Eine, die alles kann – Strumpfhosen von seriös bis verführerisch
Eine, die alles kann – Strumpfhosen von seriös bis verführerisch

Kaum ein Kleidungsstück der Damenmode ist stilistisch so vielseitig wie Strümpfe oder Strumpfhosen. Kaum eines lässt sich mit seiner beinahe unendlichen Fülle an Farben, Mustern und Designs wahlweise so spielerisch und elegant kombinieren. Mit einer Strumpfhose ist die Frau angezogen und zeigt dennoch Bein, Strümpfe sind federleicht und wärmen doch.

Am Anfang war Robin Hood

Dabei ist die Strumpfhose ein noch sehr junges Stück der Damenmode. Und dazu noch eines der wenigen, das Frauen aus der Herrenmode übernommen haben. Heute lachen wir über Robin Hood und seine Männer in Strumpfhosen. Tatsächlich trifft dieser Chic die historische Wahrheit. Die Männer waren es im Mittelalter, die zu Rock und Wams als frühen Vorläufer der Strumpfhose ihre Beine mit anschmiegsamer Mode präsentierten – wenngleich eher nicht im Sherwood Forest, sondern eher in der höfischen Umgebung von Nottingham Castle. Wer es sich leisten konnte, aus Seide, sonst eher aus gröberem Gewirk. Die Beine der Damen dagegen waren für den öffentlichen Blick absolut tabu und verbargen sich unter langen Kleidern.

Wie Strumpf und Unterhose zusammenwuchsen

Dagegen wurden die Röcke der Herren immer kürzer. Schließlich sorgten sie mit ihrem Beinkleid in Kombination mit allzu kurzen Röcken für öffentliches Ärgernis. So beklagt eine Mainzer Chronik von 1376, dass die Röcke „weder Schamteile noch Hintern bedecken“. Daher setzte es sich durch, die Strümpfe über das Gesäß zu ziehen und an der damals noch recht provisorischen Unterhose anzunesteln – so wurde langsam ein einheitliches Kleidungsstück daraus. Aus dem späten 16. Jahrhundert ist aus England auch die erste maschinelle Fertigung solcher Strümpfe überliefert.

Schlecht gekleidete Männer revolutionieren die Modewelt

Gut 200 Jahre tobte in Paris die Französische Revolution. Und Chef-Ideologe Robespierre rekrutierte massenhaft Matrosen und Hafenarbeiter aus Marseille ins aufrührerische Paris. Die brachten nicht nur die bis heute gültige Nationalhymne mit, sondern auch eine recht grobschlächtige Mode. Ihre knöchellangen Hosen bildeten einen krassen Widerspruch zu den mit Strümpfen getragenen Kniebundhosen des Adels und gehobenen Bürgertums, den sogenannten Culottes. Im schon damals modebewussten Paris nannte man die schlagkräftigen Revolutionswächter daher abschätzig „Sansculotten“ – die ohne Kniehosen. Doch wer sich nicht als offensichtlicher Konter-Revolutionär unter der Guillotine wiederfinden wollte, passte sich optisch an. So revolutionierten die schlecht gekleideten Proletarier auch die Modewelt. Die eleganten Strümpfe verschwanden dauerhaft aus der Herrenmode. Dafür entdeckten sie die von der Revolution auch modisch befreiten Frauen für sich.

Von der Femme Fatale zum Fräuleinwunder

Doch zu dem, was wir heute als Feinstrumpfhose kennen, war es noch ein weiter Weg. Hauchdünne Seidenstrümpfe waren für die Masse unerschwinglich – und die reine Naturfaser schmiegt sich auch nicht hauteng an, sondern wirft Falten. Auch wenn Männer die Dinger nicht mehr trugen, so weckten sie doch an den Beinen der Frau männliche Begehrlichkeiten. Marlene Dietrich etwa wurde als hauteng bestrumpfter „Blauer Engel“ (1930) zum Inbegriff der Femme Fatale. Den Weg zur Feinstrumpfhose ebnete die Erfindung der elastischen Chemiefasern Perlon der IG Farben in Deutschland (1938) und Nylon des US-Riesen DuPont (1939). Der 16. Mai 1939 geriet in den USA zum N-Day. Innerhalb von nur vier Tagen wurden vier Millionen Paar Nylons an eine gierige Frauenmasse verkauft. Ein paar Jahre später waren Nylons im kriegszerstörten Deutschland als Parallelwährung genauso wertvoll wie Zigaretten. Nicht jeder konnte sich welche leisten. „Miss Fräuleinwunder“ griff auch gerne zu Flüssigfarbe für die Beine – die „Naht“ auf der Rückseite malte frau sich mit einem Kajalstift einfach auf.

Von der industrielen Massenfertigung zum nahtlosen Chic

Ein Problem der industriellen Massenfertigung von Strumpfhosen indes war technisch noch nicht gelöst: die maschinelle Fertigung mit Zwickel. Das gelang erstmals 1959 der US-Firma Glen Raven mit ihrer panty hose. Der modische Siegeszug des Minirocks führte dazu, dass die auch am Unterleib blickdichte Strumpfhose die Strümpfe mit Haltern verdrängte. Denn freier Blick auf den Schlüpfer – das war dann doch zu liberal. Allerdings wollten zu dieser Zeit immer weniger Frauen Strumpfhosen mit Bein-Naht haben. Einst irgendwie verrucht, war die Naht plötzlich out. Die nahtlose Fertigung erforderte bei der Industrie eine teure Umstellung auf neue Maschinen. Zur gleichen Zeit verabschiedete sich die Strumpfindustrie weitgehend von dem Wunsch, Strumpfhosen noch einmal in der Männermode etablieren zu können. Ein Gutachten des renommierten Herstellers Kunert kam 1959 zu dem Schluss: „Ein solches Kleidungsstück wirkt auf die meisten Männer ausgesprochen abstoßend.“ Allein die Vorstellung, ein Nachbar könnte so etwas an der Wäscheleine sehen, sei für Männer grauenhaft.

Eine, die alles kann – von seriös bis verführerisch

Doch auch in der Damenmode erlebten Strumpfhosen einen Einbruch, von dem sie sich nie erholten. In den 70ern griffen auch die Frauen immer öfter zur lässigen Jeans. In den 80ern mit Aufkommen des Punks und New Wave starteten Designer und Hersteller eine Modeoffensive. Strumpfhosen kamen in aggressiven Farben, knallbunt, gepunktet, gestreift oder mit Paisley-Muster. Darüber gezogene Netzstrumpfhosen betonten eine provokative Note. Heute trägt zwar nicht mehr jede Frau täglich Strumpfhose – ein unverzichtbarer Alleskönner für jeden Anlass und jede Kleidungslaune ist sie aber geblieben und wird es immer sein. Ob blickdicht schwarz für den seriösen Auftritt, mit Rücknaht für den verführerischen Abend oder in kräftigen Farben oder Mustern für ein ganz individuelles Outfit.

 

Foto: CC0 Public Domain