#R.I.P. – Das Phänomen der Trauer via Social Media

#R.I.P. – Das Phänomen der Trauer via Social Media

#R.I.P. – Das Phänomen der Trauer via Social Media

Michael Schumacher liegt im Koma. Mittlerweile keine neue Nachricht. Jedes Mal, wenn der Name in einer Schlagzeile aufblitzt, rutschen wir nervös auf unseren Stühlen herum. Weil wir mitfiebern, weil wir hoffen und weil ein Unfall oder der Tod eines Prominenten immer ein bisschen aufwühlt. Warum ist das so?

Es hat wohl jeder mitbekommen, wie viele prominente Menschen letztes Jahr von uns gegangen sind. Lou Reed und Paul Walker sind nur zwei, um die weltweit getrauert wurde.
In Zeiten der sozialen Medien läuft das mittlerweile immer gleich ab:
Jemand stirbt oder – wie in Schumachers Fall – ringt mit dem Tod. Hier und da wird schon mal pro forma ein peinlicher Nachruf verfasst, weil einfach schlecht oder gar nicht recherchiert wurde. Dann gibt es bei Twitter oder der Timeline von Facebook zig Kondolenzbekundungen zu lesen oder man postet Videos und Fotos mit immer denselben Sprüchen. Es ist ein absolutes Internetphänomen geworden, im ganz großen Stil von Prominenten Abschied zu nehmen. Und dann, dann kommt die Wende, auch bekannt als Shitstorm: Sich selbst dazu berufene Weltverbesserer zetteln eine negative Verbalwelle voller Verurteilung an. Der beliebteste Satz lautet:
Wie kann man nur um XY trauern, wenn in Afrika jeden Tag so und so viele Kinder sterben.

Schwieriges Thema. Und doch irgendwie so leicht. Warum trauern wir um prominente Menschen? Weil wir uns mit manchen von ihnen identifizieren. Weil sie Idole für uns sind oder waren. Weil wir heimlich in sie verknallt sind. Weil wir das Gefühl haben, durch ihre Arbeit eine Beziehung zu ihnen aufgebaut zu haben – obwohl wir sie persönlich überhaupt nicht kennen. Und das ist der Punkt! Wir denken, wir kennen sie. Und deswegen kommt die Trauer automatisch.

Dabei ist es nicht so, dass man beispielsweise die Kinder aus Afrika vergisst (mal abgesehen von den Menschen, die sowieso nie einen Gedanken an sie verschwenden). Ich finde, dass man das einfach nicht vergleichen kann. Die gleichbleibenden Probleme weltweit sind nichts Neues. Ich kann nicht jeden Tag jede Schreckensmeldung, jede neue Statistik, jeden einzelnen Tod eines Kindes oder Menschen auf dieser Erde in mir aufsaugen und betrauern. Da bleibt mein eigenes Leben komplett auf der Strecke. Wir würden daran zugrunde gehen, ganz klar. Und nur, weil man ein oder zwei Mal im Jahr um einen Prominenten trauert oder endlich seine Biografie liest, heißt das nicht automatisch, man sei herzlos und lediglich promi-geil.

Im Umkehrschluss heißt es für mich auch nicht, dass ich die allgegenwärtige Trauer über verstorbene oder im Koma liegende Prominente gutheiße. Ich persönlich mache mir lieber im Stillen Gedanken zu jedem Einzelnen. Und verurteile mich nicht dafür, dass ich bei der Trauerfeier um Michael Jackson Sturzbäche geweint habe und 10 Minuten nach der Meldung von Whitney Houstons Tod ihr letztes Best-of Album gekauft habe. Ich bin mir dabei vollkommen bewusst, dass ich in die kommerzielle Ausbeutungsfalle der Industrie getappt bin. Aber es ist mir egal. Weil ich meine Emotionen nicht kontrollieren kann und ehrlich gesagt auch nicht will.

Ich trauere, um wen ich will. Und um den einen zu weinen, heißt nicht, dass ich um den anderen nicht weine. Es kriegt einfach nur nicht jeder mit, was mich in meiner Freizeit beschäftigt und welche Organisation ich unterstützte.
Wenn mich also erschüttert, dass Schumacher im Koma liegt, heißt es nicht, dass ich nicht geweint habe angesichts der Armut, die ich schon live erlebt habe. Es heißt nur, dass ich mich daran erinnere, als Kind eine Ziel-Flagge gebastelt zu haben, um ihn jeden Sonntag vor dem Fernseher anzufeuern.

Wir haben alle den gleichen Wert. Nur manche von uns haben das Glück (oder Unglück), ein weltweites Vorbild geworden zu sein. Und um deren Verlust darf man trauern – wenn es unbedingt sein muss via Social Media.
 

Foto: „Candles“ von Menashri via flickr.com, cc-by-sa 2.0

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