Kolumne: Strawberry and Cream

Kolumne: Strawberry and Cream

by Umut Akcay

Kolumne: Strawberry and Cream

Manchmal mag es den Anschein haben, als ob Amor gleich einer verkrüppelten Taube ziellos und wirr durch die Gegend humpelt. Geht man davon aus, dass eben dieser Plagegeist nicht in der Lage ist die “perfect matches” im 21. Jahrhundert zu kreieren, greift so manch einer in falscher Hoffnung zum Amor der modernen Cyberwelt, zu Tinder. Denn schließlich ist Tinder für seine Superlikes bekannt, und abgesehen davon bedarf es keinen Pfeil und Bogen, ein einfaches nach rechts oder links “swipen” (dt. wischen) genügt bereits. Eine wohl eher friedliche Lösung der ganzen Verkupplungsdramatik für die einsamen Pazifisten unter uns.

So verlieren peinliche, erzwungene und vor allem inszenierte Dates vonseiten Dritter an Bedeutung. Sicherlich hat ein Jeder von uns mindestens einmal in seinem Leben den Satz “Ich kenne da jemanden, der perfekt zu dir passen würde.”, gehört. Selbst in diesem Fall hat Amor seine Lakaien, die dem bunten Liebesspiel (wenn auch ungefragt) nachhelfen möchten. Es stellt sich jedoch die Frage, ob diverse Lakaien von Amor und Plattformen, die als Schwarzmarkt der Singles fungieren, denn auch für die Liebe greifen und ihren Zweck erfüllen. Eine kurze Flucht aus dem Alltag und der damit verbundenen Einsamkeit mag es womöglich erzielen, jedoch ist die Treffsicherheit nicht garantiert. Denn so schnell es auch aus dem Alleinsein heraushilft, eben genauso schnell verfällt man wieder in die eigenen Gedanken und begibt sich erneut auf die Suche nach der anderen Hälfte.

Auch Tinder irrt sich hin und wieder und muss ähnlich wie Maschinen, die irgendwann menschliche Arbeitskräfte ersetzen sollen, gewartet werden. Elitepartner wäre eine Alternative, doch sich von Statistiken und der virtuellen Version Amors verkuppeln zu lassen, klingt nun wirklich nicht so schön wie eine schicksalhafte Begegnung im Supermarkt.

Also ab ins echte Leben und raus aus der Cyberwelt. Doch wie stellst du es nun an? Lässt man sich ansprechen oder ergreift man die Eigeninitiative? Als gestandene Frau möchte man doch ein klein wenig seinem Glück auf die Sprünge helfen. Scheiß auf Amor! Nimm selbst Pfeil und Bogen in die Hand, wie es einst den Amazonen nachgesagt wurde. Moment mal, waren das nicht die ewigen Singles in der Mythologie? Ja, möglicherweise bist du einfach nur eine Amazone. Vielleicht ist das der Fehler in der Matrix und du bist einfach nur du die Lücke im System, der Topf ohne Deckel, ja tatsächlich ein Wok. Der berühmt berüchtigte Wok, der eben kein Gegenstück oder Deckel hat. Der Einzelgänger unter dem Küchenequipment.

Während du dir Gedanken dieser Art machst, vergnügen sich die Tauben bereits gurrend in der kalten Jahreszeit und sind schuld daran, dass deine Augenringe, dank schlafloser Nächte, mittlerweile bis zu den Kniekehlen reichen.

Deine Klassenkameraden aus der Grundschule sind verheiratet und freuen sich wahnwitzig über den Wurf des siebten Kindes, der unmittelbar ansteht und strotzen vor Stolz auf einer verwandten “sozialen Plattform”, nämlich auf Facebook. Alles kann, darf und vor allem muss mitverfolgt werden. Das erste Ultraschall, das gemeinsame Gruppenbild beim Schwangerschaftsyoga (in das alle nun rennen, da es verdammt nochmal obligatorisch geworden ist), die Posts der ersten Schwangerschaftssymptome und natürlich das erste zerknautschte Bild des Neugeborenen unmittelbar nach der Entbindung. Selbst wenn der Nachwuchs nun das Licht der Welt erblickt hat, ist nicht Schluss mit dem ganzen Dokumentationstheater. Nein, nein. Erst jetzt geht es richtig los. Der erste Schnappschuss des kleinen Menschen auf dem Töpfchen, die gigantische und farbenfrohe Wundertüte zur Einschulung sowie die erste Geburtstagstorte werden zur Schau in der Online-Galerie vorgeführt.

Unterdessen bist du damit beschäftigt Amor und seine Lakaien zu verfluchen und darfst dir als Soundtrack die musikalische Untermauerung der Tauben dazu anhören. Der Balztanz ähnelt einem nicht enden wollenden und ewig währenden Walzer. Was antwortet man nun als ewiger Junggeselle bei Familienfeiern auf die obligatorischen Fragen?

“Wieso trägst du noch keinen Ring? Weißt du denn schon, dass die biologische Eieruhr längst angefangen hat zu ticken? Beziehungen sind keine Wegwerfware, man muss an ihnen arbeiten und sie reparieren, wenn sie einen Riss haben. Bist du dir dessen bewusst? Und was war denn mit deinem letzten Partner nicht in Ordnung? Ich finde ja, dass du zu wählerisch bist! Weißt du, mit der Jungfräulichkeit verhält es sich wie mit den Löchern im Ohrläppchen. Wenn du lange Zeit ohne Ohrring durch dein Leben schreitest, dann brauchst du dich auch nicht zu wundern, wenn es sich wieder schließt.”

Dezent geschockt und leicht irritiert sitzt du nun da und denkst an dein biologisches Zeitfenster, was sich nun der unwiderruflichen Verriegelung widmet. Du hast keine Antworten, denn alles geschieht schnell, viel zu schnell. Ähnlich wie in einem Verkehrsunfall kannst du nichts Weiteres tun, als dich der Gewalt der Schwerkraft und den physikalischen Gesetzmäßigkeiten zu fügen. Schließlich meinen es ja Oma, Mutter, Tante und Cousine nur gut mit dir! Nur die Ruhe bewahren.

Plötzlich scheint eine Zwangsheirat doch das kleinere Übel zu sein, immerhin müsstest du dich dann nicht dem Kreuzverhör stellen. Nach kurzem Abwägen verwirfst du dann doch die Idee. Schließlich ist sie nicht gerade zeitgemäß und passt so ganz und gar nicht zu einer modernen emanzipierten Frau des 21. Jahrhunderts. Denk an Alice! Ja, Alice ist ein gutes Vorbild. Nein, nicht die aus dem Wunderland, sondern die Schwarzer. Gut BHs verbrennen musst du nun wirklich nicht, könnte auf Dauer etwas kostspielig sein. Doch den Fragenkatalog und die Oma, die den Stein ins Rollen gebracht hat, die könntest du gleich mit verbrennen. Gut, man muss nicht gleich so radikal sein, den Fragenkatalog kannst du einfach in die Schublade stecken. Schließlich verbrennt man Bücher nicht. Die phantasierte Hexenjagd hingegen, muss noch geplant werden. Vielleicht könnte man auch ein Exempel für alle Singlefrauen da draußen statuieren. Eine Veranstaltung auf Facebook muss erstellt werden, am besten öffentlich, damit die Botschaft sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Ok, Schluss mit dem inneren Monolog. Einen Brand zu setzen ist ja spätestens seit Kleists “Michael Kohlhaas” mit negativen Konsequenzen verbunden.

Natürlich ist die Familie nicht das Einzige, was dich stets an deine menschliche Inkompatibilität erinnert, sondern auch die Gesellschaft und der Einzelhandel. Für Paare ein Segen und für Singles die Hölle auf Erden. Der Valentinstag! Rote Rosen, Pralinen in Herzform, Luftballons und natürlich noch die neue Kreation von Baileys für glückliche Paare am Valentinstag. “Strawberry and Cream”. Als ob die Liebesgaben nicht ausreichen würden, muss nun auch der Alkohol den Liebenden dienen. Das geht nun wirklich zu weit, das Trostpflaster der Singles nun ebenfalls mit der Kommerzschnulze zu besudeln, ist wirklich nicht fair. Na dann mal zum Wohl! Was nun? Ansprüche runterschrauben und den Nächstbesten, getreu dem Motto “Liebe deinen Nächsten”, nehmen? Das klingt gänzlich falsch und spricht gegen all das, was uns Hollywood und Walt Disney weismachen möchte. Frau kann doch keinen Troll oder empathielosen Hydranten an ihre Seite lassen. Es ginge schon, nur glücklich macht’s nicht. Eine Bewerbung beim Fernsehformat “Der Bachelor” ist auch irgendwie entwürdigend. Denn welche Frau ist stolz darauf, wie eine Herde Hyänen über einen Mann herzufallen?

Ein kleiner Tipp am Rande. Abwarten und Tee trinken klingt zwar nicht so dekadent, aber ist die beste Lösung. Nun gut, es muss ja kein Tee sein. Eine Flasche Champagner tut es auch zur Not.

Ob Amor nun aushelfen will oder nicht, im schlimmsten Fall wird halt selbst zu Pfeil und Bogen gegriffen. Nun heißt es „selbst ist die Frau“, denn denke stets daran:

So schlag Amor und seinen Lakaien Pfeil und Bogen um die Ohren,
denn eine Amazone gibt die Liebesschlacht längst nicht verloren!

 

Umut Akcay

Umut Akcay

Umut, vom Bosporus ab ins idyllische Heidelberg, wo er sich dachte, er könne ja mal Germanistik studieren. Er kennt mehr Worte, als Langenscheidts komplette Enzyklopädie. Kaum jemand nimmt sich so oft selbst auf die Schippe und ist dabei gleichzeitig noch so zurückhaltend selbstkritisch.

 

Fotos: Colin Anderson / Getty Images; Umut Akcay privat

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