Downshifting: Weniger Arbeit – mehr Leben

Für die meisten Arbeitnehmer gibt es nur eine Richtung, die Karriereleiter nach oben. Höher, schneller, weiter – unter diesem Motto steht das Arbeitsleben und Karriereplanung. Das stetige Streben nach „oben“ ist nicht nur mit Stress verbunden, sondern führt nicht selten geradewegs zum Burn-out. Der neue Trend aus den USA, das Downshifting, kommt langsam aber sicher auch in Deutschland an. Immer mehr Arbeitnehmer setzen auf einen strategischen Karriererückschritt, um die eigene Lebensqualität zu steigern und dem Privatleben mehr Raum einzuräumen.

Downshifting – Work-Life-Balance als großes Ziel

Downshifting oder „Herunterschalten“ fällt vielen nicht ganz leicht. Vielleicht gehörst auch du zu denjenigen, die sich von der Karriere vereinnahmt fühlen und die eigenen Karriereziele hinterfragen. Sicherlich ist es ein mutiger Schritt und für viele Arbeitnehmer undenkbar, einen Gang herunterzuschalten und die Notbremse zu ziehen, um die persönliche Work-Life-Balance zu erzielen.

Doch Downshifting ist auch eine Chance, sich vom Stress zu verabschieden und psychischen und physischen Erkrankungen rechtzeitig entgegenzuwirken. Nicht selten ist es auch die letzte Möglichkeit, ein Burn-out-Syndrom abzuwenden. Die Arbeitsbelastung zu senken und dir dadurch neue Freiräume zu schaffen, kann sehr heilsam sein und dir völlig neue Perspektiven eröffnen.

Natürlich gibt es einiges zu bedenken, bevor du dich vom Aufstiegsgedanken verabschiedest und vielleicht sogar freiwillig einige Hierarchiestufen zurückgehst. Doch nicht nur ein bewusster Karriererückschritt kann die Lösung sein, denn auch eine völlige Neuorientierung oder eine Reduktion der Arbeitszeit sind Möglichkeiten, um die gewünschte Work-Life-Balance zu erreichen.

Vielfältige Gründe sprechen für Downshifting

Die Belastung im Arbeitsleben ist vielfältig und ebenso vielfältig sind die Gründe für Downshifting. Bemerkenswert ist, dass Frauen häufiger das Gefühl haben, dass sie die Arbeit krank macht. Doch auch immer mehr Männer können dem rasanten Tempo im Job kaum mehr standhalten oder sehnen sich danach, auch Zeit für das Privatleben zu haben. Bei Arbeitsstunden von offiziell 40 Stunden kommen häufig noch zahlreiche Stunden hinzu. Auch Konflikte im Team, Weiterbildungen und Termindruck können zu psychischen und physischen Erkrankungen führen.

Wenn auch du das Gefühl hast, dass dein Leben nur noch aus Arbeit besteht und du vielleicht sogar eine Doppel- oder Dreifachbelastung aus Job, Haushalt, pflegebedürftigen Angehörigen oder Kindern hast, dann wird dich nicht wundern, dass immer mehr Menschen auf Downshifting setzen. Natürlich ist jede Lebenssituation individuell zu betrachten und ein Patentrezept gibt es natürlich nicht. Individuelle Lösungen sind jedoch gefragt wie noch nie.

Ein Pilotprojekt in schwedischen Unternehmen zeigt zum Beispiel, dass Arbeitnehmer in der Regel sechs Stunden konzentriert arbeiten. An Produktivität stehen die Sechs-Stunden-Arbeitstage einem acht Stunden Tag in nichts nach. Jedoch bringt die verkürzte Arbeitszeit zahlreiche Vorteile mit sich, die sowohl für den Arbeitnehmer als auch das Unternehmen positiv sind. Folgende Vorteile haben sich bei dem Pilotprojekt herauskristallisiert:

  • Verbesserung der Work-Life-Balance
  • Optimierung der Produktivität
  • höhere Leistungsbereitschaft
  • geringere Fehlzeiten
  • größere Mitarbeiterbindung durch Identifikation mit dem Arbeitgeber
  • Verbesserung der psychischen und physischen Gesundheit
  • Steigerung der Leistungsfähigkeit durch längere Erholungsphasen
  • besseres Betriebsklima
  • und viele mehr

Das Pilotprojekt zeigt deutlich, dass beide Seiten von Sechs-Stunden-Arbeitstagen profitieren. Besonders bemerkenswert: Die Erwartungen an das Pilotprojekt wurden nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen. Letztlich blieb die Produktivität bei sechs Stunden nicht nur gleich gegenüber acht Arbeitsstunden, sondern wurde sogar durch die geringere Arbeitszeit erhöht.

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Downshifting – mehr als nur ein Trend

Während ein Teil unserer Gesellschaft weiterhin der Karriere nachjagt, gibt es immer mehr Menschen, die downshiften und somit Self-Care der besonderen Art betreiben. Eine Verkürzung der Arbeitszeit ist nicht nur älteren Arbeitnehmern vorbehalten, denn auch du kannst durch Downshifting deine Lebensqualität erhöhen. Besonders wenn du Lebensqualität über materielle Werte stellst, kann Downshifting durchaus der richtige Schritt für dich sein. Die Karriereziele zu canceln und auf Lebensqualität und Zeit zu setzen, ist letztlich ein einschneidender Schritt. Viele Downshifter sind selbst erstaunt, wie sich ihr Leben verändert hat und erkennen sich oftmals selbst kaum wieder. Häufig weicht der einstige Stress und anstelle von Druck haben Downshifter plötzlich wieder Spaß an ihrer Arbeit.

Downshifting - Work-Life-Balance

Die häufigsten Gründe, die Arbeitnehmer zum Downshifting bewegen:

• Hohes Stresslevel

Mit Erreichen höherer Positionen steigt auch die Verantwortung und der Druck. Stress und die Einsamkeit steigen von Hierarchieebene zu Hierarchieebene weiter an. Dies führt zu einer psychischen Dauerbelastung, die nicht selten zu Burn-out führt.

• Gesundheitliche Probleme

Sowohl physisch als auch psychisch hinterlassen ein hohes Arbeitsaufkommen und ein ständiger Erfolgsdruck seine Spuren. Die hohen Belastungen sorgen dafür, dass seit einigen Jahren Erkrankungen wie Burn-out und Depressionen aufgrund der Überlastung häufen.

• Generelle Unzufriedenheit

Je nach Berufsfeld geht der Aufstieg mit völlig neuen Aufgaben einher. Oft fallen gerade Tätigkeiten weg, aufgrund derer der Beruf gewählt wurde. Dies kann zu steigender Unzufriedenheit führen. Oft weicht die einstige Leidenschaft einer gewissen Frustration.

• Veränderung der persönlichen Werteskala

Im Laufe des Lebens ändern sich die eigenen Werte. Wer in jungen Jahren noch den Fokus auf die Karriere gelegt hat, kann mit zunehmendem Altem häufig dem Erfolg nicht mehr ganz so viel abgewinnen. Oft wird festgestellt, dass der Beruf so präsent war, dass Familie, Freunde und Hobbys in den Hintergrund rücken mussten.

Karriere oder Work-Life-Balance – diese Punkte solltest du bedenken

Wenn du dich in der Situation befindest, dass du mit dem Gedanken spielst, weniger zu arbeiten, dann gibt es natürlich einiges zu berücksichtigen. Wir alle kennen den Teufelskreis aus Konsum und finanzieller Zwangsjacke. Dennoch kann es sinnvoll sein, einen Mittelweg zu finden. In erster Linie solltest du dir überlegen, ob dir Geld oder Lebenszeit wichtiger ist. Fällt die Entscheidung auf Lebenszeit, dann solltest du dir einen Überblick über deine Finanzen verschaffen und vor allem die monatlichen Kosten genauer unter die Lupe nehmen. Überlege, ob das luxuriöse Auto wirklich benötigt wird, ob deine Wohnung eventuell zu groß ist, welche Kosten du tatsächlich hast und was für dich unverzichtbar ist. Hast du erst einmal eine Übersicht, dann weißt du, was du mindestens verdienen musst. Dies sollte dann auch Grundlage deiner Überlegungen sein. Denn es gibt nicht den einen Weg, sondern Downshifting kann viele Gesichter haben und so gilt es die passende Variante für dich zu finden.

Selbstreflexion und Ehrlichkeit

Bevor du dich entscheidest, den einschneidenden Schritt zu tun und dich für Downshifting entscheidest, solltest du erst einmal eine Bestandsaufnahme machen und dich offen und ehrlich mit dir selbst und deiner aktuellen Situation auseinandersetzen. Sicherlich ist es nicht immer leicht zu reflektieren. Jedoch führt hier kein Weg vorbei. Du solltest ergründen, woher deine Unzufriedenheit rührt. Ist es wirklich deine Arbeit an sich, ist es das Arbeitsumfeld, bist du einfach mit dir selbst nicht im Reinen oder beruht deine Unzufriedenheit auf deinem Privatleben? All dies gilt es zu ergründen und für dich selbst zu beurteilen. Schau dir genau an, wo du aktuell stehst.

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Benenne deine Ziele

Wenn du erst einmal weißt, wo du stehst und warum du mit deiner aktuellen Situation unzufrieden bist, dann geht es an die Zielsetzung. Hierbei geht es nicht darum, einfach zu sagen, es soll anders werden. Wichtig ist es, deine Ziele klar zu formulieren. Werde dir darüber klar, dass Downshifting kein Rückschritt ist, auch wenn dies vielleicht dein Umfeld anders sieht. Karriere bedeutet eigentlich nur Laufbahn oder Fahrweg und hat nichts mit Nach-oben-steigen zu tun. Auch ein geplanter Ausstieg aus deiner bisherigen Karriereplanung kann für dich persönlich ein klarer Fortschritt sein. Du solltest auf folgende Fragen Antworten finden und diese ganz klar formulieren. Nimm dir ein Blatt Papier und halte die Antworten auf die Fragen, die wir für dich zusammengestellt haben, fest.

  • Was möchte ich zukünftig verändern?
  • Was möchte ich im Leben erreichen?
  • Worin liegen meine Stärken?
  • Was macht mich wirklich glücklich?
  • Bringt mich meine aktuelle Anstellung meinen Zielen näher?
  • Was kann mich wirklich begeistern?
  • Für was möchte ich mir mehr Zeit nehmen?
  • Was kann ich in näherer Zukunft ändern, um meine persönlichen Ziele zu erreichen?

Hast du dich intensiv mit den Fragen auseinandergesetzt, erhältst du Klarheit darüber, ob du einfach weniger arbeiten möchtest, du dein Aufgabenfeld verändern möchtest oder vielleicht einen komplett neuen Weg gehen möchtest.

Treffe eine klare Entscheidung

Wenn du dich dazu entschließt, deine Arbeitszeit zu reduzieren, dich für eine niedrigere Position zu bewerben oder gar ganz neue Wege zu beschreiten, dann musst du darauf gefasst sein, dass dies von Personen in deinem Umfeld in Frage gestellt wird. Deshalb ist es wichtig, dass du eine Entscheidung triffst, hinter der du auch wirklich stehst. Hilfreich ist es auch, sich vorher bei Familie und im Freundeskreis entsprechenden Rückhalt zu sichern. Wenn deine Familie und deine Freunde hinter dir stehen und dich bestärken, dann ist dies optimal. Mit dem nötigen Rückhalt ist es auch einfacher, sich Kritikern zu stellen und sich keine Selbstzweifel einreden zu lassen.

Downshifting – vielfältige Möglichkeiten, einen Gang zurückzuschalten

Reduzierung der Arbeitszeit

Eine der gängigsten Varianten des Downschiftings ist die Reduzierung der Arbeitszeit. Teilzeit muss nicht unbedingt bedeuten, auf 20 oder gar 15 Wochenstunden zu reduzieren, häufig reicht es auch aus, aus einer 40-Stunden-Woche eine 35- oder 30-Stundenwoche zu machen. Egal ob du die tägliche Arbeitszeit reduzierst oder einfach aus der 5-Tage-Woche eine 4-Tage-Woche machst, letztlich ist jede Art der Reduzierung ein Gewinn an frei verfügbarer Zeit, die du in Familie, Freunde, Hobbys oder in eine deiner Leidenschaften investieren kannst. Bei der Wahl der reduzierten Arbeitszeit musst du natürlich auch die finanziellen Einbußen im Auge behalten. Viele Downshifter, die ihre Position behalten, setzen auf eine 30-Stunden-Woche. Welche Arbeitszeit für dich optimal ist und welche finanziellen Auswirkungen die Reduzierung der Arbeitszeit hätte, musst du individuell klären.

Rolle rückwärts

Wenn es dir weniger um die Arbeitszeit an sich geht, sondern weniger Verantwortung tragen zu müssen, dann kannst du von der Führungsposition wieder zurück in deine Tätigkeit als Fachkraft wechseln. Dies ist in der Regel mit weniger Stress und Druck verbunden. Wenn dir die Arbeit nicht mehr ganz so viel abverlangt, gelingt es dir leichter, nach der Arbeit abzuschalten und das Leben zu genießen. Während die Reduzierung der Arbeitszeit meist problemlos wieder rückgängig gemacht werden kann, ist der Schritt, den Führungsposten aufzugeben, meist nicht mehr so einfach rückgängig zu machen.

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Home-Office – eine attraktive Alternative

Auch Home-Office-Tage oder eine fast vollständige Verlagerung der Arbeitstage ins Home-Office können eine gute Alternative sein. Auf der einen Seite sparst du dir die Fahrzeit zum Unternehmen und auf der anderen Seite lässt sich so der Arbeitstag häufig flexibler planen. All dies kann für mehr Freizeit sorgen.

Temporäre Auszeiten

Auch Sabbatical, Bildungsurlaub oder einfach ein längerer unbezahlter Urlaub können interessante Varianten sein, um einfach mal dem Stress und Druck zu entfliehen. Wenn du das Gefühl hast, dass einfach deine Akkus leer sind und du dich nach einer längeren Pause sehnst, kann dies ein guter Weg sein. Der Vorteil: Du hast Zeit dich zu sammeln und kannst nach der Auszeit wieder in deinem bisherigen Job einsteigen.

Komplette Neuorientierung

Vielleicht möchtest du aber auch komplett neue Wege gehen und eventuell in einem neuen Tätigkeitsfeld von Null beginnen. Auch dies ist eine Variante, die Sinn machen kann. Wenn du zum Beispiel die Möglichkeit hast, deine Leidenschaft zum Beruf zu machen, kann dies dafür sorgen, dass du dich wieder wohler fühlst und deinem Leben eine neue Richtung gibst.

Downshifting-Bewerbung – darauf solltest du achten

Wenn du dich im Sinne des Downshiftings beruflich verändern möchtest, dann kannst du natürlich die Arbeitszeit in deinem aktuellen Job reduzieren oder vielleicht innerhalb des Unternehmens ein neues oder dein vorhergehendes Arbeitsfeld übernehmen. Ist dies nicht möglich, dann bietet nur ein Jobwechsel einen Ausweg. Bei einer Bewerbung um eine neue Position, die sich unterhalb deines aktuellen Positionslevels befindet, liegt die Herausforderung darin, denn Wunsch nach Downshifting glaubhaft zu untermauern. Oft kommt es zu Ablehnungen mit der Begründung, dass eine Überqualifizierung vorliegt. Damit die Bewerbung um eine Stelle mit weniger Verantwortung, kürzeren Arbeitszeiten und weniger Gehalt Früchte trägt, empfehlen wir, dir Ehrlichkeit walten zu lassen.

Kläre potenzielle Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch über deine Beweggründe auf. Stelle die Belastungen mit Überstunden und Co heraus und erkläre, dass du gezielt eine Stelle gesucht hast, die deinen Kenntnissen und Fähigkeiten entspricht und dennoch ausreichend Freiräume lässt, damit du deine Work-Life-Balance verbessern kannst. Erkläre, dass du mehr Zeit für die Familie reservieren möchtest oder mehr Freizeit möchtest, um dich deiner persönlichen Entwicklung zu widmen.

Auch wenn du komplett neue Wege gehen möchtest und dich gezielt nach einer neuen Tätigkeit umsiehst, solltest du untermauern, dass du dich bewirbst, weil du wieder Freude an deiner beruflichen Tätigkeit haben möchtest. Willst du im Unternehmen einen Schritt zurückgehen, kannst du ebenso argumentieren und klarmachen, dass für dich der Rückschritt eine logische Konsequenz ist, da sich deine persönlichen Prioritäten verschoben haben und du deshalb deine Arbeitszeit reduzieren möchtest oder einfach wieder die Grundlagen des Jobs deinen Arbeitsalltag bestimmen sollen. Wichtig ist, dass du hinter deiner Entscheidung stehst, denn dann kannst du jedem Personaler gegenüber deine Entscheidung begründen.

Unser Fazit

Auch wenn Downshifting bei uns noch nicht wirklich angekommen ist, so gibt es bereits zahlreiche Downshifter, die positiv über ihre Erfahrungen äußern. Fast alle berichten, dass sie sich wohler fühlen und das Burn-out in weite Ferne gerückt ist. Gerade die Gesundheit profitiert von einer guten Work-Life-Balance und so wundert es nicht, dass Downshifting im Anglo-Amerikanischen Raum weit verbreitet ist. Doch auch in unseren Breiten findet langsam ein Wandel statt und so wird sich auch auf unserem Arbeitsmarkt früher oder später das Karrierebild wandeln.

 

Fotos: New Africa, pixelfreund / stock.adobe.com