haben.
Gleichzeitig gibt es natürlich Dinge, die wir selbst beeinflussen können. Dazu gehört für mich, die eigene Kompetenz nicht kleiner zu machen, als sie ist. Ich erlebe immer wieder, dass sehr qualifizierte Menschen noch die nächste Fortbildung, das nächste Zertifikat oder noch mehr Erfahrung sammeln wollen, bevor sie sich einen bestimmten Schritt zutrauen. Manchmal muss man sich aber erlauben zu sagen, dass man vielleicht noch nicht alles kann – aber ich kann genug, um diese Aufgabe zu übernehmen und den Rest zu lernen.
Das gilt übrigens nicht nur für Frauen. Gute Führung bedeutet für mich ohnehin nicht, auf jede Frage sofort eine perfekte Antwort zu haben. Viel wichtiger ist es, gute Fragen zu stellen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und am Ende Verantwortung für eine Entscheidung zu übernehmen. Selbstbewusstsein heißt deshalb für mich nicht, immer besonders laut aufzutreten. Es heißt, die eigenen Fähigkeiten realistisch einschätzen zu können und ihnen auch zu vertrauen.
- Welche Rolle haben Netzwerke für Ihre eigene Karriere gespielt?
Netzwerke haben für meine Karriere eine sehr große Rolle gespielt. Und ich schätze dabei tatsächlich ganz unterschiedliche Arten von Netzwerken – auch die klassischen Männernetzwerke. Ich wollte nie danebenstehen und sagen: „Da gehöre ich nicht hin“, sondern eher: „Dann will ich erst recht mit am Tisch sitzen.“ Gleichzeitig finde ich Netzwerke wichtig, die Frauen gezielt miteinander verbinden und Räume schaffen, in denen sie sich gegenseitig unterstützen.
Was mir allerdings an klassischem Networking manchmal schwerfällt, ist der Smalltalk. Darin bin ich ehrlich gesagt nicht besonders gut. Ich mag Gespräche, die etwas bewegen. Gespräche, bei denen ich sagen kann, was ich gerade brauche, oder bei denen mein Gegenüber offen sagt, wobei Unterstützung hilfreich wäre. Genau aus diesem Gedanken heraus habe ich auch den „Wunschtable“ gegründet. Dort kommen ganz unterschiedliche Frauen an einem Abend an einem Tisch zusammen. Jede bringt einen Wunsch oder ein konkretes Ziel mit und spricht es laut aus. Die anderen Frauen am Tisch überlegen dann: Wen kenne ich? Welche Idee habe ich? Was könnte helfen? Diese Gedanken und Kontakte werden gesammelt und weitergegeben.
Das Spannende daran ist für mich, dass allein das laute Aussprechen eines Ziels schon etwas verändert. Es wird konkreter und verbindlicher. Gleichzeitig entsteht eine große Offenheit, weil jede Person nicht nur etwas mitbringt, sondern auch etwas geben kann.
Genau das bedeutet gutes Networking für mich: nicht Kontakte zu sammeln, sondern echte Beziehungen aufzubauen, offen zu sagen, was man braucht, aufmerksam zuzuhören und genauso selbstverständlich zu überlegen, was man selbst für andere tun kann. Und wenn dabei noch viel Spaß entsteht, umso besser.
- KI verändert inzwischen auch Bewerbungen und Karriereplanung. Was sollten Frauen dabei beachten?
Ich sehe KI zunächst einmal als ein sehr hilfreiches Werkzeug. Sie kann beispielsweise dabei unterstützen, Stellenprofile zu analysieren, einen Lebenslauf kritisch zu überprüfen, Informationen über ein Unternehmen zu strukturieren oder sich auf ein Bewerbungsgespräch vorzubereiten. Gerade für Menschen, die vielleicht weniger Erfahrung mit Bewerbungsprozessen haben, kann das eine echte Unterstützung sein.
Problematisch wird es für mich dort, wo wir unsere Persönlichkeit an die Technologie auslagern. Wenn Anschreiben, Lebensläufe und Antworten durch KI immer weiter optimiert werden, besteht irgendwann die Gefahr, dass alles professionell klingt, aber eben auch sehr ähnlich. Genau dann geht das verloren, was Bewerber:innen eigentlich unterscheidet: Persönlichkeit, Erfahrungen, Haltung und manchmal auch ein ungewöhnlicher Karriereweg. Recruiter:innen suchen schließlich keine perfekte Ansammlung von Keywords, sondern Menschen, die zu einer Aufgabe und zu einem Team passen.
Auch auf Unternehmensseite müssen wir deshalb genau hinschauen. KI kann im Recruiting beispielsweise Informationen strukturieren oder passende Profile identifizieren. Sie kann aber auch bestehende Vorurteile reproduzieren, wenn die zugrunde liegenden Daten entsprechende Verzerrungen enthalten. Deshalb sollte aus meiner Sicht am Ende immer ein Mensch entscheiden. Mein Grundsatz ist relativ einfach: KI kann uns besser und effizienter machen, aber sie sollte uns nicht die Verantwortung für Entscheidungen über andere Menschen abnehmen.
- Wenn Sie einer Frau, die gerade über ihren nächsten Karriereschritt nachdenkt, nur einen Gedanken mitgeben könnten – welcher wäre das?
Ich würde einer Frau, die über ihren nächsten Karriereschritt nachdenkt, raten, zunächst einmal wirklich in sich hineinzuhören: Wann habe ich bei meiner Arbeit diese Momente, in denen ich völlig aufgehe? Was kann ich richtig gut? Was macht mir wirklich Freude? Und bei welchen Aufgaben merke ich, dass ich Energie bekomme, statt dass sie mir Energie nehmen? Diese typischen „Flow-Momente“.
Ich glaube, genau dort liegen oft die besten Hinweise für den nächsten Schritt. Und heute haben wir sogar Möglichkeiten, diese Fragen noch stärker zu challengen – zum Beispiel mit KI. Man kann seine Stärken, Interessen und bisherigen Erfahrungen einmal sehr ehrlich analysieren lassen und schauen: Welche Rollen oder Tätigkeiten könnten eigentlich zu mir passen, auf die ich selbst vielleicht noch gar nicht gekommen bin? Ich bin ein großer Freund von Weiterbildung und davon, sich immer wieder neu zu entwickeln. Aber noch wichtiger finde ich die Frage, wie man sein Leben insgesamt gestalten möchte. Für mich ist Erfolg nicht in erster Linie ein Titel oder Status. Ich möchte irgendwann sagen können: Ich habe Dinge gemacht, die mir Freude bereitet haben. Ich war dort, wo ich gebraucht wurde. Ich habe mit Menschen gearbeitet, mit denen ich etwas bewegen konnte, und ich hatte dabei auch Spaß.
Durch meine ehrenamtliche Arbeit in der Sterbebegleitung erlebe ich immer wieder, wie sehr sich der Blick auf das eigene Leben verändert, wenn plötzlich nicht mehr die nächste Position, das nächste Gehalt oder der nächste Karriereschritt im Mittelpunkt stehen. Am Ende geht es sehr oft um ganz andere Fragen: Habe ich mein Leben so gelebt, wie ich es wollte? Habe ich Zeit mit den richtigen Menschen verbracht? Habe ich etwas getan, das mir wirklich etwas bedeutet hat?
Deshalb würde ich immer empfehlen, den nächsten Karriereschritt nicht nur nach Status oder Vernunft zu beurteilen, sondern auch danach, ob man sich dort lebendig fühlt. Nichts ist auf Dauer frustrierender als ein Job, für den man nicht brennt und den man nur macht, weil man glaubt, ihn machen zu müssen.
Über Sylvia Tantzen:
Sylvia Tantzen ist Head of Strategic Accounts bei Berlitz. In dieser Funktion beschäftigt sie sich mit der strategischen Zusammenarbeit mit Unternehmenskunden und mit der Frage, wie Weiterbildung, Kommunikation und Führung in Zeiten von KI zusammenspielen. Ein Schwerpunkt liegt auf menschlichen Kompetenzen wie Empathie, Vertrauen und Urteilsvermögen.


