Die Gegenperspektive: Wo beginnt sexuelle Belästigung?

Die Gegenperspektive: Wo beginnt sexuelle Belästigung?

Die Gegenperspektive: Wo beginnt sexuelle Belästigung?

Als vor 2 Tagen mal wieder ein neues Video auf Youtube virale Runden drehte, brach eine ziemlich große Diskussion aus. Das Video zeigt eine junge Frau durch die Straßen New Yorks schlendern, bei ihrem 10-stündigen Walk wird sie über 100 Mal von fremden Männern angesprochen. Ihr Vorwurf: Sie wurde trotz unauffälligen Auftretens sexuell belästigt.

Nicht alles, was belästigend aufgenommen wird, wird auch so abgesendet

Da ruft ein Mann einer attraktiven Frau ein „Hello Beautiful“ hinterher, ein anderer fragt sie, wie es denn ginge, noch ein anderer wünscht ihr einen guten Tag. Ist das jetzt etwa sexuelle Belästigung? Wenn es nach Shoshana Roberts geht, dann wohl ja. In ihrem Video hält sie jede kleine Bemerkung fest, die ihr während ihres Spaziergangs von Fremden entgegen geworfen wird. Zugegeben, einige Männer sind weit über die Ziellinie hinausgeschossen, belästigen die angehende Schauspielerin minutenlang auf dreisteste Weise oder warnen „Du solltest ‚Danke‘ sagen, wenn dir jemand sagt, dass du schön bist“. Sowas ist selbstverständlich ein No-Go und ein großes Problem, das viele Frauen aus ihrem persönlichem Alltag kennen. Aber dennoch, ich kriege das Gefühl nicht los, dass ich es mir als Mann heute doch lieber zweimal überlegen sollte, einer Frau ein nettes Kompliment zu machen. Anscheinend laufe ich Gefahr, im Internet als perverser Sexist dargestellt zu werden, wenn ich einer Frau ein „Hey wie geht’s?“ zurufe.

Nicht alles, was belästigend aufgenommen wird, wird auch so abgesendet. Selbst das Pfeifen, das heute ja als so anzüglich und dreist gilt, war früher ausdrücklich als Kompliment gedacht und wurde von Frauen auch als ein solches anerkannt. Jetzt sieht’s anders aus: Da geht es manchen schon mit einem einfachen „Hallo“ zu weit.

„Du verstehst es nicht“, sagt meine Kollegin, als ich mit ihr diskutiere, „Es ist die Art, wie viele dabei gaffen, die zweideutigen Geräusche, der Unterton in der Stimme. Und wenn dir sowas gehäuft und regelmäßig seit dem Teenager-Alter passiert, nervt es einfach nur noch.“

Nun gut, vielleicht fehlt mir da auch die persönliche Erfahrung, um angemessen mitreden zu können. Ich vertrete dennoch die Meinung, dass ein gut gemeintes Kompliment und auch der ein oder andere Anmachspruch durchaus gemacht werden darf, ohne gleich eine Sexismus-Debatte auszulösen. Denn Sexismus bedeutet schließlich die Diskriminierung und Anders-Behandlung eines Menschen aufgrund seines Geschlechts. Wenn ich nun einer Frau auf der Straße ein Kompliment mache, dann weil ich sie attraktiv finde, nicht mit dem Hintergedanken „Ich mache dich dumm an, weil ich mich für etwas Besseres halte.“

„Gegen nette Kontaktaufnahmen sagt auch keiner was. Wie in den meisten Dingen des Lebens: Der Ton macht die Musik. Wenn mit musterndem Blick auf den Hinterteil und süffisanten Grinsen ein ‚Gott segne dich‘ hinterher gerufen wird, ist das respektlos. Das gefällt keiner anständigen Frau“, so meine Kollegin weiter.

Wer hat nun Recht?

Respektlos schon, aber gleich sexuelle Belästigung? Darüber lässt sich streiten, denn die Grenzen zwischen charmant und belästigend sind fließend und auch extrem subjektiv. Ich empfinde etwas als freundlichen Versuch, mit einer Frau Kontakt aufzunehmen, sie fühlt sich bedrängt, wer hat nun Recht? Und nicht nur zwischen Männern und Frauen herrschen unterschiedliche Auffassungen, auch unter Frauen selbst ist man da nicht einer Meinung. Was die eine augenzwinkernd locker auf die Schulter nimmt, ist der anderen zu viel des Guten.

„Das ist richtig. Aber, was gar nicht okay ist: Jemanden, der sich nun mal bedrängt fühlt, weswegen auch immer, als lächerlich zu bezeichnen. Wenn eine Frau etwas partout als störend empfindet, dann ist es ihr gutes Recht. Gleiches gilt für Männer. Dass das ständig unterbuttert und einem dann ‚Übertreibung‘ vorgeworfen wird, ist eine traurige Tatsache.“

Wo genau Belästigung anfängt, legt also jeder selbst fest. Sexuelle Belästigung ist aber dennoch etwas anderes, es handelt sich hierbei immerhin um eine Straftat. Sollte ich also bestraft werden, wenn meine Kontaktaufnahme subjektiv als frivol empfunden wird? Das wird wohl in naher Zukunft nicht mit Einverständnis aller beantwortet. Ich bleibe trotzdem bei der Aussage, dass es für Männer schwerer geworden ist, sich einer Frau zu nähern, ohne dabei an den Pranger gestellt zu werden. Und auch das ist schließlich Sexismus: Die Annahme, dass jeder Mann Täter und jede Frau Opfer ist.

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