Kolumne: Rolex-Peter und Louis-Vuitton-Wendy

Kolumne: Rolex-Peter und Louis-Vuitton-Wendy

by Umut Akcay

Kolumne: Rolex-Peter und Louis-Vuitton-Wendy

Zu Zeiten von Selbstoptimierung und unersättlichem Streben nach Perfektion gilt das Rasten oder Pausieren als fatal und wird schnell bestraft. Es scheint keine Zeit für Pausen gegeben zu sein und somit schwindet das Gefühl von Freiheit und Schwerelosigkeit mit zunehmendem Alter. Während einst Regenbögen und Marienkäfer völlig ausreichend waren, uns ein Lächeln in das Gesicht zu zaubern, braucht es heute einiges mehr um eben besagte Mimik auch nur ansatzweise hervorrufen zu können. Denn das nächstgrößere Gefühl von Erfolg wartet bereits sehnsüchtig auf uns und muss lediglich aktiviert werden. Doch eben dazu benötigt es die Setzung eines persönlichen Meilensteins.

Diese Erfolgserlebnisse zeigen sich auf unterschiedlichste Art und Weise und hängen ganz allein davon ab, welchen Weg du zu Beginn eingeschlagen hast. Sei es eine Ausbildung, ein Studium oder eine vielversprechende Karriere im neuen Job. All diese Weggabelungen sind individuell und obliegen deinem beruflichen Geschmack und dem Enthusiasmus, den du ihnen entgegenbringst. Die ersten Schritte auf diesem neuen Pfad mögen vielleicht etwas wackelig oder holprig sein, doch wichtig ist, dass du sie gehst und dir alle Zeit der Welt für sie nimmst. Einleuchtend, nicht wahr? Schließlich ist es dein ganz eigener Pfad, den dir sicherlich kein anderer Mensch ebnen kann und wird. Nun stellt sich die Frage mit der darauf passenden Antwort: „Wozu die Eile? Mein Lebensweg und mein ganz eigenes Tempo.“ Ganz so einfach ist es dann wohl doch nicht, denn unser Umfeld erwartet von uns die Leistung und die Setzung der besagten, vorgesehenen Meilensteine. „Wann bist du fertig?“ „Was wird man damit?“ „Was wirst du als nächstes tun?“ Die Liste der Fragen dieser Art scheint unendlich lang zu sein. Somit wird der innere Jakobsweg und die damit gewünschte Selbstfindung sowie Selbstoptimierung zum Spießrutenlauf.

Denn es muss schnell gehen, zumindest schneller als deine selbst vorgesehene Geschwindigkeit. Diese Erwartungshaltung kann gegebenenfalls zu Angstzuständen und Momenten von Verzweiflung führen. Irgendwie wirken diese Emotionen sehr vertraut. Als ob wir sie bereits seit Beginn unserer Existenz kennen würden. Eben diese Gefühlskombination, die uns so bekannt vorkommt, scheint wiederum an die Kindheit und die darin vorkommenden Wesen zu erinnern. Wesen, die längst in Vergessenheit gerieten, die scheinbar nur in der Kältestarre auf das Wiedererwachen gepocht haben. Jeder von uns kennt diese Kreaturen, deren Ursprung in der Dunkelheit des Schlafgemachs liegen. Ausgesät im Schatten, treten sie plötzlich aus diesem hervor, der sich unter Möbelstücken oder in verwinkelten Bereichen des Zimmers befindet. Diese Monster aus unserer Kindheit, die einst in der Kinderstube unter dem Bett oder im Kleiderschrank hausten, sind mit uns zusammen erwachsen geworden und haben unsere Seite nie verlassen. Ganz im Gegenteil. Während wir diese Ausgeburten psychologischer Abgründe für tot oder sie für vertrieben hielten, sind sie lediglich in unsere Köpfe gewandert, um dort ihr Werk weiterhin verrichten zu können. Sie bringen uns ins Schwanken bei Entscheidungsfindungen und lassen uns glauben, dass wir nicht gut genug für anstehende Aufgaben und Herausforderungen sind. Die Schattenmonster sind herangewachsen und nennen sich heute Selbstzweifel und Versagungsangst, um nur wenige ihrer Namen zu nennen. Stets an unserer Seite werden nun das Abschließen von Ausbildungen in diversen Bildungseinrichtungen, Aufbauseminaren oder das erfolgreiche Beenden von langjährigen Therapien zu Nervenzerreißproben. Wie man mit diesem permanenten Druck und den inneren Kämpfen mit diesen Kreaturen umgeht, ist selbstverständlich wieder eine Frage des Typs. Manch eine Person stellt sich ihnen und manch einer zerbricht unter ihnen, wie man tagtäglich feststellen darf.

Avicii beispielsweise, nahm sich das Leben, da er mit dem stetig wachsenden Leistungsdruck und dem Produzieren des nächstgrößeren Hits nicht fertig wurde. Er zerbrach unter der Erwartungshaltung seiner Fans und der Musikindustrie. Dieser tragische Fall vom Scheitern eines jungen Künstlers ist leider kein Einzelfall. Es gibt unzählige junge Künstler, die auf ihrem künstlerischen Werdegang durch die Anwesenheit besagter Kreaturen auf Irrwege geraten und vor Sackgassen zum Stillstand kommen. Jean-Michel Basquiat, Amy Winehouse, Kurt Cobain und Marilyn Monroe sind nur wenige von etlichen Namen, die eines Tages vor der bereits erwähnten Sackgasse standen und nicht mehr wussten, wie sie diese überwinden sollen. Während viele Menschen und die Medien Selbstmord, Drogenmissbrauch und Depressionen für die Ursachen ihrer Tode hielten, waren das bloß die Symptome ihrer Hilflosigkeit. Um nur wenige von ihnen anzureißen. Das Besagte zu veranschaulichen, müsste man nur einen kurzen Blick auf Naturkatastrophen, wie zum Beispiel ein Erdbeben, werfen. Während Gebäude mit solidem Fundament einem Erdbeben mittlerer Stärke standhalten und nicht in sich einstürzen, sind fehlerhaft oder mangelhaft erbaute Häuser zum Sturz prädestiniert. Es ist sozusagen bloß eine Frage der Zeit. Ähnlich verhält es sich mit Menschen. Man könnte jetzt natürlich annehmen, dass es nur Schicksalsschläge dieser Art bei Prominenten gibt, doch das wäre sicherlich keine korrekte Annahme. Die Fallhöhe bei Prominenten ist lediglich um ein Vielfaches höher und wird durch Photographien, Filme, Musik und Dokumentationen festgehalten. Transparenz ist hierfür das Schlüsselwort, denn bei unseren weniger bekannten Mitmenschen bekommen wir ihre Abgründe, Ängste und Tragödien nur selten mit. Ihr Scheitern wird uns nicht ständig vor die Augen geführt.

Da wir unsere Blicke auf den roten Teppich und die darauf schreitenden Stars richten, entgeht uns meist, dass die Menschen aus unserem Alltag ebenfalls mit unzähligen Dramen und Problemen belastet sind. Der Grund hierfür ist unter anderem die 24/7 Leistungsgesellschaft, die immer selbstverständlicher für uns wird. Dieser soziale und berufliche Bereitschaftsdienst, dem wir uns unterwerfen um konkurrenzfähig zu bleiben, kann über kurz oder lang zum chronischen Stressfaktor werden. Dummerweise nehmen wir diese dauerhafte Stressbeschallung kaum noch als solche wahr. Die logische Konsequenz, die sich hieraus ableiten lässt, ist das Gefühl von Leere und Überbelastung oder im Extremfall auch schlicht und einfach Burnout genannt. Nun ist es, wie bereits am Anfang der Kolumne schon erwähnt, immer eine Frage des Umgangs mit dem Ungleichgewicht der Work-Life-Balance und den inneren Dämonen. Manch eine Person stürzt sich in absurde und gesellschaftsunfähige Verhaltensmuster, um diesem omnipräsenten Stresszustand entfliehen zu können. Während ein Teil der Gesellschaft meist in Lethargie verfällt und kaum noch aktiv am Leben teilnimmt, ist ein anderer Teil in irgendeiner Form damit beschäftigt diese Drucksituationen zu verarbeiten. Hin und wieder läuft die Verarbeitung erfolgreich ab, doch manchmal ist der Erfolg eher aussichtslos, um es mal wertneutral auszudrücken. Die eher geringer erstrebenswerte Variante äußert sich in Form von Ablenkung oder gesteigertem Verhalten, das nahezu histrionische Züge aufweist. Das Hauptziel, dieser Negativbeispiele ist es, dem Leistungsdruck und den Bürden der Erwachsenenwelt durch Überkompensation entgehen zu können. Koste es, was es wolle. Um Himmels willen nicht erwachsen werden, lautet die Devise. Gewisse Aspekte, die ich hier nun teils schildere, finden sich laut Dan Kiley im „Peter Pan-“ und „Wendy-Syndrom“.

Eine ewig jung bleibende Stimme, ein kindhaftes Antlitz gepaart mit affektiertem Verhalten und schallendem Gelächter, das nahezu permanent abrufbereit ist, gehört zu den Persönlichkeitsmerkmalen dieser Menschen. Selbstverständlich zählen belanglose Gespräche kombiniert mit der wohl primitivsten Form von Sprache, was sich im Gebrauch von Fäkalworten äußert, dazu. Damit nicht genug, wird das ganze Drama mit materiellem Hab und Gut akzentuiert und schön zur Schau gestellt. Liegt doch klar auf der Hand! Denn das Umfeld soll sehen, wie wunderbar Wendy und Peter sind. Ihr Ziel ist es stets die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Was für den einen oder den anderen Otto-Normal-Menschen, wie der erste Akt eines Theaterstücks klingen mag, ist für Akteure dieser Art Lebensinhalt und trauriger Alltag. Bloß nicht mit etwas Sinnvollem die eigene Zeit verbringen und ja kein Buch lesen, geschweige denn anfassen. Denn Bildung bedeutet Weiterentwicklung sowie Wachstum und das erinnert an das Unwort Erwachsen. Daher heißt es möglichst viel Zeit mit unsinnigen Themen und Ereignissen verschwenden. Botox statt Hirn und Hyaluronsäure statt Empathie ist das Motto. Schließlich lässt sich doch alles, was nicht positiv im Charakter erscheint, mit dem perfekten und jugendhaften Erscheinungsbild korrigieren – oder etwa nicht?

Und falls das nicht reichen sollte, könnte Frau sich nämlich einfach den Klassiker um den Arm hängen. Eine Louis Vuitton Handtasche, während der Mann zur Rolex greift. Somit sehen wir wie sich die Spreu vom Weizen trennt. Selbstverständlich ist es vollkommen in Ordnung sich etwas zu gönnen und auf sich zu achten. Doch sollte der Fokus nicht nur hierauf liegen. Denn das größtmögliche Glück im Leben ist Selbstverwirklichung. Ganz egal, wie auch immer diese aussehen mag. Sei weder Rolex-Peter, noch Louis-Vuitton-Wendy, sondern arbeite an dir und nimm dir deine Ruhephasen, um nicht an der Leistungsgesellschaft zu zerbrechen.

 

Umut Akcay

Umut Akcay

Umut, vom Bosporus ab ins idyllische Heidelberg, wo er sich dachte, er könne ja mal Germanistik studieren. Er kennt mehr Worte, als Langenscheidts komplette Enzyklopädie. Kaum jemand nimmt sich so oft selbst auf die Schippe und ist dabei gleichzeitig noch so zurückhaltend selbstkritisch.

 

Fotos: indiraswork / stock.adobe.com; Umut Akcay privat

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