Kolumne: Ich bin nicht deine Egospritze!

Kolumne: Ich bin nicht deine Egospritze!

by Diana Debatin

Kolumne: Ich bin nicht deine Egospritze!

Es ist Samstagvormittag, als sich mein Smartphone bemerkbar macht und eine Nachricht von dir anzeigt. Wieder einmal aus dem Nichts! Wochenlang habe ich kein Sterbenswort von dir gehört, wie so oft in den vergangenen Monaten. Du fragst mich was ich treibe – ob ich Bock hab, mit dir was zu starten. Ich denke eine Weile darüber nach, während mir Teufel und Engel auf der Schulter sitzen. Klar hab ich Zeit! Ich sitze schon den ganzen verdammten Morgen in meiner Wohnung und kann mich zu nichts aufraffen, aber wieso soll ich immer gleich springen, wenn der Herr sich mal dazu herablässt zu rufen?!

Eine Stunde später sitze ich im Auto und fahre auf die Autobahn auf. So richtig kann ich mich selbst nicht verstehen, aber ich verbringe gerne Zeit mit dir. Du kommst mir entgegen, strahlst mich an und ich fühle mich direkt wohl. Zusammen ziehen wir um die Häuser, besuchen deine Freunde, gehen Essen und führen stundenlange Gespräche an der Bar. Nachdem ich dich mit deinem Verhalten der letzten Monate konfrontiere, öffnest du dich zum ersten Mal. Ich versuche das Konstrukt aus Scherben zusammenzusetzen, um hinter die Fassade schauen zu können, aber es gelingt nur bedingt. In gewissem Maße bist du eine gebrochene Seele, die sich selbst nicht richtig deuten und erklären kann. Du tust mir leid!

Am nächsten Morgen wachen wir im gleichen Bett auf. Es könnte so perfekt sein, aber es will einfach kein Kribbeln entstehen. Ich dachte es würde vielleicht etwas länger dauern, aber auch wenn es mir bei dir gut geht, es wollen einfach keine Schmetterlinge aufsteigen. Eigentlich ist das aber auch gar nicht schlimm. Ich mag dich einfach nur und vielleicht geht es dir genauso. Ich mache mich auf den Heimweg.

MUTTER TERESA MELDET SICH ZUM DIENST

Wieder verschwindest du für eine gefühlte Ewigkeit von der Bildfläche. Wieder kommt eine Nachricht, die vollkommen unerwartet das Schweigen bricht. Ich bin unterwegs, habe viel um die Ohren und vergesse zu antworten. Ein bisschen ist es mir aber auch gleichgültig geworden, weil ich dein Verhalten schlichtweg nicht nachvollziehen kann. Ich frage mich, was du eigentlich von mir willst, was das alles sein soll, wieso du so undurchschaubar bist. Nichts ergibt einen Sinn und für dein Verhalten lässt sich einfach kein Ursprung finden. Ich versuche es auf deine Vergangenheit zu schieben, aber auch das würde es nicht erklären. Ich mag dich nicht als Partner, aber ich möchte eine gewisse Beständigkeit, wenn es sich hierbei um eine Art Freundschaft handeln soll. Die kannst du mir aber nicht bieten, also rückst du in den Hintergrund.

Wochen später erinnere ich mich an die Nachricht und melde mich zurück. Du antwortest sofort! Es geht dir schlecht, sehr schlecht! Es bricht mir das Herz deine Zeilen zu lesen und ich biete dir meine Hilfe an – als Freund! Du nimmst sie dankend an. Wieder sitze ich kurze Zeit später im Auto und fahre auf die Autobahn auf. Als ich bei dir ankomme, möchtest du nicht reden, zumindest nicht über deinen Kummer! Du willst mit mir lachen und dich ablenken. Das ist okay, auch das kann Wunden heilen. Du hältst mich fest in deinen Armen und schaust mir dabei tief in die Augen. Ich spüre eine gewisse Verbundenheit, aber keine Verliebtheit. Bei dir bin ich mir nicht sicher, etwas ist anders als sonst. Am Tag darauf meldest du dich nur kurz, nachdem ich Zuhause angekommen bin. Darauf folgt erneut die altbekannte Funkstille.

BEZIEHUNGSSTATUS: MEHR SCHEIN ALS SEIN

Knappe zwei Wochen später präsentierst du, mit stolzgeschwellter Brust, deine neue Freundin in den sozialen Medien. Tatsächlich komme ich mir ein bisschen verarscht vor. Nicht weil ich eifersüchtig bin, sondern weil es – wie alles von dir – aus dem Nichts kommt. Vollkommen unerwartet und so selbstverständlich als wäre sie seit Jahren an deiner Seite. Es benötigt eine kurze Eingewöhnungsphase, bis ich mich für dich freuen kann.

Und so freue ich mich auch, als ich dir ein paar Monate später wieder begegne. Ich freue mich wirklich, denn eigentlich bist du ein guter Kerl. Eigentlich hast du Manieren, Grips und Humor – in gewisser Hinsicht bist du nur manchmal ein Arschloch. Vielleicht unbewusst, zumindest rede ich mir das gerne ein. Ich frage dich, wie es dir geht, du zögerst. So richtig gut scheinbar nicht. #Couplegoal actually not available.

Ein paar Stunden später fragst du, ob ich mit in dein Hotel mag. Ich lache. Ja, wahnsinnig witzig, du Scherzkeks. Du dagegen lachst nicht, du meinst es ernst. Und plötzlich begreife ich, was ich für dich bin! Zwar glaube ich immer noch, dass du im tiefen Herzen ein guter Mensch bist, andere für das Pushen deines Wohlbefindens aber gnadenlos ausnutzt. Ob bewusst oder nicht kann ich nicht beurteilen. Ich habe es längst aufgegeben, zwischen deinen Zeilen lesen zu wollen. Wahrscheinlich stehst du dir selbst im Weg – bist vom Leben, den Menschen und dir selbst enttäuscht. Das ist schrecklich, aber lange kein Grund, andere für deine Zwecke zu missbrauchen.

Schon gar nicht die Menschen, die es gut mit dir meinen. Ich bin nicht deine Egospritze! Dafür bin ich mir zu schade!

 

Diana Debatin

Diana Debatin

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Foto: blackday / adobe.stock.com

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